Corona. Oder: Wie es zu meiner Kündigung kam

Eigentlich wäre ich heute irgendwo zwischen Karlsruhe und Bad Langensalza und würde dort meinen freien Tag vor der nächsten Show genießen. Eigentlich … Stattdessen sitze ich mit dem ersten Sonnenbrand des Jahres – wie immer habe ich die Frühlingssonne unterschätzt und meine Käsehaut erst im Nachhinein mit Lichtschutzfaktor 50 gewappnet – auf meinem Balkon und tippe einen Text über das vorzeitige Ende einer beruflichen Reise, die mich noch bis Ende April quer durch Deutschland und das europäische Ausland geführt hätte. Wäre da nicht diese unsichtbare Bedrohung, die unser aller Leben gerade auf den Kopf stellt. Die unseren Augen verborgen bleibt, sich aber tagtäglich in neuen Zahlen äußert. Die dafür sorgt, dass Gesundheitssystem, Politik und Wirtschaft auf eine harte Probe gestellt werden. Die die Medien dominiert und kaum noch Platz lässt für andere Nachrichten. Von der noch vor einigen Wochen wohl keiner geglaubt hätte, dass sie uns in einem solchen Ausmaß erreicht. Deren Name nun in aller Munde ist … Corona.

Aufgrund von Corona fand mein Leben als Tournee-Assistentin, von dem ich noch in meiner letzten Kolumne berichtete, ein jähes Ende. Wir hatten die aktuellen Entwicklungen verfolgt. Wir nahmen Kenntnis von den ersten Absagen von Großveranstaltungen. Und anfangs machten wir noch unsere Späßchen, wenn jemand nieste oder das Corona-Bier kaltstellte. Humor, sei er auch noch so flach, kann eine Art Schutzschild darstellen. Ein Schutzschild, das dich vom Ernst der Lage ablenken soll. Und das dir kurzzeitig das Gefühl gibt, selbst nicht angreifbar zu sein. Doch es lässt sich nicht ewig aufrechterhalten. Spätestens als ich selbst anfing zu schniefen und zu husten, fiel mein Schutzschild. Und auch wenn es nur eine gewöhnliche Erkältung war, mit der mich ein Arzt für einige Tage krankschrieb, war nun klar, dass man der Sache nicht mehr aus dem Weg gehen konnte. Dennoch sah ich das Ende unserer Tour nicht kommen, als ich mich am 11. März in Braunschweig in den Zug setzte, um für ein paar Tage nach Hause zu fahren.

Ich fuhr in der Annahme, in der nächsten Woche zurückzukommen und mein Vagabunden-Leben fortzusetzen. Packte nur ein paar notwendige Sachen, verabschiedete mich nicht von der Crew, als ich mich morgens, während noch alle schliefen, leise aus dem Bus stahl. Es sollte nur eine kurze Auszeit werden. Der Zug nach Bochum, wo ich wieder zu den anderen gestoßen wäre, war bereits gebucht. Doch noch am selben Abend erreichte mich die Nachricht, dass die beiden Shows in Norwegen, die für die folgenden Tage geplant waren, gestrichen wurden.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich unseren Tourbus nicht noch einmal betreten würde. Erst zwei Tage später liefen die Entwicklungen endgültig in diese Richtung. Die Shows der kommenden Woche wurden abgesagt, der Bus musste vorerst geräumt werden. Wie es danach weitergehen würde, war unklar. Und so hing ich in der Schwebe. Auch wenn das für den einen oder anderen zu drastisch klingen mag, für mich fühlte es sich an diesem Wochenende an, als stecke ich zwischen zwei Welten fest. Eben noch auf Achse, jeden Tag woanders, umgeben von unzähligen Menschen. Nun in heimatlichen Gefilden, festgesetzt auf unbestimmte Zeit. Sollte ich meine eigene Wohnung wieder aus dem Winterschlaf wecken oder weiter bei der Familie ausharren?

Die Entscheidung folgte am Montag: Alle Veranstaltungen bis zum 19. April wurden verboten. Unsere Tournee war auf Eis gelegt. Statt an diesem Tag wieder in den Zug zu steigen, hielt ich meine Kündigung in der Hand. So schnell kann es gehen. Ein Schicksal, das ich im Moment mit vielen anderen teile.

Gekündigt, in Kurzarbeit, die Existenz des eigenen Geschäfts bedroht – die Auswirkungen der Krise sind vielseitig, die Chancen auf einen neuen Job gerade denkbar gering. „Einstellungsstopp“, „Geduld“ und „Abwarten“ sind nur ein paar der Worte, die ich in letzter Zeit häufig höre. Wie also weitermachen? Eine Frage, die mich vor einigen Monaten, als ich mein Studium beendete, schon einmal beschäftigte. Und dennoch hat sie heute einen anderen Beigeschmack. Denn es ist normal, nach dem Studium nicht gleich einen Job zu finden. Aber in unserer Gesellschaft ist es nicht normal, dass das Leben stillsteht, weil uns ein Virus überrollt. Es ist nicht normal, dass Kinos, Restaurants, Theater, Museen, Geschäfte und dergleichen geschlossen haben, weil wir auf Abstand gehen müssen, um diesem Ausnahmezustand früher oder später ein Ende zu bereiten. So ein Szenario lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Doch viele sehen in dieser Krise auch Gutes, heben positive Folgen für Mensch und Natur hervor, hoffen auf Veränderungen, die das Virus überdauern werden. „Wie verändert Corona unsere Gesellschaft?“ ist eine der wohl am häufigsten gestellten Fragen dieser Tage. Sie aus meiner Sicht zu beantworten, würde hier zu weit führen. Abschließend nur so viel: Auch ich habe Hoffnung. Die Hoffnung, dass jeder für sich etwas Gutes aus der Situation ziehen möge. Ganz egal, wie schwierig dies im Einzelfall erscheinen mag. Denn letztlich ist es doch so, dass gerade stürmische Zeiten zum Nachdenken anregen und uns – sei es auch nur gedanklich – im schwankenden Boot enger zusammenrücken lassen.

Text: Marie-Luise Unteutsch

Foto: Amac Garbe

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