Wir Studierende – Pionier*innen der Gentrifizierung

Auf der Straße schallt Musik. Banner säumen den Weg. Mehrere Menschen sitzen auf dem Bürgersteig oder der angrenzenden Wiese und stehen auf, wenn Passant*innen vorbeikommen, kommen mit ihnen ins Gespräch. Doch das eigentliche Spektakel findet auf der anderen Straßenseite statt. Als sich dort Fenster öffnen, übertönt der Jubel der sitzenden und stehenden Menschen sogar den Song aus der Anlage. In Dresden wurde endlich wieder etwas besetzt! Das Gelände der Königsbrücker Straße, seit 20 Jahren leerstehend, soll nun allen gehören. 

Was sich dort Ende Januar abspielt, ist die fünftägige Besetzung des Geländes der Königsbrücker Straße 12-16. Schon zur BRN 2019 wurde das mittlere Haus zum Schein besetzt. Nun meinen die Aktivist*innen es ernst. Sie wollen das Gelände als Freiraum und Ort des solidarischen Zusammenwohnens für alle öffnen. Es wird von der Argenta Unternehmensgruppe verwaltet, gehört aber der angrenzenden Dental-Kosmetik GmbH & Co. KG. Früher war hier mal der Firmenkindergarten, erfahren die Aktivist*innen im Gespräch mit einer Anwohnerin. Die Bausubstanz sei immer noch gut, sagen die Besetzenden, sie hätten es sich schon gemütlich eingerichtet.

Das „Putzi“ ist eröffnet

Die Gruppe „Wir besetzen Dresden“, die schon die Scheinbesetzung zur BRN und die Besetzung am Basteiplatz begleitet hat, hat ein Nutzungskonzept entworfen: Die drei Gebäude sollen in ein Wohnhaus, ein Seminargebäude und ein offenes Haus mit vielfältigen Möglichkeiten wie einer Bibliothek oder einem Café umgebaut werden. Auch für den Garten gibt es Ideen. Als „Grüne Insel im Beton“ soll dieser erhalten und für alle zugänglich gemacht werden. 

Im Garten herrscht nach zwei Tagen buntes Treiben. Irgendjemand hat den Zaun geöffnet. Schnell spricht es sich herum und prompt ist der Garten voll mit den verschiedensten Menschen. Es wird geschnitten, gehackt und aufgeräumt. So entsteht aus einer Plane ein kleines Vordach, unter welchem Sofas, Couchtische und ein Regal Platz finden. Davor eine Feuertonne – um sie herum fast dauerhaft Menschen, die sich in der nassen Januarkälte die Finger wärmen. Es gibt verschiedene Bedürfnisse und viele Ideen, wie diese erfüllt werden können. 

Eine Stadt für alle

Hier zeigt sich, was man mit einer Besetzung erreichen kann. Die Menschen, die nun Teil der Besetzung geworden sind, haben sehr unterschiedliche Lebensentwürfe und befinden sich in verschiedenen Lebenssituationen und -phasen. Schüler*innen treffen sich nach der Schule vor dem Haus, Studierende versuchen, sich im Garten auf die anstehenden Prüfungen vorzubereiten, Menschen ohne Wohnung bringen Essen vorbei und Nachbar*innen trinken nach Feierabend ein Bier an der Feuertonne. Dabei gibt es viele Gespräche, auch über die Bekanntenkreise hinaus. Aber es entstehen auch Probleme – zu unterschiedlich sind die aktuellen Bedürfnisse und Ideen, die die Leute zum „Putzi“, benannt nach der werkseigenen Kinderzahnpasta, treiben. Trotzdem sind alle erst mal hier, nehmen sich den Raum und versuchen, solidarisch die unterschiedlichen Vorstellungen auszuhandeln. Beginn eines langen Prozesses zur Verwirklichung des „Putzis“ als Freiraum und Rückzugsort für alle.

Dabei sollen Hausbesetzungen eine Alternative sein zu den sonstigen Gestaltungsprozessen der Stadt und langfristig auf diese einwirken. In ihrer Pressemitteilung vom ersten Besetzungstag spricht „Wir besetzen Dresden“ ganz deutlich die Probleme der Gentrifizierung und Verdrängung an: „Die Wohnungslage in Dresden und in anderen Städten wird durch ihre Profitinteressen bestimmt und nicht durch die Frage danach, wie eine gerechtere Stadt organisiert sein könnte, in der alle Menschen ein gutes Leben führen können. Verdrängt und ausgebeutet werden vor allem Menschen, die nicht in besitzende, finanziell abgesicherte, akademische Familienverhältnisse hineingeboren wurden – besonders diese sind dem Druck durch steigende Mieten ausgesetzt.“ Laut Gruppe werden also nur bestimmte Personen in der Stadt repräsentiert, können sich mit dem Stadtbild identifizieren und finden Räume – dies sind Menschen, die sich die durch Investitionen verteuerten Wohnungen leisten können. Alle anderen müssen an den Stadtrand ausweichen. 

