Eis das ganze Jahr

Bei paupau Dresden kreieren Vanessa Bravo und Armando Reyes Prado Eis – und zwar nicht nur im Sommer. Die Spanierin ist aber auch Dozentin an der TU Dresden.

Spanische Wörter fliegen durch den Raum. Dann wieder deutsche. Auch Englisch ist dabei. Das Team von paupau ist international. Fast ein Dutzend Leute beschäftigen Vanessa Bravo und Armando Reyes Prado. Diese Leute, sie kommen aus Deutschland, Spanien, Kolumbien, Chile, Ecuador, Uganda oder auch Palästina. Einige Studenten und Doktoranden sind darunter. Oft kennt man sich aus der spanischen Community. Wichtigstes Einstellungskriterium: „Lust und Leidenschaft“, sagt Armando. Miguel zum Beispiel ist eigentlich Chemie-Ingenieur, hat von Armando aber das Eismachen gelernt und steht dementsprechend in der Manufaktur an den Maschinen. Auch Fade, der vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflohen ist, hat bei paupau ein neues Zuhause gefunden, serviert im Deli. „Bei uns ist es sehr familiär. Manchmal sind die Angestellten wie unsere Kinder“, erzählt Vanessa.

Armando wird 1984 in Mexiko-Stadt geboren, studiert dort Hotelmanagement. Als sein Bruder nach Spanien geht, folgt Armando ihm. In Sevilla macht er dann seinen Abschluss. „In Tourismus und Hotellerie ist es wichtig, eine neue Sprache zu lernen“, erklärt der Mexikaner seine Beweggründe, 2006 schließlich für ein Praktikum im QF Hotel an der Frauenkirche nach Dresden zu kommen. In der Volkshochschule und privat gibt er Kochkurse, an der Berlitz-Sprachschule Spanischunterricht – und trifft einige Zeit später auf Vanessa.

Die Spanierin, für die ihr Alter keine relevante Größe ist, hat in Malaga Romanistik auf Lehramt studiert und ihr Referendariat gemacht. Schon als Kind wollte sie Lehrerin werden. „Als ich klein war, hatte ich Puppen und eine große Tafel in meinem Zimmer und habe unterrichtet. Das ist immer noch mein Traumjob“, erzählt sie. Gleichzeitig will sie die Welt entdecken und bewirbt sich für ein Kooperationsprojekt der spanischen Botschaft in Berlin mit der Technischen Universität Dresden. 2002 kommt sie hierher, obwohl ihre erste Wahl eigentlich Athen ist. Sie organisiert Ausstellungen spanischer Künstler und gibt Kurse an der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften. 2006 bekommt sie an der TU eine unbefristete Stelle als Lektorin.

Als Armando und Vanessa sich über eine gemeinsame Freundin kennenlernen, ist er sofort verliebt. Mit seinen Kochkünsten kann er sie für sich gewinnen. Seit 2009 sind die beiden ein Paar – und wollen sich schnell etwas Eigenes aufbauen. Anfang 2011 ist der Mietvertrag für ein mexikanisches Bistro auf der Kamenzer Straße in der Neustadt schon unterschrieben, als ein Brief von der Ausländerbehörde eintrifft: Armando soll sofort ausreisen. Sein Studentenvisum: abgelaufen. Der Traum vom eigenen Lokal ist erst einmal futsch, ein paar tausend Euro sind verloren.

Das Glück im Unglück: Der Leiter des QF Hotels setzt sich für Armandos Bleiben ein, erklärt ihn aufgrund seiner Muttersprache für unverzichtbar. Im März wird zudem Söhnchen Alejandro geboren, was Armando schließlich den dauerhaften Aufenthalt ermöglicht. Und auch ein anderes Baby der beiden nimmt langsam Gestalt an.

