Gemeinsam arbeiten wir daran

Wer entscheidet über den Wert der Arbeit? Über die Leistung von Spitzensportlern – oder Spitzensportler:innen? Von Managern oder Manager:innen? Von Lehrer:innen, Kassierer:innen, Reinigungskräften oder auch Kurator:innen? Das 38. Filmfest Dresden hatte sich im Rahmen der bis 2027 angelegten Trilogie „Generationenwandel – Neue Gerechtigkeit“ dieses Jahr dem Schwerpunkt „Work in Progress“ gewidmet. Diese neue Gerechtigkeit ist also „in Arbeit“. Und wenn man manchmal auf die Weltlage schaut, ist es wohl noch ein langer Prozess.

Die Gefahr arbeitet mit

Das erste Schwerpunktprogramm „… What a Way to Make a Living!“ beschäftigte sich mit den Arbeitswelten von Frauen, die mitunter deutlich prekärer sind als die von Männern oder auch mit einer erhöhten Gefahr einhergehen. So beschreibt Keti Papadema in ihrem Kurzfilm „Every Sunday“ nicht nur das Leben philippinischer Hausangestellter auf Zypern, sondern erwähnt dabei auch einen Serienmörder, der es auf ausländische Arbeiterinnen abgesehen hat. Wirklich bewundernswert ist die Protagonistin in „Fannie‘s Film“ von Fronza Woods aus dem Jahre 1981. Während Sportler:innen heute etwas skurril anmutende Übungen absolvieren, schwingt sie den Putzlappen und berichtet scheinbar zufrieden von ihrem Leben, das nicht immer einfach ist.

Wie sehr Arbeit sich in unser Leben einschreiben, ja uns verletzten kann, das zeigte etwa „Krahët e Punëtorëve“ von Ilir Hasanaj im zweiten Schwerpunktprogramm „What Remains of Gestures“. Doch in diesem Programm ging es nicht nur um die körperlichen Auswirkungen von Arbeit, sondern auch um die Folgen für unsere Umwelt und um Gesten, die sich einschreiben und wie choreografiert wirken, etwa wenn unsere Rosen „From Ecuador with Love“ geschickt werden.

Am Anfang war die Arbeit

Einen breiten zeitlichen und künstlerischen Bogen spannte die Retrospektive „Orte der Arbeit“: von einem atmosphärischen 50er-Jahre-Film von Vittorio de Seta über Arbeitsorte von Frauen in beiden deutschen Staaten bis zu einem augenzwinkernden Vierminüter von Aki Kaurismäki, der zeigt: Schon die ersten Filme der Geschichte befassten sich mit dem Thema Arbeit, filmten die Gebrüder Lumière doch Arbeiter:innen, die ihre Fabrik verließen. Das wünschen sich vermutlich auch die Männer in Kaurismäkis Film, die diesen frühen Streifen in ihrer Arbeitspause genießen.

Einen etwas anderen Zugang zum Thema Arbeit bot das Cinema Digestif 1: Kill the Boss!. In der Mitternachtsschiene im kleinen Thalia-Kino sind die Filme traditionell etwas trashiger, gewaltvoller oder auch einfach nur amüsant. Dabei war der Boss hier nicht immer wörtlich zu verstehen, auch wenn er es beim kurzen Animationsfilm „Freelance“ ganz augenscheinlich ist. In nur 2:40 Minuten schafft es der Film, die Themen Belastbarkeit, berufliche Frustration, psychische Gesundheit und Arbeitsmoral augenzwinkernd auf den Punkt zu bringen. Denn der herbeigerufene Ritter hat am Königshof mit mehr als dem Töten von Drachen zu kämpfen. Um den inneren Boss aka Schweinehund geht es hingegen im „Film about a Pudding“. Da wird ein Problem, das man anfänglich ignoriert und verdrängt, nach und nach immer größer, bis es eine ganze Stadt verschlingt. Die Lösung? Einfach aufessen.

Selbst ist die Frau

Dass Filme sowohl innere Prozesse als auch äußere Einflüsse wunderbar verdichten können, zeigt einer der Abräumerfilme des Festivals. Gwenola Heck hat die Selbstbestimmung von Frauen mit einem Lasercutter in gut 4 Minuten Film verdichtet und gestaltete dabei an erzgebirgische Schwibbögen erinnernde Welten derart überzeugend, dass der Neu-Leipzigerin dafür der mit 20.000 Euro dotierte Sächsische Filmförderpreis zugesprochen wurde.

Generell war die Präsenz von Frauen und ihren Lebenswelten erstaunlich vielfältig. Tatsächlich überwogen die Arbeiten von Regisseurinnen in allen drei Wettbewerben. So wie „Abortion Party“ von Julia Mellen, die den „voll politisch“ – Kurzfilmpreis für demokratische Kultur erhalten hat. Mit der Begründung: „Mit einem fesselnden Drehbuch und einem feinen Gespür für Struktur und Erzählfluss weigert sich die Filmemacherin, sich für ein konservatives Publikum höflich oder angepasst zu geben.“ Dabei sind es oft konservative Kräfte, die alles andere als höflich sind. So müssen sich in „El Regalo“ drei Romnja rassistischer Einordnungen erwehren. Und bekommen dabei Rückenwind von vielen anderen Frauen.

In der Gemeinschaft lässt sich vieles verändern. Es ist an uns, daran zu arbeiten.

Text: Nadine Faust

Foto: Amac Garbe

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