Von einer, die auszog, Gelassenheit zu lernen

Ein älterer Mann tritt auf mich zu. Ich begrüße ihn mit einem Hallo und ernte im Gegenzug ein tiefes Stöhnen. Vor einigen Wochen noch hätte mich solch ein Verhalten maßlos geärgert, nun aber lerne ich langsam, dass es zu viele Menschen dieses Schlages gibt, um jedem einzelnen minutenlang böse Gedanken zu widmen. Dennoch verorte ich den Mann insgeheim auf meiner Unhöflichkeitsskala unter den unzähligen Menschen, die mir in der letzten Zeit mit Schweigen oder anderweitig unangemessen begegnet sind – meines Erachtens vollkommen ungerechtfertigt, denn ich möchte niemandem etwas Böses (okay, vielleicht einigen, nachdem sie mir all ihren Charme gezeigt haben).

Mein einziges Ziel: Merchandise verkaufen. Nicht marktschreierisch, nicht aufdringlich. Und trotzdem, immer wieder spielt sich dasselbe ab: Einige schleichen sich genauso lautlos davon, wie sie gekommen sind. Andere finden ihre Sprache plötzlich wieder. Und wieder andere – mittlerweile eines meiner Lieblingsszenarien, da ich hier meine telepathischen Fähigkeiten schulen kann, indem ich rate, was mein Gegenüber haben möchte – strecken dir wortlos ein paar Geldscheine entgegen. Getoppt wird das Ganze nur noch von denjenigen, die – Begrüßung hin oder her – direkt ihren Unmut zum Ausdruck bringen. Mein bisheriger Platz 1: „Sind Sie dafür zuständig, dass es im Saal so zieht?“ Kurzum, eine tägliche Melange aus reiner Unhöflichkeit, menschlicher Einfalt und fehlender Empathie.

Zugegeben, manchmal identifiziere ich mich bis aufs Äußerste mit Julius Fischers „Ich hasse Menschen“ (versteckte Leseempfehlung für alle, die sich auch häufig von ihren Mitmenschen genervt fühlen). Aber bei aller Schwarzmalerei gibt es sie doch auch, die überraschend netten, bereichernden oder skurrilen Begegnungen. Der Mittfünfziger etwa, der – eine Stunde zu früh, um seine Eltern abzuholen – geschlagene 60 Minuten über Traktoren und Oldtimer-Treffen fachsimpelt. Das 11-jährige Mädchen, das sich wie eine kleine Königin über ihre Autogrammkarte freut. Oder an einem der freien Tage zwischen den Shows das Ehepaar am Nachbartisch in einem kleinen Café, das gemeinsam in Erinnerungen schwelgt.

Es braucht eben nicht viel, um den negativen Schwingungen des alltäglichen Wahnsinns von Zeit zu Zeit zu entkommen. Um daran erinnert zu werden, dass missmutige Menschen nicht diejenigen sein sollten, die dein Denken und Handeln bestimmen. Kleine Glücksmomente, die über unfreundliche Kunden hinwegtrösten. Die dich die Macken deiner Kollegen besser ertragen lassen, denen du Tag für Tag, Woche für Woche ausgeliefert bist. Nicht „9 to 5“, sondern schon beim Frühstück und auch noch nach Feierabend im Tourbus, den du für ein paar Monate dein Zuhause nennst.

Privatsphäre? Nun, wenn man einen Vorhang vor dem Bett so nennen möchte. Pflichtinventar: Ohropax, Kopfhörer und starke Nerven. Denn wenn zwölf Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten, auf so engem Raum zusammenleben, sind Reibungen und Konflikte vorprogrammiert. Mitten in der Nacht aufwachen, weil plötzlich die Bässe wummern? Check! Feststellen, dass sich wieder einmal jemand an deinen privaten Sachen im Kühlschrank bedient hat? Double Check! Demokratische Abstimmungen, bei denen sich hinterher mindestens einer beschwert, weil seine Meinung die einzig richtige ist? Auch daran kann ich einen Haken setzen.

Früher einmal dachte ich, Zickenkrieg sei etwas typisch Weibliches. Nach nunmehr drei Monaten als eine von zwei Frauen auf einer Tournee, an der alles in allem rund 30 Leute mitwirken, kann ich sagen: Ich habe mich getäuscht. Statt miteinander zu reden, wird übereinander geredet. Und das eigene Leid muss stets größer sein als das der anderen. Das einzige, was sich bei diesen Spielchen ändert, ist der Austragungsort. Heute Köln, morgen Hannover, übermorgen Frankfurt am Main.

Nächte auf den Straßen Deutschlands. Einige verbringst du friedlich schlummernd in deiner Koje, in den Schlaf gewogen durch das leichte Schaukeln des Busses, das du in den wenigen Nächten im Hotel schon fast vermisst. In anderen hängst du noch lange den Blick auf die Autobahn gerichtet deinen Gedanken nach, denn wie auch VON WEGEN LISBETH singen, „weil man dabei so schön melancholisch sein kann“. Doch irgendwann übermannt dich die Müdigkeit und wenn du am Mittag aufwachst, begrüßt dich eine neue Stadt. Ein Vagabunden-Leben, in dem du dich jeden Tag überraschen lässt, ob es heute warmes, kaltes oder gar kein Wasser zum Duschen gibt. Heruntergekommene Hallen treffen auf modernste Architektur. Und das ist auch meist das einzige, was du von den Orten siehst. Über 100 Shows in knapp fünf Monaten. Das heißt außerdem, dass du Familie und Freunde nur mit viel Glück und guter Organisation einmal zu Gesicht bekommst.

Was dich all dies jedoch lehrt, ist die Wertschätzung von vermeintlich ganz alltäglichen Dingen. Raum für dich, also auch mal eine Tür, die du hinter dir abschließen kannst. Ein sauberes Badezimmer. Schlicht und ergreifend deine eigenen vier Wände. Gleichzeitig wirst du gelassener im Umgang mit Situationen, die du nicht ändern kannst. Einfach mal in den „Scheißegal-Modus“ schalten macht vieles leichter. Auch wenn der Weg dorthin nicht immer einfach ist und das Ganze mal mehr, mal weniger gelingt. Doch wenn es nur das ist, was ich von dieser Station meines Lebens mitnehme, dann ist es schon mehr, als ich je gedacht hätte.

Text: Marie-Luise Unteutsch

Foto: Amac Garbe

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