Fotos geben uns einen Anker. Sie erinnern uns an einen Ausflug in der Kindheit, den man selbst schon vergessen hat. An Gäst:innen auf Familienfeiern, die man längst verdrängen wollte. Oder an peinliche Aktionen im jugendlichen Rausch. Doch wie sehen solche fotografischen Beweise heute aus, wenn der ungeliebte Gast mit einem Fingertipp aus dem Foto getilgt wird? Wenn das verpickelte Gesicht glattgebügelt oder aus dem Bier eine Limo wird? Wie verlässlich sind diese „Erinnerungen“ noch?
Mehr Relevanz bekommt diese Frage, wenn es etwa um Transformationsprozesse in Deutschland geht. Um die Auswirkungen von Großveranstaltungen wie Olympia. Um zerstörte Landschaften in Gaza oder illegale Mülldeponien in Brandenburg. Dort hinzuschauen, das ist die Aufgabe von Fotograf:innen. Fotograf:innen wie jene der Agentur Ostkreuz in Berlin, zu der 26 Mitglieder gehören. Die in Kriegsgebiete gehen, um das Männlichkeitsbild von Soldaten zu hinterfragen. Orte besuchen, die längst abgehängt scheinen und doch Zusammenhalt und Hoffnung zeigen. Oder Winkel der Welt offenbaren, die man sonst gar nicht zu Gesicht bekommen würde.
Die große Gemeinschaftsausstellung „WAS TUN WIR. Bilder in Zeiten zerfallender Gewissheiten.“ der Berliner Agentur, die nach der Verantwortung von Fotograf:innen fragt, nach der Authentizität des dokumentarischen Bildes und der Entstehungsgeschichte dieser Bilder, ist noch bis zum 8. November in der robotron-Kantine in Dresden zu sehen. Wohl die letzte große Ausstellung, bevor das Haus saniert wird, was auch für die Fotograf:innen ein gewichtiger Grund war, mit ihrer großen Fotoschau nach Sachsen zu kommen. Werden am Haus doch genauso Transformationsprozesse deutlich wie bei der Agentur selbst.
Die Schau, die mehrere Jahrzehnte umspannt und auch Videoarbeiten beinhaltet, wird von Führungen und drei größeren Podiumsdiskussionen begleitet. Am 8. Oktober (18 Uhr) geht es dabei ums „Mauer Land. Geschichte(n) und Menschen in einem ostdeutschen Kollektiv 35 Jahre nach der Wiedervereinigung: OSTKREUZ“. Geöffnet ist die Ausstellung darüber hinaus Mittwoch bis Freitag von 16 bis 19 Uhr, am Wochenende von 12 bis 18 Uhr. Zutritt für acht, ermäßigt sechs Euro. Freitags ist der Eintritt frei.
Text: Nadine Faust
Titelfoto: Ausstellungsansicht Tamara Eckhardt aus der Serie „La Vie en rose“ © Anja Schneider