Studierende und Gentrifizierung

Als Studierende müssen wir uns unserer Rollen in der Gentrifizierung bewusst sein. Wir sind die, die die Investor*innen in die Stadtteile locken. Wir sind die „Pionier*innen“, welche die erste Phase der Gentrifizierung ungewollt einleiten. Mit wenig Geld, aber kulturellem Kapital bauen wir die Infrastruktur aus, die die Viertel interessant machen für weitere Studierende, freie Künstler*innen und andere Pionier*innen, aber eben auch für Inverstor*innen. Die Mieten steigen, wohlhabendere Menschen ziehen hinzu. Als Studierende, die ihren Lebensentwurf verwirklichen wollen und am Ende mit einem akademischen Abschluss und nach ein paar Jahren meist gut verdienend dastehen, ist das kein Problem. Wir können uns nach dem Studium meist die teurer werdenden Gegenden leisten. Wegziehen müssen die Menschen, die bisher hier gewohnt haben, andere Lebensentwürfe haben, nicht mehr im Viertel mitgedacht werden und es sich einfach nicht leisten können. Andere Diskriminierungsformen wie Rassismus oder Klassismus, die auch unterschwellig auftreten, verstärken dieses Problem.

Doch als Studierende kann uns eine weitere Rolle im Gentrifizierungsprozess zukommen. Viele haben im Vergleich zu anderen die Zeit und Lebensentwürfe, um politisch und gesellschaftlich aktiv zu werden. Wir können uns in der Nachbarschaft und in „Recht auf Stadt“-Gruppen engagieren. Grundlage dafür ist die Reflektion der eigenen Rolle und der Privilegien im Stadtteil und im Gentrifizierungsprozess, aber auch unsere Sozialisation an der Uni. 

Die Universität ist ein Ort, der den Studierenden nicht gehört. Sie kommen hierher, nutzen die Räume und verlassen diese wieder spurlos. Im leistungsoptimierten Studium gibt es wenig Raum, kritisches Denken zu üben, und so treffen studentische Akte der Aneignung wie die Hörsaalbesetzung auf wenig Zustimmung. Neben den Studierendenkneipen ist der einzige Ort an der TU Dresden, der wirklich uns Studierenden gehört, uns repräsentiert und durch uns gestaltet werden kann, die StuRa-Baracke, die droht umzukippen, wenn man ein bisschen zu fest gegen die einzig tragende Wand drückt. Auch die TU Dresden ist also ein Ort, an dem wir uns dafür engagieren sollten, eigene Räume zu schaffen, in denen das gemeinsame Leben stattfinden und ausgehandelt werden kann und Spuren hinterlassen werden. 

Wir Studierende müssen uns unserer Rolle in der Gentrifizierung bewusst sein und sollten deswegen überlegen, wie wir eine andere Rolle einnehmen können. Dabei ist es wichtig, solidarisch mit anderen Menschen zu sein, ihre Bedürfnisse anzuerkennen und gemeinsame Räume zu schaffen. Die „Putzi“-Besetzung wäre eine Möglichkeit dafür gewesen.

Anstehende Prozesse

Doch nach drei Tagen will die Argenta-Gruppe im Januar nicht mehr: Sie stellt Strafantrag gegen die Besetzenden. Sie glaubt nicht an die Träume, die im „Putzi“ verwirklicht werden sollen; nicht an die Zustimmung in der Nachbarschaft; die guten Gespräche mit den Arbeiter*innen der angrenzenden Fabrik; nicht an eine Stadt, die nach den Bedürfnissen der Menschen gestaltet wird. Sie besteht auf ihr Eigentum. Aber nur leer und vor sich hin rottend wie zuvor, bitte! Und so müssen die Besetzenden raus, werden erst aus dem Garten vertrieben und dann vom Sondereinsatzkommando der Polizei von den Dächern, dem Baum und aus den Zimmern geholt. Auch diesmal ist die gegenüberliegende Straßenseite voller Menschen. Nicht mehr glücklich und hoffend, sondern wütend und verzweifelt in der Ohnmacht und scheinbaren Handlungsunfähigkeit gefangen, sehend wie ihnen mal wieder der Raum genommen wird.

Und die Räumung hat weitere Folgen. Am 18. Mai beginnen die Prozesse gegen die ersten beiden Besetzenden. Immer noch werde die Nutzung von Leerstand kriminalisiert, anstatt die dadurch bedingte soziale Ungerechtigkeit zu problematisieren, wie die Gruppe „Wir besetzen Dresden“ kritisiert. Es wird spannend, wie das Gericht die Aneignung von Eigentum zur direkten Nutzung beurteilen wird; welches Narrativ mit dahinterliegenden Grundsätzen über den Stadtraum einfließen wird. Schon jetzt hat die Gruppe eine große Kampagne gestartet, um ihre Forderungen laut werden zu lassen. Das Stadtbild wird in Form von Graffiti mit Solidaritätsbekundungen mit den „Putzi“-Besetzenden vereinnahmt. Für manche Sachbeschädigung, für einige das Flair des alternativen Viertels und für andere eine Form der (Selbst-)Repräsentation im Stadtbild.

Wir Studierende sollten uns überlegen, wie wir die aktuellen Kämpfe für das Recht auf Stadt unterstützen können. Eine Form ist es, den aktuellen Gerichtsprozess der „Putzi“-Besetzung zu begleiten. Aber auch Mieter*innenstammtische, Nachbar*innenvernetzung und „Recht auf Stadt“-Gruppen sind eine gute Möglichkeit, gegen die soziale Ungleichheit vorzugehen, die wir ungewollt mit vorantreiben.

Text: WHAT

Foto: Amac Garbe

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