Nachlass Bernd Steinwendner

Quo vadis, Werkdatenbank?

Die Frage, wohin sich die Werkdatenbank Bildende Kunst Sachsen entwickelt, ist längst keine Fachdebatte mehr, sondern ein Lackmustest für den kulturpolitischen Anspruch des Freistaates. Als „digitales Schaufenster sächsischen Kunstschaffens“ ist sie dabei weit mehr als ein Archiv: Für Künstler:innen bietet sie die seltene Möglichkeit, ein eigenes Werkverzeichnis kontinuierlich und professionell aufzubauen; für angehende wie etablierte Kunstwissenschaftler:innen fungiert sie zugleich als unverzichtbares Recherchetool zur sächsischen Kunstlandschaft. Umso paradoxer ist die aktuelle Situation: Während die Datenbank inhaltlich wächst und sich strukturell bewährt, steht sie finanziell auf der Kippe. Während andere Bundesländer vergleichbare Werk- und Nachlassdatenbanken erst entwickeln, droht Sachsen, sein eigenes Vorzeigeprojekt auslaufen zu lassen.

Dabei schien der Weg einmal klar vorgezeichnet. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD für die Jahre 2014 bis 2019 wurde der Staatsregierung explizit aufgegeben, eine Datenbank über die Werke sächsischer Kunstschaffender aufzubauen und zugleich eine Standortkonzeption für Vor- und Nachlässe zu entwickeln.

Heute, gut ein Jahrzehnt später, ist dieses Vorhaben Realität: Die Werkdatenbank Bildende Kunst Sachsen verzeichnet rund 33.500 Arbeiten von etwa 200 Künstler:innen aus allen sächsischen Kulturräumen. Sie bündelt biografische Angaben, Ausstellungs- und Publikationsverzeichnisse, zeigt einzelne Werke in Bild und Text und erschließt sie über Schlagworte – jederzeit und weltweit ohne Anmeldung zugänglich. Durch die Anbindung an die Deutsche Digitale Bibliothek, Deutsche Fotothek und Europeana reicht ihr Echo weit über die Landesgrenzen hinaus.

Orientierung im Dickicht

Vor allem aber ist dieses Archiv kein toter Speicher, sondern ein lebendiges Arbeitsinstrument. Drei regionale Tutor:innen beraten in Dresden, Leipzig und Chemnitz Künstler:innen und Nachlasshalter:innen, helfen bei der digitalen Erfassung von Werkbeständen und geben Orientierung im Dickicht von Vor- und Nachlassfragen, z. B.: Wie lässt sich ein Nachlass so sichern, dass er künftigen Generationen zur Verfügung steht – digital wie analog? So wird die Werkdatenbank zu einem Knotenpunkt zwischen Ateliers, Museen, Archiven und Kommunen, der gerade angesichts der wachsenden Zahl von Kunstnachlässen dringend gebraucht wird.

Die Tutor:innen sind für die Künstler:innen und Nachlasshalter:innen der Regionalverbände Leipzig, Chemnitz und Dresden als Beratungsinstanz tätig. Sie geben Einführungen in die Nutzung der Werkdatenbank, beraten bei aufkommenden Fragen und betreuen in Einzelfällen ganze Nachlässe/Werkverzeichnisse, wenn niemand das übernehmen kann. Foto: Lars P. Krause
Die Tutor:innen sind für die Künstler:innen und Nachlasshalter:innen der Regionalverbände Leipzig, Chemnitz und Dresden als Beratungsinstanz tätig. Sie geben Einführungen in die Nutzung der Werkdatenbank, beraten bei aufkommenden Fragen und betreuen in Einzelfällen ganze Nachlässe/Werkverzeichnisse, wenn niemand das übernehmen kann. Foto: Lars P. Krause

Die kulturpolitische Bedeutung dieses Instruments betonen inzwischen die Kommunen selbst. Der Kulturraum Dresden spricht von einem „zentralen digitalen Werkarchiv“, das als Schaufenster sächsischer Kunst fungiert, die Sichtbarkeit der Kunstschaffenden erhöht und eine verlässliche Grundlage für die Sicherung von Vor- und Nachlässen schafft. Zugleich hebt er die überregionale Reichweite hervor: Indem die Daten in nationale und europäische Verbundsysteme eingespeist werden, gewinnt die sächsische Kunstlandschaft eine Präsenz, die einzelne Häuser allein kaum herstellen könnten. Im bundesweiten Vergleich nimmt die sächsische Werkdatenbank damit eine Pionierrolle ein – gerade weil sie die eigenständige Werkdokumentation aktiver Künstler:innen mit der Erfassung von Nachlässen verbindet und so Gegenwart und Erbe zusammendenkt.

