Gemeinsam statt einsam

„(Straßen)Theater für alle!“ Das ist der Titel der Bachelorarbeit von Käthe Raeder, Tochter von Helmut Raeder und neuerdings gemeinsam mit ihm und Heiki Ikkola für das Programm des Schaubudensommers verantwortlich. Sie hat Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Dresden studiert und in der Abschlussarbeit 2025 die Merkmale und Potentiale des Straßentheaters für ebenjene Soziale Arbeit untersucht. Ein Theater, das die Menschen dort abholt, wo sie eh sind: auf der Straße. So gesehen ist der Schaubudensommer erst 2021 zu seinen Genre-Ursprüngen zurückgekehrt, da Corona enge Buden unmöglich machte und die Scheune-Sanierung in den Startlöchern stand.

Ohne Eintritt, aber nicht umsonst

Der Nachteil der freiluftigen Hauptstraße-Version, die alle inkludiert: Es gibt keine festen Eintrittsgelder. Das Festival finanziert sich über Förderung, Sponsor:innen und Hutgelder, doch die eisernen Reserven sind langsam aufgebraucht. Auf betterplace kann man deshalb jederzeit noch eine digitale Spende loswerden.

Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ legte schon 2007 einen Bericht vor, der die Wichtigkeit von kultureller Bildung für eine demokratische und inklusive Gesellschaft belegt: „Kulturelle Bildung stärkt die Sensibilität dafür, dass kulturelle Vielfalt und kulturelle Differenz zwischen Regionen, Milieus, Ethnien und Geschlechtern und auch zwischen den Generationen eine kostbare Entwicklungsressource der Gesellschaft sind. Die Einbettung kultureller Bildung in die allgemeine Bildung und die Stärkung kultureller Bildung im Allgemeinen sind von grundlegender Bedeutung für die Entwicklungsfähigkeit unserer Gesellschaft. Kultur ist ein Schlüssel zur Gesellschaftsentwicklung.“ Und weiter: „Nicht nur durch die Finanznot der öffentlichen Hand, vielmehr auch im Rahmen der Debatte um ein wiedererstarkendes bürgerschaftliches Engagement, gewinnt das private Engagement in der Kultur an Bedeutung. Um aber die Vielfalt der Kultur zu erhalten und in ihrer Breite zu gewährleisten, darf dieses Engagement nicht als Ersatz staatlicher Förderung verstanden werden, sondern muss sie ergänzen.“

Ein Teil von jedem für die Gemeinschaft

Kulturelle Angebote ohne große Hürden sind also elementar wichtig für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, der immer mehr zu bröckeln droht. Angebote, für die nicht erst ein Theater oder Museum betreten werden muss, das viele aus verschiedenen Gründen gar nicht erst aufsuchen.

Dabei ist die Selbstwirksamkeit, wie sie etwa im Straßentheater entstehen kann, nicht zu unterschätzen. Ein schönes Beispiel beim diesjährigen Schaubudensommer war da etwa das Panorama Kino Theatre aus der Schweiz, denn ohne die Beteiligung des Publikums würde es nicht gut funktionieren. Da gab es außerhalb des rotierenden Minikinos ein paar Anweisungen vom Team, etwa wild mit einem Stadtplan in der Hand in verschiedene Richtungen zu gestikulieren, während man in der nächsten Vorstellung – nun drinnen sitzend – verwundert war über die ruhigen Zeitgenoss:innen vor dem Panorama-Fenster, die dann persönliche Geschichten in verschiedenen Sprachen erzählten und somit einen Teil ihrer Selbst preisgaben.

Von Biathlon, Bierduschen und Regenwürmern

Viel körperlicher und auch komödiantischer Einsatz war bei der „Skiing Odyssey“ der Trick Brothers aus Tschechien gefragt, musste doch ein „Freiwilliger“ aus dem umstehenden Publikum gemeinsam mit den beiden Mimen die Skier anlegen und auf Gehwegplatten die eigenen Biathlon-Skills ausgraben. Sehr unterhaltsam, wenn man sich darauf einlässt – und erfrischend, wenn es nicht eh schon regnet.

Dass es nicht für jede:n angenehm ist, plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen, dürfte klar sein. Etwa wenn von fremden Menschen plötzlich der eigene Bauch gestreichelt wird oder die Füße eine Bierdusche bekommen. Doch manchmal werden die Bemühungen auch mit einem Lolli belohnt oder eben mit ganz neuen Erkenntnissen – über sich, über die eigenen Grenzen, über das Erleben in der Gemeinschaft. Schließlich kann es schlicht ein gemeinsamer Tanz sein, der zu Tränen rührt, oder eine Karussellfahrt, die träumen lässt. Bei Peter Trabner konnte man sogar seinen eigenen Regenwurm finden.

Allein in der Angst?

Die Cie. Freaks und Fremde brauchte dann doch wieder eine Bude, um uns mit unseren Ängsten zu konfrontieren. Nur alleine gab es Eintritt, nachdem man sich mit Wissen oder monetär bei der Ticketauktion behaupten konnte. Ein gut zehnminütiger Vorgeschmack auf den „Ghost Train“, der mit Schauspiel und Figurentheater im größeren Rahmen im September Premiere im Societaetstheater feiert und uns auch mit den vermeintlichen Schattenseiten des Lebens vertraut macht. In der Realität sind Menschen damit ja oft allein.

Ein letztes Gemeinschaftserlebnis gab es beim diesjährigen Schaubudensommer am Donnerstagabend, nachdem die letzte Vorstellung gelaufen war. Sammeln am Goldenen Hengst aka Reiter und dann eine Menschentraube, die sich den Weg über die Elbe bahnt, vor der Katholischen Hofkirche zusammenkommt und schließlich am späten Abend die heiligen Hallen betritt – erwartungsvoll, ehrfürchtig und darin miteinander verbunden, als die Orgel erklingt und Anna Mateur singt. Der Schaubudensommer bringt eben zusammen, auch abseits von Erwartungen.

Text: Nadine Faust

Fotos: Amac Garbe

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