Campuskolumne

Die Luft ist heiß und stickig. Jeder Atemzug bringt die Lunge zum Kratzen. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Jedoch schafft es nur ihre Hitze durch den dicken Smog, der über den Wolkenkratzern der Stadt wabert. Sonnenstrahlen haben wir lang nicht mehr gesehen. Die Stadt ist tagsüber grau und nachts dunkel. Die Schweißtropfen, die sich auf meiner Stirn bilden, werden sofort vom Stoff der schwarzen Mütze eingesogen, die ich trage. Vor 20 Jahren konnte ich bei diesem Wetter noch mit einem Kleid am Strand liegen und Urlaub im wunderschönen Bali machen. Das geht jetzt nicht mehr. Durch den stetig steigenden Meeresspiegel wurde die Küste zwangsverschoben und verursachte Elend, Missernten und Obdachlosigkeit.

Heute werden wir den internationalen Klimanotstand ausrufen. Niemand darf uns sehen, niemand darf es wissen, sonst werden wir geächtet. In den vergangenen Jahren wurde der Klimawandel stets relativiert, nach hinten geschoben und mit Argumenten wie „Die Chinesen produzieren doch immer noch Abgase, wieso sollte ich da meinen Diesel stehen lassen?“ abgewertet. Die Politik in Deutschland und Europa ist in den vergangenen Wahlperioden immer weiter nach rechts abgedriftet. Klimaangelegenheiten wurden Landessache und schließlich nichtig. Durch Gesetze, die Telekommunikations- und Videoüberwachung in nach und nach allen Bundesländern erlaubten, wurden alle ausfindig gemacht, die noch gegen diese Politik rebellierten. Deswegen sind wir jetzt ganz still. Keine Smartphones, kein Zuhause, kleine Netzwerke. Heruntergekommene Schulgebäude von alten Waldorfschulen, die es jetzt nicht mehr gibt, weil sie als ineffizient eingestuft wurden, sind unsere Treffpunkte. Heute wollen wir am Brandenburger Tor einen Bannerdrop machen, uns in alle Netzwerke weltweit einhacken und auf jedem Bildschirm auf dem Globus soll diese Botschaft erscheinen: „Wir rufen den internationalen Klimanotstand aus!“ Wir wollen wachrütteln. Wir wollen sagen: „Es gibt noch Widerstand. Wir müssen aufhören. Um jeden Preis. Rebelliert! Rettet die Welt! Rettet die Menschlichkeit!“

Wir reden nicht miteinander. Wortlos gehe ich mit vier schwarz gekleideten Personen in Richtung Berliner Deutschlandzentrale. Der Plan wurde monatelang ausgearbeitet. Jetzt ist es so weit. Der Cottbusser Platz ist gut gefüllt mit Polizeistreifen. Menschen hetzen auf Arbeit, Obdachlose werden von den Straßen gefegt, Personen werden kontrolliert: alles wie immer. Nur dass jetzt eine der Streifen auf uns zuläuft. Ich habe das Gefühl, dass jedes Kleidungsstück an meinem verschwitzen Körper klebt und ich explodiere fast vor Angst. „Personalausweis! Tasche öffnen! Verdachtsgeleitete Personenkontrolle.“ Das Ende der Welt für mich.

Ich wache auf und meine Decke klebt an meinem schweißgebadeten Körper. Es ist eine heiße Sommernacht. Mein Atem geht schnell und ich schaue mich in meinem Zimmer um. Alles wie immer … es war nur ein Traum. Es ist 2019, wir leben in einem vereinten und demokratischen Deutschland. Die Politiker wissen, dass wir vor dem menschengemachten Klimawandel stehen und sie regeln das schon. Ein Naziproblem gibt es nicht und die klimaleugnende AfD hat zwar in rechtsextreme Kreise Kontakt, jedoch sind besagte Kreise nun wirklich nicht aggressiv. Es wurden keine 200 Leichensäcke und Ätzkalk von Rechtsextremen bestellt. Diese Rechtsextremen stammten nicht aus dem Umkreis von Polizei und Bundeswehr und es wurden auch keine Personen angeklagt, weil sie Waffen und Munition abgezweigt haben. Wie Herr Kretschmer sagt, sind Rechtsextremisten ähnlich geschmacklos wie das linke Künstlerkollektiv Zentrum für politische Schönheit. Richtigerweise unterstützt er Altbundespräsident Gaucks Aussage, toleranter in Richtung rechts zu sein, und das ist ja auch nur konsequent, wenn die CDU in Sachsen-Anhalt mental mit einer Koalition mit der AfD flirtet. Ist ja auch nicht so, als wäre ein CDU-Politiker auf Grund von flüchtlingsfreundlichen Aussagen von einem Rechtsextremen erschossen worden. Und ist die AfD überhaupt gegen Konzepte, die den Klimawandel unterbinden wollen? Nein. Schließlich hat ja keine bekannte AfD-Politikerin wie Beatrix von Storch behauptet, am Klimawandel wäre die Sonne schuld, die würde einfach zu sehr scheinen und man solle sie verklagen. Man sollte das alles nicht zu schlecht reden. Schließlich sind Gespräche mit Rechten ja wichtig, um zu zeigen, dass wir deren Probleme ernst nehmen. Ob das verharmlosend ist? Ach was. Die werden ja nicht zu sehr an Macht gewinnen und stärkste Kraft in einem Bundesland im Osten werden. Die Warnsignale würden wir ja bestimmt alle mitkriegen und was dagegen machen. Und überhaupt: Das ist alles gar nicht so schlimm. Fortschreitender Klimawandel durch erstarkende rechte Regierungen in Europa?  Nichts als ein absurder Albtraum.

„Wer versucht, die AfD zu richten, den richtet die AfD.“ – Hans-Thomas Tillschneider

Warnung: Diese Kolumne kann Spuren von Zynismus enthalten. Bei Anzeichen von Beschwichtigungen, Relativierungen und Rechtskonservativismus fragen Sie ein Geschichtsbuch oder eine Klimaforscherin!

Text: Emilie Herrmann

Foto: Amac Garbe

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