Schon Anfang 2010 reisen Vanessa und Armando nach Mexiko-Stadt. In Coyoacán, dem Stadtteil, in dem die Malerin Frida Kahlo lebte und die bei paupau als Motiv immer wieder auftaucht, isst Vanessa ein typisch mexikanisches Eis – ein Zitronensorbet. Das schmeckt ihr überraschend gut, hat keine Farbstoffe, keine Konservierungsstoffe. Purer gefrorener Zitronensaft. Sie überlegen, ob sie selbst natürliches Eis herstellen wollen.

Aber in Deutschland Eis verkaufen, obwohl es nur fünf Monate lang warme Temperaturen gibt? Solche Zweifel halten die beiden nicht auf. So weist auch ihr Markenname paupau auf kältere Gefilde hin, kommt er doch von der nordamerikanischen Frucht Pawpaw, deren Baum Temperaturen von minus 25 Grad Celsius aushält. „Das ist eine Parallelität zu uns. Wir machen Eis aus exotischen Früchten, das ist etwa minus 18 Grad kalt“, sagt Armando. Und das Beste: Der Name bleibt im Kopf.

Eine Dame von der Industrie- und Handelskammer kennt einen Eismacher in Leubnitz-Neuostra, der in Rente gehen will. So können Armando und Vanessa direkt die Manufaktur von Eis Leuner übernehmen, werden vom Inhaber in der Nutzung der Maschinen unterwiesen. „Ich hatte zwar schon ein paar Mal Eis gemacht, aber in kleineren Mengen“, erklärt Armando. In der Manufaktur müssen sie nur Kleinigkeiten erneuern. Finanzielle Unterstützung bekommt das Paar von Freund Philipp Kist, der ihnen auch bei bürokratischen Angelegenheiten behilflich ist.


Die industrielle Herstellung mit Sirups und Pasten ist nicht das Ding der beiden. Armando sucht nach guten Ideen, absolviert Seminare und Workshops in Deutschland, Spanien, Italien und Mexiko. Doch nur in seiner Heimat, bei Doña Gloria in Akumal gleich in der Nähe der Maya-Stätte Tulum, findet er letztlich die richtigen Tipps, um erfrischendes, nicht so süßes Eis aus natürlichen Zutaten herzustellen.

16 Sorten pro Jahreszeit hat paupau zum Start im Mai 2012 im Angebot, je zur Hälfte vegane Sorbets und Milcheis. Mittlerweile haben sie das Sortiment auf acht Sorten pro Saison reduziert, dafür hat sich die Menge von anfangs 60 bis 80 auf 500 bis 600 Liter erhöht. Montags bis freitags stehen sie an der Eismaschine, manchmal auch am Wochenende. Sorten wie Zitrone-Ingwer, Mango-Passionsfrucht, Grieß-Zimt, Marone-Espresso, Tequila-Limette, Himbeere-Nanaminze oder auch einfach Schokolade pur werden da produziert.  Vor allem das Abfüllen in die kompostierbaren Biobecher kostet dabei Zeit, denn alles wird mit der Hand gemacht.

2018 kommt eine weitere Sorte hinzu: Knusperflocken-Eis mit der Knäckebrot-Schokoladen-Süßigkeit aus Leipzig, die die DDR-Zeit überstanden hat. „Vanessa hat die Studenten in der Uni ständig mit Knusperflocken gesehen“, erzählt Armando. Das nostalgische Eis schmeckt sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel, als die im August 2018 in Dresden zu Besuch ist. Sie zeigt sich auch interessiert daran, wie Armando sich hier fühlt und was er macht. „Sie hat über Fremdenfeindlichkeit in Sachsen gesprochen und gesagt, dass wir alle zusammen kämpfen müssen und nicht aufhören sollen“, erzählt er.

