Das Kino ist im Aufwind. Das bewies zuletzt das deutschlandweite Kinofest am 12. und 13. September. In der fünften Edition hat das Fest, bei dem jede Kinokarte fünf Euro kostet, alle Besuchsrekorde gebrochen. Es ist das beste Besuchsergebnis eines Samstags und Sonntags seit 2006 und der zweitbeste Kinosonntag seit dem Jahr 2000.
Für das gesamte Kinojahr 2025 meldet die Filmförderungsanstalt 91,9 Millionen verkaufte Tickets, was eine Steigerung zum Vorjahr um zwei Prozent bedeutet. Bei den Programmkinos gibt es sogar einen Anstieg um fünf Prozent auf 13,7 Millionen Ticketverkäufe, womit auch einige Jahre vor der Corona-Pandemie übertroffen wurden. Ein Fakt, der auf der diesjährigen Filmkunstmesse in Leipzig freudig diskutiert wurde. Und das Jahr 2026 könnte u. a. wegen Blockbustern wie „Die Odyssee“, „Spider-Man: Brand New Day“ oder „Der Teufel trägt Prada 2“ noch besser werden – auch in den Arthousekinos.
Mut schöpfen aus der Vergangenheit
Bei der Filmkunstmesse Mitte September liefen freilich andere Filme. Die Filmkunstmesse 2026 als Branchentreff der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e. V., dem Verband der Programmkinos und Filmkunsthäuser in Deutschland, konnte dabei mit über 90 gezeigten Filmen selbst einen Rekord verbuchen. Den Gilde-Filmpreis für den besten Film national konnte dabei „Vaterland“ abräumen, der aber nicht selbst auf der Messe lief. Der beste Film international wurde die spanisch-französische Ko-Produktion „La Bola Negra“ und der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an „Biermann“, wobei Wolf Biermann selbst das Wort ergriff. „Ich habe einen großen Verdienst an diesem Film, indem ich mich nicht eingemischt habe. Sobald das ein Film wird, geht es mich nichts mehr an“, sagte er in seiner neunminütigen Rede. Viele jüngere Menschen wüssten gar nicht mehr, wer dieser Biermann ist. „Sie leben in einem anderen Koordinatensystem, in einer anderen Blase, mit anderen Konflikten, aber in demselben Land. Wenn die diesen Film schauen, dann könnten sie sehen, dass man sich wehren kann gegen Barberei, gegen Unrecht, gegen Lüge. Und dass man nicht daran kaputtgehen muss. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nicht nur an den Schlägen zugrunde geht, die man einsteckt, sondern vor allem auch an den Schlägen, die man nicht austeilt. Dass man ein Feigling wird und sich nicht mehr wehrt; dass man verkümmert; vertraurigt und verblödet vor lauter Selbstmitleid. Ich bin sicher, der Film findet Leute, die ihn gut brauchen können.“
Gerade um den Film und das Kino als Anker, Gemeinschaftsort, Ort des Austausches und der Reibung ging es in den verschiedenen Panels der Messe. Denn sie stärken damit auch die Demokratie, die zunehmend unter Druck gerät. Es ginge darum, Menschen zusammenzubringen, nicht auseinander, etwa durch Initiativen wie den Europäischen Kinotag der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai (CICAE), dem internationalen Verband von Filmkunsttheatern, am 22. November. Und darum, die Differenz im Kino zu bewahren und zu fördern und nicht etwa durch verschlankte Förderstrukturen nur politisch gewollte Filme zu produzieren. Denn die Frage ist immer: Wer ist sichtbar im Kino? Dabei war das neu beschlossene Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz (MedienInvestVG) der Bundesregierung, das Streamingdienste und Sender dazu verpflichtet, mindestens acht Prozent ihres Jahresumsatzes in den Filmstandort Deutschland zu investieren, mehrfach Thema.
Digital Detox im Kino
Auch die Künstliche Intelligenz erregte die Gemüter und der Wunsch nach juristischen Spielregeln brandete auf, besonders beim Einsatz in kreativen Bereichen. Schließlich würden die Menschen auch für den Digital Detox ins Kino gehen. Und das KI in Kino sei wichtiger als das in Künstlicher Intelligenz, sagte Kirsten Niehuus von der Filmförderungsanstalt, die übrigens den Ehren-Gildepreis für ihre Verdienste vor allem in der Filmförderung erhielt. Sinnvoll könnte der Einsatz von KI beispielsweise in der Förderung sein, um Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen.
Bei den Kinoprogrammpreisen der Mitteldeutschen Medienförderung, die im Rahmen der Filmkunstmesse vergeben werden, konnte dieses Mal das gewerbliche Puschkino aus Halle/Saale den Hauptpreis für das beste Jahresfilmprogramm im Wert von 25.000 Euro abräumen. 15.000 Euro für ein hervorragendes Jahresfilmprogramm bekamen u. a. noch Cineding, die Kinobar Prager Frühling sowie die Schaubühne Lindenfels aus Leipzig und aus Dresden das Programmkino Ost, Thalia – Cinema. Coffee and Cycling und das Zentralkino. Bei den alternativen Abspielstätten steht der Moritzhof Magdeburg ganz oben und bekommt 15.000 Euro für das beste Jahresfilmprogramm. Mit 10.000 Euro für ein hervorragendes Programm wurden aber auch das Kunstbauerkino Großhennersdorf und das UT Connewitz in Leipzig ausgezeichnet.
Text: Nadine Faust
Foto: Christian Bräuer von der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e. V., Wolf Biermann und Kirsten Niehuus (v. l.) im Rahmen der Filmkunstmesse 2026. © AG Kino, Mathias Voeltzke