Campuskolumne

„Ich wollte schon immer mal ein One-Night-Penner sein“, sagte ich zu meiner Freundin, als wir vor einem Bahnhof in Spanien saßen und dort vor zwei Jahren eine Nacht verbringen wollten. Nach diesen Stunden hatte ich mehr Mitgefühl für Obdachlose als je zuvor.

Nun sitze ich mit Freunden auf der Straße an einer großen Kreuzung mitten in Dresden. Um uns verbringen Junge und Alte, Wohnende und Wohnungslose ihre Zeit. Mir kommt meine Nacht in Spanien in den Sinn, als ich selbst ohne Dach über dem Kopf an dem Bahnhof saß. Doch es gab einen Unterschied. Im Gegensatz zu Obdachlosen, wie ich sie hier an der Kreuzung sehe, wusste ich damals, wo ich hingehöre und dass in Deutschland ein Zuhause auf mich wartet. So ganz nachempfinden kann ich die Lebenssituation der Menschen auf der Straße also nicht, aber ich wusste von dem Moment an, dass ich nicht wegschauen möchte.

Die Zahl der Obdachlosen in Dresden ist unbekannt, vorhanden sind Schätzungen. Laut der Landeshauptstadt Dresden wurden allein 2017 durchschnittlich 310 Obdachlose übergangsweise in Heimen und Wohnungen untergebracht. In Dresden gibt es insgesamt 361 Plätze in Heimen und 32 Plätze in Wohnungen.

Die meisten, die wir hier am Abend auf der Straße beobachten, halten alkoholische Getränke in den Händen und sammeln die leeren Flaschen von den sitzenden Leuten ein. Alkohol betäubt Schmerzen und lässt wenig Platz für Erinnerungen. Somit kann ich den Griff zur Flasche nachvollziehen, da das Leben auf der Straße sicher nicht leicht und vergnüglich ist. Obwohl die hier tanzenden, trommelnden und taumelnden Obdachlosen lachen, sehen einige auch frustriert aus. Ein Mann kommt zu uns und fragt nach Kleingeld, doch wir lehnen es ab, ihm etwas zu geben. Seine Reaktion wirkt verärgert und seine Stimme wird lauter. Ein weiterer Mann kommt auf uns zu, unterm Arm trägt er leere Flaschen und in seiner Hand hält er ein altes, weißes Radio, welches er die gesamte Zeit bei sich hat. Wir geben ihm unseren Pfand, da er einen nüchternen und dankbaren Eindruck auf uns macht.  

Ich frage mich, wo die Wohnungslosen ihren Schlaf finden und zur Ruhe kommen. Nach Angaben von Obdachlosen, bei denen ich mich erkundige, gehen viele zu Grünflächen oder offenen Hauseingängen. Einige legen sich einfach an den Straßenrand einer wenig befahrenen Gegend. Obwohl dieses Bild von wohnungslosen Menschen auf den ersten Blick traurig erscheint, müsste es einen Aspekt geben, der so manchen dazu bringt, nichts an der Situation ändern zu wollen. Ich denke zurück an Spanien. Was ging in dieser Nacht in mir vor und passt das auch zu den hier lebenden Menschen? Als ich an diesem Bahnhof saß, war ich frei. Ich spürte Unabhängigkeit, Rebellion und scheinbare Freiheit. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses positive Gefühl der Freiheit gleich viel wiegt wie das negative Gefühl der Frustration. Oftmals ist ihr Leben mit einer Antihaltung verbunden. Sie möchten nicht Teil des Kapitalismus sein, sagen sie und wenden sich als stille Demonstranten auf Straßen gegen wirtschaftliche und politische Systeme. Die Argumentationskette der Obdachlosen, denen ich begegnet bin, enthielt zwar keinen roten Faden, aber ich verstand ihren Wunsch nach einem offenen Ohr. Mir kam es wie ein Schrei nach Veränderung und Hilfe vor und ich freute mich, ihnen zuhören zu können.

Meinen Freunden und mir ist Solidarität wichtig. Somit trinken wir die letzte Flasche leer, lassen sie für einen Sammler stehen und beschließen, achtsamer auf unsere Mitmenschen, egal ob mit oder ohne Wohnung, einzugehen. Wenn ich das nächste Mal Kram Zuhause liegen habe, dann schmeiße ich es nicht weg, sondern gebe es als Sachspende weiter. Ich finde es bedeutsam, dass wir in der Gesellschaft miteinander und füreinander leben sowie Menschen nicht ausgrenzen und respektlos behandeln.

Text: Anne Pollenleben

Foto: Amac Garbe

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