Kurze im Wettbewerb

Schon mehr als eine Woche liegt das 31. FILMFEST DRESDEN zurück. Doch es gibt Filme und Begebenheiten, die selbst nach Tagen und Wochen nicht den Geist verlassen. Wir haben das Programm nach solch Erlebnissen durchstöbert und stellen heute fünf Filme aus dem Internationalen Wettbewerb vor, die uns nachhaltig beeinflusst haben. Fotograf Amac Garbe hat zudem ein paar Eindrücke bei der Preisverleihung eingesammelt.

Martina Scarpelli: „Egg“ (2018)

„Anorexia is about form and shape. It is about reaching the perfect shape.“ So fasst Regisseurin und Animatorin Martina Scarpelli den Inhalt ihres Kurzfilms „Egg“ durch eine Monologzeile im Film selbst zusammen und verarbeitet damit ihre eigene Geschichte. 2012 hatte sie die Idee zum Film, doch erst vier Jahre später war sie bereit, die Essstörung auch in einer Animation umzusetzen. Das Ergebnis hat zahlreiche Preise gewonnen, u. a. die Goldene Taube für den besten kurzen Animationsfilm beim DOK Leipzig.

Form bestimmt aber nicht nur die Krankheit, auch der Film folgt diesem „Gesetz“. Während die knochige Hauptfigur in einem Würfel lebt, spielt das titelgebende Ei den ovalen Widerpart. Es widerspricht allem, was die Protagonistin zu erreichen versucht. Und doch fühlt sie sich magisch angezogen von dieser perfekten Form, entwickelt geradezu eine sexuelle Anziehung, eine fatale Obsession. Denn sobald das Ei verschlungen ist, kippt die Stimmung. Wie ein vermeintlicher Parasit breitet es sich aus und die Protagonistin verfällt einem alten Muster.

Doch nicht nur die ausdrucksstarke Schwarzweiß-Animation, auch der treibende Sound verdeutlicht den zwanghaften Umgang mit Nahrungsmitteln. Wer das Gefühl nicht kennt, der kann es hier also zumindest nachvollziehen. Verdienter Sieger des Goldenen Reiters Animationsfilm im Internationalen Wettbewerb beim 31. FILMFEST DRESDEN. (NaF)

Lendita Zeqiraj: „Gardhi“ (2018)

Die kosovarische Künstlerin und Filmemacherin Lendita Zeqiraj schafft mit „Gardhi“ (deutsch: „Zaun“) einen beklemmenden Kurzfilm über Konventionen, Vorurteile, Ignoranz und unerfüllte Wünsche. Über den (meisten) Protagonistinnen scheint eine dicke schwarze Wolke des schlichten, sich mit der Realität und den gesellschaftlichen wie familiären Zwängen Abfindens zu schweben. In knapp einer Viertelstunde erzeugt die Handlung des Films sowohl Abscheu und Wut als auch Mitleid und schließlich ein bisschen Hoffnung.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Genti, ein Junge, der sich inmitten einer Horde starker Frauen behaupten muss, die alle lauter sind als er und seine Wünsche somit weder hören können noch wollen. Diese Frauen sind seine Mutter und Großmutter, Tanten und Cousinen. Drinnen tanzt die junge Generation in kurzen Röcken zu lauter Musik, draußen dürfen sich junge Frauen so leicht bekleidet nicht zeigen. Und schon gar nicht mit Männern anderer Herkunft. Als unrein werden nicht nur potenzielle Partner anderer Herkunft abgelehnt, sondern dieselbe Begründung wird auch für die Ablehnung von Gentis Wunsch, einen Welpen zu adoptieren, vorgebracht.

Im Film geht es viel um (enttäuschte) Erwartungen – an das eigene Leben, an die Ehe, an die nachfolgende Generation. Vieles, was die Alten heruntergeschluckt haben, nehmen die Jungen nicht mehr hin – Anerkennung von ihren Müttern erhalten sie dafür nicht gerade. Ein Beispiel: Es sei doch normal, hin und wieder vom eigenen Mann verprügelt zu werden, schließlich liege das „in der Natur des Mannes“. Man leidet lange Minuten mit Genti mit, ist froh, dass er vieles des Gesagten (noch) nicht versteht, und freut sich schließlich mit ihm, als er einen Weg findet, aus seinem Gefängnis zu fliehen – das, was viele der Frauen im Film scheinbar nicht geschafft haben. (MGA)

Olivia Kastebring, Julia Gumpert, Ulrika Bandeira: „Juck“ (2018)

Er gehört wohl zu den meistdiskutierten Filmen des diesjährigen Filmfest-Jahrgangs. Man könnte ihm vielleicht auch vorwerfen, dass er ein kleines bisschen zu lange von dieser Mission ein paar schwedischer Frauen erzählt, die schon 2013 in Form eines Tanzvideos viral gingen. Aber was hier zählt ist eben die Mission. Denn „Juck“ ist nicht nur der Name des Kurzfilms, er betitelt auch die weibliche Tanzgruppe.

