Psychische Probleme sind in unserer Gesellschaft noch immer stigmatisiert, obwohl im Laufe eines Lebens circa jede:r vierte Deutsche daran erkrankt. Die Kuratorinnen Clarissa Lütz und Rebekka Rinner haben zwei Jahre lang mit Betroffenen zusammengearbeitet und den Blickwinkel geändert. Herausgekommen ist die Sonderausstellung „Wie geht’s?“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Dort werden neben den Herausforderungen vor allem die Lösungen in den Mittelpunkt gerückt. Und das erleichtert den Einstieg ins Thema.
Erleben, Erkennen, Anwenden
Die Ausstellung ist, auch farblich abgestimmt, in drei Bereiche unterteilt. Der erste Raum zeigt sowohl Körper-Skulpturen von Leigh de Vries als auch Statistiken, die dreidimensional, z. B. als Säule, aufgearbeitet sind. Außerdem kann man hier mit anderen ein Quiz spielen. Diese ersten Minuten bieten einen spielerischen Einstieg, ohne überladen zu sein.
Im zweiten Bereich geht es um die Diagnostik. Die Besucher:innen können Videos sehen, in denen Betroffene und Angehörige von der Erkrankung und dem Umgang damit berichten. Außerdem gibt es eine Tafel, in der einige Änderungen von ICD 10 zu ICD 11 erklärt werden. Die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems wird von der WHO herausgegeben und klassifiziert Krankheiten. Zu den Änderungen, auf die die Ausstellung hinweist, gehört z. B. die Aufnahme der vermeidend-restriktiven Ernährungsstörung oder die Unterteilung einer bipolaren Störung in zwei Schweregrade. Auch der Umgang der Gesellschaft mit der Erkrankung wird aufgegriffen, z. B. der Gedanke, dass Arbeitnehmer:innen an sich arbeiten sollen, aber sich das Unternehmen als Ursache für Erkrankungen aus der Verantwortung zieht. Dieser Teil geht etwas tiefer ins Thema und zeigt, wie wichtig es sein kann, Dinge zu benennen.
Im dritten Teil geht es um den aktiven Umgang mit der Erkrankung. Die Ausstellung arbeitet auch hier mit visuellen Reizen, z. B. den Bildern „Sweat Stress“ von Anouk Kruithof, die Schweißflecken in ein neues Licht rückt. Vor allem lernt man als Besucher:in, welche Skills andere Menschen anwenden. Skills sind Techniken, um Anspannungen zu lösen oder vorbeugend Sicherheit zu geben. Außerdem kann man sie selbst ausprobieren. Am Ende erklärt eine riesige Skulptur Leigh de Vries „It‘s ok to feel things“. Besucher:innen können hier notieren, was sie gerade fühlen, und dies mit anderen teilen.
Zugänglichkeit hat ihre Grenzen
Schon vor Ausstellungsbeginn kann man sich ein Sensory Kit holen, in dem u. a. Kopfhörer und Stressbälle enthalten sind. Außerdem bietet die Ausstellung immer wieder Ruhezonen, z. B. Zelte, Sitzsäcke oder ein großes Bett mit Kissen. Besucher:innen haben damit die Möglichkeit, sich bei Überreizung zurückzuziehen oder mit anderen ins Gespräch zu kommen.
Die Ausstellung arbeitet sehr viel mit visuellen und haptischen Reizen, was den Inhalt auflockert, aber auch überfordern kann. Außerdem versucht sie, barrierearm zu sein. Das funktioniert gut. Es gibt Übersichtstafeln, viele Schaukästen können in Braille gelesen werden und Videos sind deutsch und englisch untertitelt. Man kann sich auch ein Glossar in leichter Sprache basteln. Dieser Fokus lässt aber besonders den Diagnostikteil inhaltlich etwas schwächer wirken, weil man für die Informationen mehrere Videos gucken muss. Infokästchen werden weniger verwendet. Gut ist auch, dass es ein ausführliches Begleitprogramm mit Vorträgen gibt.
Am Ende angekommen
Sowohl für Betroffene als auch Interessierte bietet die Ausstellung einen leichten Zugang und eine Erweiterung der Perspektive. Manche Inhalte können triggernd wirken, das wird aber durch die eher visuelle Gestaltung und die Ruhezonen abgefedert. Die Ausstellung hat eine positive Grundstimmung und zielt auf Selbstermächtigung. Deswegen kann man sie sich auch mehrmals angucken.
Die Ausstellung läuft bis zum 4. April 2027 und kann von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr besucht werden. Karten für das gesamte Museum kosten 12 Euro normal, sechs Euro ermäßigt. Freitags ab 15 Uhr gibt es 50 Prozent Rabatt.
Text: Vivian Herzog
Fotos: Amac Garbe


















