Rückkehr in ein gespaltenes Deutschland: Nach langen Jahren im Exil stellt sich Thomas Mann (Hanns Zischler) 1949 bei einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main den Fragen der Journalisten. © Agata Grzybowska

Neu im Kino: Vaterland

Nachdem der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski dafür in Cannes bereits den Preis für die beste Regie gewinnen konnte, startet sein neuester Film heute offiziell in den deutschen Kinos und überzeugt dort als europäisches Erzählkino über eine gespaltene literarische Familie.

Filmische Biografien, aber anders

Einer der häufigsten Fallstricke filmischer Biografien ist es, das Leben einer Persönlichkeit der Weltgeschichte in eine abgeschlossene Erzählung zu pressen und innerhalb eines Filmes abschließend zusammenfassen zu wollen. Zu schnell entstehen auf diese Weise ewig gleiche Muster eines rasanten Aufstiegs zur Berühmtheit aus schwierigen Umständen, bevor gerade aus diesem Erfolg heraus die altbekannten Probleme entstehen, die Ruf und Relevanz einer bekannten Figur in Frage stellen.

Letztlich soll bei derartig standardisierten Kino-Biografien stets vor allem eines herausgearbeitet werden und das Publikum beeindruckt hinterlassen: der einzigartige Genius des gesegneten Individuums, der alle Zeit und Kritik überdauert und deren weltgeschichtliche Relevanz untermauert. Hier seien beispielsweise musikalische Filmbiografien wie „Bohemian Rhapsody“ über Freddie Mercury und Queen genannt, oder auch biografische Genieerzählungen wie „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ über Stephen Hawking. Umso erfrischender ist, wenn sich immer mal wieder ernsthafte filmisch-biografische Ansätze zeigen, die diesem Fallstrick entkommen und sich eine eigensinnigere Herangehensweise an dieses Genre trauen.

Was alternative und deutlich spannendere filmische Ansätze an Künstler:innen-Biografien hingegen oft miteinander teilen, ist ein konzentrierter Blick. Sie versuchen sich gar nicht erst daran, das ganze Leben einer berühmten Person abschließend darzustellen, sondern beschränken sich auf einen oder wenige entscheidende Zeitabschnitte daraus. Zudem zielen diese abweichenden Filmbiografien nicht auf die Darstellung eines genialen Individuums ab, dessen überragende Einzigartigkeit sich keinesfalls erklären ließe, sondern zeigen die inszenierten Figuren immer als Produkt ihrer Zeit beziehungsweise in einer ständigen Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung und den zeitgeschichtlichen Gegebenheiten.

Als ein besonderes Beispiel dieser qualitativen Spielart sei hier „Vor der Morgenröte“ über den Schriftsteller Stefan Heym im Exil erwähnt – interessanterweise ebenfalls eine Darstellung eines bedeutenden Autoren. Erfreulicherweise ordnet sich „Vaterland“ erfolgreich in die deutlich interessantere Kategorie von filmischen Portraits berühmter Persönlichkeiten ein.

Nachkriegstrümmer und emotionale Narben

Die europäische Koproduktion aus Polen, Deutschland, Frankreich und Italien befasst sich mit dem Beziehungsdreieck zwischen dem Schriftsteller Thomas Mann und dessen ebenfalls schreibenden Kindern Erika und Klaus innerhalb eines sehr genau abgesteckten Zeitabschnitts. Ehrlicherweise muss hier betont werden, dass es sich in dieser Konstellation vielmehr um eine zweiseitige (Nicht-)Beziehungsklammer handelt als um ein verbundenes Dreieck. Wir befinden uns wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Klaus Mann (gespielt von August Diehl) und Erika Mann (gespielt von Sandra Hüller) stehen in einem sehr vertrauten, wenn auch schwierigen Geschwisterverhältnis zueinander.

Klaus befindet sich immer noch in seinem französischen Exil, während Erika mit dem gemeinsamen Vater Thomas Mann (gespielt von Hanns Zischler) aus dem Exil in Los Angeles ins besetzte Deutschland gereist ist. Erika und Thomas scheinen ebenfalls in einem engen Verhältnis zueinander zu stehen, zumindest räumlich. Auf Vater-Tochter-Ebene wirken die beiden häufig eher distanziert zueinander, hauptsächlich verbunden durch ihre Liebe für die Literatur und die gemeinsame Verachtung für den noch spürbaren Nationalsozialismus in ihrer ehemaligen Heimat. Erika hofft, dass Klaus sie und den Vater auf der Reise durch ein zertrümmertes Deutschland begleiten würde. Thomas Mann erwartet dies ebenfalls, aber eher aus einer Verpflichtung heraus. Klaus und Thomas reden nicht miteinander und scheinen sich gegenseitig regelrecht zu fürchten.