2011 entstand die Idee, mit „typisch männlichem Gehabe“ auf die Rolle und Freiheit der Frau hinzuweisen. Und so sind die Protagonistinnen im öffentlichen Raum, bei Performances oder Festivals in ihrer Arbeitskluft
anzutreffen, bestehend aus einer Art Schottenrock oder -hose, weißem Hemd, Schlips, schwarzen Socken und Schuhen. Rhythmisch stoßen sie ihre Becken nach vorn, während der Blick starr-aggressiv auf den vorwiegend männlichen Betrachter gerichtet ist. Ein Spiegelbild männlicher Verhaltensweisen, das weitere Dimensionen bereithält, denn in der Gruppe gibt es dunkelhäutige Frauen, die sich zusätzlichen Problemen ausgesetzt sehen. Für die Jury für Geschlechtergerechtigkeit des 31. FILMFEST DRESDEN Grund genug, den Filmemacherinnen den Filmpreis für Geschlechtergerechtigkeit zuzusprechen. Entgegennehmen durften den die porträtierten Tänzerinnen selbst, denn Shirley Harthey Ubilla und Cajsa Godée waren mit einer neuen Kollegin bei der Preisverleihung vor Ort und hatten vorab eine Kostprobe ihrer Performance dargeboten.

Während die drei Schwedinnen also mit Jury und Fans über ihre Arbeit diskutierten, beklagten sich Kritiker*innen über die aggressive Vorgehensweise der Damen. Das heißt wohl auch: Mission erfüllt. (NaF)

Thanasis Neofotistos: „Leoforos Patision“ (2018)

„Leoforos Patision“ (deutsch: „Patision-Allee“) des griechischen Regisseurs, Autors und Architekten Thanasis Neofotistos war zu Recht Eröffnungsfilm des 31. FILMFEST DRESDEN und kehrte dann als Beitrag im Internationalen Wettbewerb in den verschiedenen Dresdner Spielstätten wieder. Es dauert nur wenige Augenblicke, bis man sich selbst in den Straßen Athens wähnt, nicht einmal eine Minute, bis man Teil der Story wird: Gerade hat die Frau, der wir auf ihrem Weg zu einem Vorsprechen folgen, das Haus verlassen, da klingelt bereits ihr Telefon. Es ist Yanni, ihr kleiner Sohn. Der ist von seinem Kindermädchen hungrig und alleine in der Wohnung zurückgelassen worden und spielt nun mit dem Gedanken, sich selbst etwas zu kochen. Dreht die Protagonistin um, kann sie vielleicht Schlimmeres verhindern. Tut sie das, muss sie allerdings auf ein Engagement verzichten, das ihr schon so gut wie sicher ist. Während der Entscheidungsfindung vergisst sie ganz, darauf zu achten, was auf den Straßen um sie herum geschieht.

Der Film ist allen (allein erziehenden) Müttern und speziell der Mutter des Regisseurs gewidmet, erklärt Neofotistos, die er dafür bewundert, stets den täglichen Spagat zwischen Beruf und ihrer Rolle als Mutter geschafft zu haben. „Leoforos Patision“ wurde in nur einem Take gedreht und erinnert (absichtlich) in seiner Machart an ein Computerspiel. Wie ein gutes Third-Person-Spiel vermag auch der Film, die Zuschauer_innen in seine Realität einzusaugen. (MGA)

Harry Lighton: „Wren Boys“ (2017)

„Tradition can be very cruel“, predigt der Pfarrer von seiner Kanzel. Nicht nur die Geschichte, die er seiner Gemeinde erzählt, beweist das. Das Ende des Kurzfilms treibt diese These auf die Spitze. Aber zunächst der Plot: Wir befinden uns in einer Kirche. Der Pfarrer erzählt von einer Tradition, die ihm als Junge Spaß bereitet hat: die Jagd auf den Zaunkönig. Er erklärt, dass er ab sofort keine Vogeljagden mehr anführen wolle. In der nächsten Szene sehen wir den Pfarrer selbstgedrehte Zigaretten rauchend im Auto seines Neffen. Die beiden fahren zum Gefängnis, um jemanden zu besuchen.

Bis zur Hälfte des Films wissen wir nicht, was die beiden Hauptdarsteller in das Gefängnis verschlagen hat und bis zum Ende hält uns der Regisseur hin mit einer Erklärung, was Vogeljagden mit der Geschichte zu tun haben. Nicht nur einmal spielt Harry Lighton mit den Erwartungen der Zuschauer_innen. Die Jagd auf und die gemeinsame Beerdigung des Zaunkönigs soll das Begräbnis des Vergangenen symbolisieren, einen frischen Start ins neue Jahr garantieren. Sich von Althergebrachtem, steifen Traditionen und Konventionen zu lösen, hätte sicherlich auch einigen Protagonist_innen des Films gut getan – und Schlimmeres verhindert.

„Wren Boys“ (deutsch: „Zaunkönig-Jungs“) lief sowohl im Internationalen Wettbewerb als auch als Beitrag im Sonderprogramm „Diskurs Europa – Das Zeitalter der Wut“ und erfuhr eine lobende Erwähnung der Jury für Geschlechtergerechtigkeit. (MGA)

Preisverleihung
Moderatorin Jenni Zylka und Festivalleiterin Sylke Gottlebe
Gebärdendolmetscher, Jenni Zylka und Sylke Gottlebe
Anne-Christin Plate gewinnt mit „Iktamuli“ den Goldenen Reiter Animationsfilm im Nationalen Wettbewerb.
Astrid Menzel bekommt für „Nicht im Traum“ den Filmförderpreis der Kunstministerin.
Astrid Menzel
Goldener Reiter
Auch „Sealand“ von Till Giermann bekommt einen Goldenen Reiter.

Text: Marie-Therese Greiner-Adam & Nadine Faust

Zum Titelbild: Der Auftritt von JUCK bei der Preisverleihung.

Fotos: Amac Garbe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.