Die ersten, die 2012 an paupau glauben und das Eis ins Angebot aufnehmen, sind die Betreiber der Pastamanufaktur. Mit dem einjährigen Sohn an der einen und einer kleinen Kühltasche in der anderen Hand klappern Vanessa und Armando Dresdner Gastronomen ab. Auch beim Studentenwerk werden sie vorstellig, in neun Mensen sind sie mittlerweile vertreten. Zudem in der Neustadt, in der Altstadt, auf dem Weißen Hirsch und in Mockritz. In Institutionen wie dem Hygiene-Museum, dem Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr sowie dem Sächsischen Landtag kann man paupau bekommen. Nach Pirna, Bad Schandau, Görlitz, Berlin und sogar nach Schwäbisch Hall hat es das natürliche Eis ebenfalls schon geschafft.

Fast immer dabei: Alejandro und seine kleine Schwester Carmen, die im Oktober 2013 geboren wird. Klar: Die beiden Eis essenden Kinder sind die beste Werbung. Der braungelockte Alejandro taucht auch auf den ersten Plakaten auf. „paupau sind wir vier. Die Kinder genießen und leiden mit“, erzählt Vanessa. Genießen, weil sie immer Eis essen können. „Leiden, denn sie sehen uns nicht so oft, wie sie wollen – besonders Papa.“ Deswegen gehen die Kinder gern ins Deli am Schießhaus, das im Oktober 2016 zur Manufaktur hinzukam. „Das Deli bietet eine Mischung aus herzhaften Sachen wie Tortillas und Suppen, Süßem wie Kuchen und Eis, aus frischgepressten Smoothies, Limonaden und vielem mehr. Wir haben auch einen Shop mit Magazinen, Kunst und anderen Geschenken“, erklärt Armando. Ein nicht zu unterschätzender Fakt: In Zeiten niedrigen Eiskonsums braucht paupau ein Auskommen. „Ich merke die Wellen.“ Während im Sommer Hochsaison ist, wird es vor Ferien oder im Januar besonders schwierig. Doch das Deli ist zu einem Treffpunkt für viele Nationalitäten geworden. Nicht zuletzt durch Besucher aus dem Kraftwerk Mitte, dem Schauspielhaus, der Semperoper oder der besonders nahen Musikhochschule. Deren Studenten veranstalten im Deli immer wieder kleine Konzerte. „Wir treffen hier interessante Menschen aus der ganzen Welt – und das macht uns reicher“, erzählt Vanessa. Auch ein Spanisch-Deutsch-Tandem zum Lernen oder Auffrischen der beiden Sprachen bietet paupau an.

Manchmal hilft Alejandro im Deli beim Aufräumen. „Dann bekommt er ein bisschen Trinkgeld und ist ganz stolz. Die Kinder verstehen, wie viel Arbeit und Leidenschaft das ist“, sagt Vanessa. Manchmal pflücken sie zusammen frische Früchte, die paupau nicht nur fürs Eis, sondern auch zur Dekoration und für Caterings braucht. Besonders ihre aufwendigen Eistorten sorgen bei Kunden und in den sozialen Netzwerken immer wieder für Staunen. Sonntag aber ist Familientag. Da sind Deli und Manufaktur geschlossen. Es sei denn, es ist Schaubudensommer oder ein anderes großes Fest. Dann verkauft einer der beiden Eis, während der andere mit den Kindern eine Runde dreht.

Die Familienzeit ist rar. Vanessa lehrt vormittags an der Uni, fährt mittags Einkaufen fürs Deli und muss um 16 Uhr die Kinder abholen. Die haben ihr eigenes Programm, singen im Knabenchor oder gehen tanzen. Das gemeinsame Abendessen – auch mit Papa – ist aber Pflicht. Der kommt mit dem Lastenfahrrad dann meist aus dem Deli in der Nähe vom Zwinger in die Neustadt geradelt, wo sie in einem Hinterhof wohnen, um danach manchmal noch den langen Weg in die Manufaktur im Südosten von Dresden anzutreten. Ein Mammutprogramm.

