Campuskolumne

Als politisch andersdenkender Mensch weiß man ja manchmal gar nicht mehr, wie man auf Äußerungen von AfD, Pegida oder anderen rechtsgerichteten Akteur*innen reagieren muss. Sollte man lieber schweigen, um derartigen Ideen und Meinungen nicht noch mehr Raum zu geben? Oder sollte man reagieren, um vielleicht doch dem einen oder anderen Menschen einen Denkanstoß zu geben?

In gut vier Wochen sind nun also Stadtratswahlen in Dresden und die ortsansässige AfD hat vor einer Weile schon ihr Wahlprogramm veröffentlicht. Von einem geschichtsrevisionistischen Umbau der Stadt ist da die Rede. Die neu gegründete städtische Wohnungsgesellschaft wolle man liquidieren und den Montag – dank Pegida – zum „Tag des bürgerlichen Engagements“ erklären, an dem Mensch dann von 17 bis 22 Uhr kostenlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann.

Spätestens jetzt ist mir schlecht. Dabei bin ich noch gar nicht an dem Punkt, der ursprünglich meine Aufmerksamkeit erregt hat. Denn als das Programm auf „Kultur und Identität“ zu sprechen kommt, schlagen die Damen und Herren sämtlichen Fässern den Boden aus. Hier werden Dresdner Kulturinstitutionen gegeneinander ausgespielt. Während Philharmonie, Stadtbibliothek, Staatsoperette und Staatsschauspiel für gut befunden werden, spricht man dem Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau jegliche Daseinsberechtigung ab. „Das Ensemble hat keinerlei Publikumsrelevanz erreicht und sollte daher aufgelöst werden.“ Bäm! Der Mund steht offen. Man wolle die Kultur entpolitisieren und generell liege die Stärke Dresdens doch in der klassischen Kultur. Alternativangebote? Anscheinend unerwünscht. Glaubt man zumindest der AfD.

Kultur entpolitisieren. Ich schüttel immer noch den Kopf. Kultur war und wird immer politisch sein. Schon die griechischen Tragödien wurden spätestens unter dem Druck der Perserkriege politisch. Und was dürfte klassischer als diese sein? Zumal die Damen und Herren wohl noch nie selbst im Staatsschauspiel waren, geschweige denn ins Programm geschaut haben, wenn sie von Kultur ohne Politik reden. Und ist eine Forderung nach Entpolitisierung der Kultur mit gleichzeitiger Diffamierung andersdenkender Kunst nicht höchstselbst hochpolitisch?

Ich selbst jedenfalls möchte in keiner Stadt leben, in der eine Partei oder auch ein Stadtrat mir vorschreibt, welche Kultur „vom Bürgerinteresse getragen“ ist und welche nicht, welche ich sehen kann oder eben nicht. Und ich glaube, das möchten auch die Kulturinstitutionen nicht. Natürlich sind sie schon jetzt von öffentlichen Geldern abhängig, aber es ist eben die thematische Breite der Kunst, die sie erst bedeutsam machen. Es sind die kleinen Nischen, streitbaren Themen und hochpolitischen Diskussionen, die zum Denken anregen. Und nicht gleichgeschaltete Kultur mit dem immer gleichen Inhalt.

Text: Nadine Faust

Foto: Amac Garbe

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