Ein schwieriger Jahrestag

Während ich nach meinem zweiten Kaffee im Zug nach Dresden-Neustadt sitze, kann ich an diesem Samstag vor dem Hauptbahnhof bereits die kleinere der beiden Demonstrationen gegen den Naziaufmarsch zum 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens sehen. Dutzende Flaggen und Schilder verschiedenster Aktivist*innen sind zu sehen und flattern lebhaft im Wind. Entlang des Bahnhofes kann ich zudem eine große Kolonne an Polizeifahrzeugen ausmachen. Dieser ungewohnte Anblick erfüllt mich mit einem eigenartig mulmigen Gefühl.

Dreiviertel zwölf erreiche ich den Alaunpark und bin ganz fasziniert von den vielen neuen und schillernden Eindrücken. Es herrscht beinahe Festivalstimmung. Am Rande des Parks stehen einige Food-Trucks und ein mit Lautsprechern vollgestopfter Lastwagen stimmt bereits musikalisch auf die bevorstehende Tour ein. Ich bin gerade fertig damit, mein Frühstück nachzuholen, während ein Song der Band ADAM ANGST über den Alaunpark weht. Dann geht es auch schon los. Der Demozug reiht sich nach und nach hinter dem Boxenwagen ein, der in Richtung Innere Neustadt unterwegs ist. In dem bunten Treiben ragen ohne Ende Wimpel und Schilder auf. Die von Fridays For Future und Extinction Rebellion, ebenso wie die von SPD, Jusos und Teilen der LGBTQ-Bewegung. Doch auch eher kontrovers diskutierte Akteure wie Antifa, KPD oder MLPD sind vertreten.

Mit Trillerpfeifenchor, Trommelorchester und Bass geht es vorwärts. Der Zug passiert erst Katy’s Garage, dann die Scheune und schließlich die Carolabrücke, eskortiert von Polizeibeamt*innen an der Spitze, den Seiten und dem Ende. Der Lautsprecherwagen fordert auf Höhe des Albertplatzes die Polizei auf, das Filmen der Demoteilnehmer*innen einzustellen, da hierfür keinerlei rechtmäßiger Anlass zu finden sei. Nebenbei werden schrittweise die Parolen gegen die „Gedenkfeier“ der Nationalist*innen und Rechtsradikalen geübt. Der Ruf „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda!“ ist einer dieser Krachmacher, der die Reden der Nationalist*innen und ihre altbackenen Opern übertönen soll.

Als wir die Carolabrücke hinter uns haben, spurten etwa zwanzig Teilnehmer*innen mit pinken Perücken auf die andere, abgesperrte Straßenseite. Sofort treibt die Polizei sie in einer tumultartigen Szene zusammen. Die zuvor unmelodischen, grellen Trommler des Demozuges gehen mit ihren rosa Perücken zu einer Sitzblockade über, um einen Teil der geplanten Route der Nazidemo zu blockieren. Die Sitzblockade wird innerhalb von Sekunden von einer Pferdestaffel umstellt und abgeschottet. Fast die gesamte Gegendemonstration kommt zum Stillstand und beobachtet das Geschehen. Nur widerwillig und nach einem Verweis auf Polizeigewalt setzt sich der Boxenwagen einige Minuten später wieder in Bewegung.

Am Skater-Treffpunkt Halfpipe an der Lingnerallee gibt es kurz darauf Nazis in freier Wildbahn zu bewundern. Viele laufen mit Armbinden und Flaggen herum. Darunter Reichsflaggen, ebenso wie italienische oder ungarische Banner. Hakenkreuze sind keine zu sehen und doch lädt der Anblick zu unschönen Vergleichen mit SA und SS ein. Die einleitende Rede an die „Kamerad*innen“ wird von den Buh-Rufen, Trillerpfeifen und Bässen der Gegendemo begleitet. Die Gegendemonstration wird, während sie am Rathausplatz steht, von Polizeibeamt*innen nach und nach vollständig eingekesselt. Die einzige Möglichkeit, den Platz jetzt noch zu verlassen, ist der Weg über den Altmarkt. Eine Reihe von vermummten Beamt*innen und drei vollständige Polizeistaffeln trennen beide Demonstrationen. Nur einige Fotograf*innen und Journalist*innen suchen sich noch ihren Weg über den Sperrstreifen der Polizei auf der St. Petersburger Straße. Besonders daran ist, dass sämtliche Polizist*innen ihre Aufmerksamkeit auf die antinationalistische Gegendemonstration geheftet haben. Niemand behält den fragwürdigen Block mit Reichsflaggen und Armbinden im Blick. Mir zwingt sich der Eindruck auf, dass alle Gegendemonstrant*innen als potenziell kriminell und gemeingefährlich eingestuft werden, das pazifistische Herz der Nationalist*innen und Faschist*innen jedoch über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint.

Weitere Durchsagen des Boxenwagens durchbrechen den Lärm. Ein Sanitäter für einen verletzten Teilnehmer wird angefordert. Kurze Zeit später der Hinweis, sich beim Verlassen der Demo in Acht zu nehmen, da einige dubiose, behandschuhte Gestalten im Korridor zur Altstadt gesehen wurden. Der Ansager spricht von schlagkraftverstärkenden Quarzhandschuhen. Unter die Fotograf*innen zwischen den beiden Lagern mischen sich nun auch einige, die selbst Armbinden tragen, offenbar von rechtslastigen Medienportalen. Zornig, aber erfolglos wird ihre Entfernung aus der unmittelbaren Nähe der Gegendemonstration gefordert.

Ich verlasse den Rathausplatz gegen halb vier und schlängele mich durch die Polizeikontrollen über die Kreuzstraße bis zur Altmarktgalerie. Eine Pommes später kann ich die Innenstadt Richtung Hauptbahnhof verlassen, der Dr.-Külz-Ring ist wieder freigegeben. Beide Demonstrationen stehen sich mittlerweile am Hauptbahnhof gegenüber, dessen Eingänge jeweils von vier bis acht Beamten gesichert werden. Von dem Spektakel dort fühle ich mich nun aber doch ein klein wenig an die Trilogie „Der Hobbit“ erinnert. „Sprich Freund und tritt ein!“, heißt es dort am Erebor und Überraschung: Die Polizei lässt heute nur diejenigen vorzeitig nach Hause fahren, die nichts mit den beiden Kundgebungen zu tun haben. Ein Pärchen vor mir gibt an, gerade von der Gegendemonstration zu kommen. Ein Beamter weist die beiden schließlich mit den Worten ab: „Wissen Sie, Dresden ist so eine schöne Stadt …“

Hintergrund: Am 15. Februar waren dieses Jahr laut Schätzungen mehr als 6.000 Menschen auf der Straße, davon besuchten etwa 1.000 die rechtsextreme Kundgebung. Die Demo der Rechtsextremen konnte sich, aufgrund zahlreicher Sitzblockaden, lediglich vom Skater-Treffpunkt Halfpipe bis zum Hauptbahnhof bewegen. Viele dieser Blockaden waren bereits lange vor dem geplanten Start der nationalistischen Kundgebung um 15 Uhr errichtet, denn beide Gegendemonstrationen starteten parallel schon gegen zwölf. Eine davon begann ihren Weg am Alaunpark, während der Treffpunkt der anderen vor dem Hauptbahnhof lag. Etwa 1.500 Polizeibeamt*innen sicherten beide Demonstrationen ab.

Text: Johannes Knop

Foto: Amac Garbe

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