Es ist genau dieses so komplexe wie komplizierte Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie, welches den zentralen Kern von „Vaterland“ bildet. Zwar begleiten wir in der Hauptsache Thomas und Erika Mann, wie sie durch das geteilte Nachkriegsdeutschland tingeln. Sie bewegen sich von einem repräsentativen Termin zum nächsten und ultimativ, um sowohl in der West- als auch in der Ostzone Preise für den Vater entgegenzunehmen. Begleitet werden sie von den ständigen Umwerbungen für Thomas Mann aus allen politischen Lagern sowie dem Geist des abwesenden Bruders. Eigentlich entführt uns der Film jedoch auf eine beeindruckend inszenierte Odyssee in die Abgründe einer Familienseele.

Oberflächlich betrachtet reisen die beiden Figuren und die sie schwebend in schwarz-weißenden Bildern begleitende Kamera durch ein zernarbtes Land, welches mit der eigenen Schuldfrage in unaussprechlichen Verbrechen nicht umzugehen weiß – oder will. Genauer betrachtet spiegeln sich in den umgebenden Trümmerlandschaften und der politischen Zerrüttung Deutschlands vielmehr die emotionalen Narben einer Familie von ungewöhnlichen Individuen, die nicht wirklich miteinander umzugehen wissen und deren Verzweiflung über die emotionale Distanz ebenso unausgesprochen bleibt.

Natürlich liegt die Familienkrise zu einem Großteil auch darin begründet, dass diese Menschen von den Nationalsozialist*innen aus ihrer Heimat vertrieben wurden und damit erzählt der Film von einem historischen Kontext. Aber dass sie daraufhin derart in alle Winde getrieben wurden, hat viel tieferliegende, zwischenmenschliche Gründe, die bewusst nur vereinzelt und kaum deutbar aus den schattenreichen Bildern hervortreten.

Die Welt als Kulisse

„Vaterland“ erzählt all das in ruhigen Bildern und Szenen, die sich konsequent auf das gesprochene Wort und vielschichtiges Schauspiel fokussieren. In langen Einstellungen wird beobachtet, wie die Figuren mit ihren inneren Dämonen ringen, während sie nach außen ihr Gesicht zu wahren versuchen. Emotionalität, Nähe und Verletzlichkeit zeigen sich nur vereinzelt in den Rissen der übermächtigen Fassade. Wir beobachten eine Familie von Intellektuellen, deren Intelligenz und Eloquenz nahezu unzerbrechlich sind und die jeglichen Angriff oder Kritik mühelos zu kontern scheinen. Umso wirkungsvoller ist es, wenn dieser intellektuelle Panzer bröckelt, überwältigende Gefühle und Sprachlosigkeit überhandnehmen. In diesen Darstellungen liegt die große, tragende Stärke des Films.

Weniger gelungen ist leider die filmische Erzählung der Welt drumherum. Thomas Mann sieht sich bei seiner erstmaligen Rückkehr in die ehemalige Heimat mit unerfüllbaren Erwartungen konfrontiert. Während von der einen Seite erwartet wird, dass der große deutsche Schriftsteller heilende Worte parat hat und Vergebung für geleistete Schuld ausspricht, erwartet die andere eine konsequente Verurteilung vergangener Mächte und die Unterstützung neuer Wege. In diesem Punkt zeigt sich eine Schwäche in der Inszenierung des Regisseurs Paweł Pawlikowski sowie dem Drehbuch, welches Pawlikowski gemeinsam mit Henk Handloegten verfasst hat.

Sämtliche Figuren neben Thomas, Erika und Klaus Mann wirken ausnahmslos wie Beiwerk und Komparserie – gerade im Vergleich zu deren Komplexität. Immer wieder treten Akteur*innen auf und wieder ab, mal kürzer, mal länger. Der Fokus bleibt stets auf den drei Hauptfiguren und deren Dynamik miteinander. Ebenso bleibt das dargestellte gespaltene Nachkriegsdeutschland eine Kulisse, vor deren Hintergrund sich die Manns bewegen und miteinander interagieren. Alles wirkt stets wie notwendige Reflexionsfläche, auf der sich lediglich die zentralen Konflikte verdeutlichen sollen.

Dadurch, dass die zentralen Figuren in sich vielschichtig und tiefgründig inszeniert sind sowie die filmische Gestaltung selbst kunstvoll ist, trägt sich der Kern von „Vaterland“ erfolgreich. Als Blick auf einen entscheidenden Zeitpunkt der deutschen Geschichte funktioniert der Film jedoch nur bedingt. Die Andeutungen auf die vielschichtigen Entwicklungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus bleiben schlussendlich an der Oberfläche einer Kulisse hängen, die von Klischees und Karikaturen besiedelt wird. Als filmische Biografie und Charakterstudie bleibt „Vaterland“ dennoch sehenswert, bleibt im Gedächtnis hängen und lohnt sich allein aufgrund der Bildgestaltung auf der großen Leinwand.

Text: Carl Lehmann

Foto: Rückkehr in ein gespaltenes Deutschland: Nach langen Jahren im Exil stellt sich Thomas Mann (Hanns Zischler) 1949 bei einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main den Fragen der Journalist*innen. © Agata Grzybowska

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