Wo ein Becher ist, ist auch ein Weg

Er ist elf Zentimeter hoch, hat oben neun, unten sechs Zentimeter im Durchmesser, und wenn man den Nippel am Deckel gut einhakt, dann ist er sehr dicht. Den MensaCup gibt es seit dem Wintersemester 2017/18 und er entstand in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Ornamin aus Minden. In zweiter Auflage hat das Studentenwerk Dresden mit dem Dresdner Unternehmen Ferchau zudem eine Variante als Thermobecher herausgegeben. 3,50 Euro kostet die Basisversion, acht Euro der ThermoCup. Dafür zahlt man in den Mensen 20 Cent weniger bei der Befüllung. Aber ist tatsächlich alles gut, wenn es umweltfreundlich scheint?

320.000 Einwegbecher verbrauchen die Deutschen laut Deutscher Umwelthilfe – stündlich. Einen Einwegbecher zu produzieren, das kostet – 22.000 Tonnen Rohöl werden jährlich für die Produktion aufgewendet, 83.000 Tonnen CO2 werden in dieser Zeit in Deutschland in die Atmosphäre gepustet. Hinzu kommt: Die zarten Becher müssen gegen Feuchtigkeit geschützt werden, damit sie nicht durchweichen. Daher haben sie, ohne Deckel, einen Plastikanteil von fünf Prozent. Dadurch verrotten sie nicht nur langsamer, es fällt vielen Nutzern auch schwer, die richtige Mülltonne zu finden. Korrekt zählen sie als Verbundstoffe, viele werfen sie jedoch in den Restmüll oder zur Pappe. Im Restmüll können sie nicht recycelt werden, in der Pappe lösen sich zu wenige Papierfasern. Selbst Einwegbecher aus Biokunststoffen werden in der Gelben Tonne aussortiert, weil sie die Mülltrennungsanlagen nicht von Pappbechern unterscheiden.

Eine Lösung: der Mehrwegbecher. Bewusst hat man sich in Dresden für ein Styrol-Acrylnitril-Copolymer (SAN) entschieden. In Gegensatz zu Melamin, das wegen seiner Bruchfestigkeit oft für Plastikgeschirr eingesetzt wird, kann man Produkte aus SAN auch in die Mikrowelle stellen. Außerdem hält der Becher neben Temperaturen zwischen – 30 °C und + 70 °C auch eine kurzzeitige Erwärmung auf 100 °C aus. Für den optischen Kick sorgen bunte Farben und freche Sprüche wie ein mundartliches „Offwaschn“.„Neulich stand ich an der Haltestelle und da kam ein junger Mann aus dem Supermarkt, mit dem grünen Becher in der Hand“, berichtet Udo Lehmann freudig und ergänzt: „5.000 haben wir von den normalen Bechern gekauft, mittlerweile sind 3.200 Stück verkauft.“ Udo Lehmann ist Geschäftsbereichsleiter der Hochschulgastronomie beim Studentenwerk Dresden. 23 Prozent des Kaffees in den TU-Mensen werden zum Mitnehmen verkauft, davon 63 Prozent im Mehrwegbecher. Unterschiede gibt es bei den Mensen – während in Bibliotheken mehr Kaffee in Porzellan und Mehrweg verkauft wird, sind z. B. in der Alten Mensa Einwegbecher beliebt. Begründet liegt das u. a. in der Schnelllebigkeit.

Auch die Stadt macht mit. Im Oktober 2018 startete sie die Kampagne „Mehrweg ist mein Weg“ mit Flyern, Werbespots und in Zusammenarbeit mit dem Studentenwerk. Seitdem wirbt Maskottchen Herr Bohne für mehr Nachhaltigkeit. Doch ganz neu ist das Konzept in Dresden nicht. 2016 feierte die Bäckereikette Möbius die Einführung des Möbius-Bechers. 2017 hat die Stadt „Mehrweg willkommen“-Aufkleber herausgegeben, mit der Bäcker und Gastronomen kennzeichnen können, dass man bei ihnen Mehrwegbecher auffüllen kann. Das weit verzweigte Netz reicht bis nach Cotta, Plauen und Gorbitz und sorgt dafür, dass man nicht nur in der Innen- und Neustadt sparen kann. Auch Biomärkte sind dabei, u. a. Vorwerk Podemus am Bahnhof Klotzsche. Im Themenstadtplan Dresden (Thema Entsorgung und Abfall, Karte Mehrwegbecher willkommen) gibt es außerdem eine Karte für Orte, an denen man Mehrwegbecher benutzen kann. Allerdings sind beim Einfüllen in den Becher besondere Anforderungen an die Hygiene gestellt. Der Einfüllstutzen muss so hoch sein, dass er nicht in Berührung mit dem Becher kommt. Außerdem sollte der Deckel vom Kunden entfernt und nur saubere Becher befüllt werden. Die Stadt Dresden hat eigens dafür ein Merkblatt für die Gastronomen erstellt.

Das Studentenwerk hat sich gegen ein Poolsystem entscheiden – man kann seinen Becher nicht zurückgeben, man nimmt ihn mit. Doch das bedeutet auch: Wenn man den Becher vergisst, muss man auf den Kaffee verzichten – oder „aus der Porzellantasse trinken“, wie Udo Lehmann betont.

Aber: Auch ein wiederverwendbarer Becher benötigt lange Zeit, um zu verrotten. Und die Alternativen sind rar gesät – Bambusprodukten wird oft Melamin beigemischt, Produkte aus Holzfasern sind nicht wasserfest, Becher aus Keramik sind schwerer. Zur Abdichtung des Deckels wird Silikon verwendet. Und bereits die Herstellung der Becher verbraucht Energie und Ressourcen.

Ohnehin sind Kaffeebecher an der Uni nur ein Aspekt, wenn es um Müll und Müllvermeidung geht. Laut Umweltbericht 2018 entstand an der TU Dresden 2017 ein Abfallaufkommen von 5.158 Tonnen. Dr. Ines Herr, Umweltkoordinatorin der Uni, setzt sich dafür ein, dass die Mülltrennung klarer ersichtlich ist, und hat Projekte wie die Büromittel-Tauschbörse initiiert. Andererseits kann man Essen aus den Mensen nicht im mitgebrachten Plastikgeschirr mitnehmen, weil das Tara, das Gewicht der Verpackung bzw. des Tellers, bereits in den Waagen eingerechnet ist, erklärt Udo Lehmann.

Ist also alles nur eine Frage des Lifestyles? Ines Herr erinnert sich, dass vor Einführung des MensaCups Studenten ihren Kaffee in der Mensa getrunken hätten – aus einem Einwegbecher. Ein Bild, das sich langsam verändert. Zeit und Muse haben, den Kaffee nicht unterwegs trinken, darin sind sich alle einig. Andererseits bedeutet er für manche Menschen genau das – auf den letzten Metern zur Arbeit Zeit für sich nehmen, eine Zeitung lesen, Kaffee genießen.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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