Ausgangspunkt für Ausstellungen

Auch aus dem Kulturraum Meißen, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge kommen positive Rückmeldungen: Museen nutzen die Datenbank für Recherchen, kuratorische Vorarbeiten und Nachlassfragen, loben den schnellen Zugriff auf regionale Positionen und die Sichtbarkeitsfunktion für Kunstschaffende. Die Schlagwortsuche erleichtert es, historische und zeitgenössische Arbeiten in Beziehung zu setzen – etwa für Ausstellungen in Kunst-, Geschichts- und Heimatmuseen oder für Publikationen und regionale Präsentationen.

Gleichzeitig wird deutlich, dass das Instrument sein Potenzial längst nicht ausgeschöpft hat: Noch sind nicht alle relevanten Künstler:innen erfasst, die Pflege der Daten kostet Zeit, und die geplante Anbindung des bereits entwickelten virtuellen Ausstellungstools steht noch aus.

Notunterhalt statt Weiterentwicklung

Umso unverständlicher ist der Blick in den aktuellen Doppelhaushalt. Dort sind für die Werkdatenbank nur noch ein Neuntel der vorherigen „Mittel zum Erhalt der bestehenden Werkdatenbank“ [immerhin statt: „Restmittel zum Abschließen der bestehenden Werkdatenbank“ wie im SMWK-Entwurf] eingestellt.

Nach Jahren, in denen der Freistaat jährlich rund 91.000 Euro für Lizenz, technische Betreuung, Langzeitarchivierung, Redaktion und Tutor:innen aufbrachte – etwa zur Hälfte für den Landesverband Bildende Kunst (LBK) Sachsen, zur Hälfte für die SLUB –, bleiben nun 10.000 Euro. Eine Summe, die nicht einmal die Lizenzgebühr für das zugrundeliegende Datenbanksystem deckt. Für 2026 versucht der LBK, eine minimale Notunterhaltung aus seinem institutionellen Haushalt „herauszusparen“, um die Grundfunktionen zu sichern. Von Ausbau, sichtbarer Weiterentwicklung oder Eingabehilfe für repräsentative, aber technisch nicht versierte Künstler:innen kann unter solchen Bedingungen keine Rede sein und angesichts der äußerst unklaren Perspektiven erst recht nicht von der ursprünglich vorgesehenen virtuellen Ausstellungsmöglichkeit.

Nachlass Klaus Hirsch Foto: Daniela Schleich
Nachlass Klaus Hirsch Foto: Daniela Schleich

Was auf dem Spiel steht, ist mehr als eine Website. Die Werkdatenbank bündelt künstlerische, historische und wissenschaftliche Werte, die für die Identität der Städte und Regionen zentral sind. Sie macht sichtbar, was sonst in Ateliers, privaten Wohnungen oder überforderten Depots unsichtbar zu werden droht. Sie erleichtert Ausleihe, Ankauf, Ausstellung und Forschung, unterstützt Bildungseinrichtungen und Vereine und ermöglicht Menschen, ihre eigene Region durch die Brille der Kunst neu zu entdecken. In Zeiten, in denen politischer Zusammenhalt und kulturelle Identität immer wieder beschworen werden, wäre es ein fatales Signal, dieses Instrument ausbluten zu lassen.

Kulturelle Verantwortung im Sparbetrieb

Die politischen Entscheidungsträger:innen stehen nun vor einer klaren Wahl: Entweder sie nehmen die Werkdatenbank ernst – als langfristige Infrastruktur des kulturellen Gedächtnisses und Quelle für ein auch in der Zukunft aktivierbares und resonantes Regionalleben – und verankern im kommenden Doppelhaushalt eine Finanzierung, die dem tatsächlichen Betriebsbedarf entspricht. Oder sie akzeptieren, dass ein international vernetztes Vorzeigeprojekt zur Sicherung des sächsischen Kunsterbes auf einen technischen Minimalbetrieb schrumpft, bis es irgendwann still verschwindet. Wer kulturelle Verantwortung nicht nur in Sonntagsreden beschwört, sollte sich für Ersteres entscheiden.

Text: Susanne Magister

Titelfoto: Nachlass Bernd Steinwendner © Daniela Schleich

Transparenzhinweis: Die Autorin dieses Beitrags ist in ihrer Funktion als freie Kunstwissenschaftlerin und Redakteurin (u. a. für Campusrauschen) auch als Tutorin für die Werkdatenbank Bildende Kunst Sachsen tätig. In diesem Rahmen berät sie Künstler:innen sowie Nachlasshalter:innen im Einzugsgebiet des Künstlerbund Dresden und betreut vereinzelt Werkverzeichnisse redaktionell sowie bei der Eingabe in die Datenbank.

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