Ihre Herkunftsfamilien fehlen ihnen bei all dem sehr. Nach Spanien reisen sie einmal im Jahr, für Mexiko müssen sie länger sparen. Gerade, wenn sie krank sind, merken Vanessa und Armando die fehlende Unterstützung. Als sie einmal beide die Grippe bekommen, haben sie keine Betreuung für ihre kleinen Kinder. „Ich habe fast einen Flug für meine Schwester bezahlt, damit sie kommt, denn es ging uns wirklich schlecht. Und drei Tage später mussten wir wieder fit sein – auch wegen der Firma“, erzählt Vanessa. Auch als Armando mit Gürtelrose und ein anderes Mal mit Lungenentzündung im Krankenhaus liegt, ist die Spanierin auf sich allein gestellt.

In Dresden selbst erfahren sie aber viel Rückhalt. Nur einmal werden sie als Familie im Supermarkt aufgefordert, in Deutschland Deutsch zu reden. Viel einschneidender ist für Vanessa ein Ereignis kurz nach ihrer Ankunft in Dresden. Zwei Männer wollen sie in ein Auto zerren. Sie bekommt aber Hilfe von einem anderen Mann. „Ich habe viele Jahre darunter gelitten. Ich hatte Angst, auf die Straße zu gehen“, erklärt sie. In den Hochzeiten von Pegida fühlt sich Armando zudem unwohl, wenn er montags mit der Straßenbahn Richtung Prohlis fährt. Nicht nur deshalb ist Vanessa sehr gespannt, wie die nächsten Wahlen ausgehen – sowohl im Land als auch bundesweit. „Ich habe Angst zu entdecken, wie die Leute denken“, sagt sie. Immerhin hat jeder fünfte Dresdner bei der Bundestagswahl 2017 die AfD gewählt. „Man denkt viel nach, allein schon wegen der Statistik“, sagt Armando. Und sie hätten viele Freunde, die etwas Schlechtes erlebt haben. „Wenn wir sehen, dass die Situation hier eskaliert oder es uns schlecht geht, dann würden wir gehen“, stellt Vanessa klar. Momentan sei daran aber nicht zu denken.

Denn generell werden sie hier freundlich begrüßt – besonders in ihrer Nachbarschaft in der Neustadt, aber auch im Deli. „Ich bekomme viel Liebe. Es ist wie ein kleines Dorf und die Kinder fühlen sich wohl. Es ist für sie auch sehr sicher hier“, erzählt Vanessa und vergleicht die Situation mit ihren Herkunftsländern, in denen sie Alejandro und Carmen nicht allein zur Schule gehen lassen würde. „Wir leben hier sehr ruhig und bequem. Auch unsere Kunden geben uns viel“, sagt sie. Allerdings sei es für Kleinunternehmer nicht einfach. „Es ist viel Arbeit. Wir haben zwar Erfolg, aber mehr fürs Herz.“ Denn die Dresdner überlegen lange, bevor sie konsumieren. „Aber die Kunden sind sehr loyal und neugierig auf Neues“, erklärt Armando. „Seit zwei Jahren haben wir das Gefühl: Okay, wir können weitermachen.“ Vanessa ergänzt: „Wir sind wirklich sehr dankbar für das, was wir erreicht haben. Wir bereuen nicht, hier zu leben. Dresden ist unser Zuhause. Das ist ein schönes Wort, denn das kannst du auswählen. Und Dresden ist unsere Auswahl.“

Text: Nadine Faust

Fotos: Amac Garbe

Dieser Artikel entstand für Band 3 von Stadtluft Dresden, der seit heute im deutschen Buchhandel erhältlich ist.

Ein Gedanke zu “Eis das ganze Jahr

  1. Eine sehr schöne Beschreibung von Situationen. Die Menschen können sich wohl fühlen, wenn man sie lässt, und sie tragen gern und mit Elan zur Gestaltung des miteinander Lebens bei.

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