Es duftet nach Brot. Unter dem Motto „Der Boden ist Lava“ hat die Klasse Aladag der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden Mitte Juli im Rahmen der Jahresausstellung in die Weiße Gasse 8 geladen. Hannah Doepke interpretiert das Thema als einen Teppich aus frisch gebackenen Brotstreifen zum Essen. „Eating from the Common Ground“ nennt sie das und möchte ihn gleichberechtigt teilen und sich nachhaltig darum kümmern.

Kunst als Seelennahrung, unsere gesellschaftliche Grundlage und der Boden, auf dem wir Themen verhandeln – lässt sie uns die Welt doch mit anderen Augen sehen. Nicht das erste Mal ist Brot dabei das Material der Wahl, um auf bestimmte Probleme aufmerksam zu machen. 2017 etwa hatte der HfBK-Diplomand Daniel Grams Brotlaibe in Ölfässern gebacken, um auf die Verschwendung in unserer Konsumwelt aufmerksam zu machen. Und Vertreter:innen der Arte povera nutzten schon in den 1960ern alltägliche Materialien für ihre Installationen – etwa verderbliche Lebensmittel.
Spenden statt Ausfinanzierung
Doch die Kunst, die uns nährt, leidet selbst an Mangel. Oder zumindest die Ausbildung ihrer Vertreter:innen. Anfang Juli hatte die HfBK Dresden öffentlich gemacht, wie sehr der Hochschulbetrieb unter den finanziellen Kürzungen leidet. Beim Sommerfest in der Güntzstraße wurde deshalb offensiv um Spenden gebeten, um Veranstaltungen wie die Werkshow des Studiengangs Theaterdesign, die jährlich den kompletten Innenhof des Gebäudes auf der Güntzstraße füllt, weiterhin veranstalten zu können. Wie wichtig diese Ausfinanzierung auch für Einzelne ist, machte Zhenya Efros beim Sommerfest klar, denn sein Studium an der HfBK ist nur möglich, da sich Mitarbeitende für ihn eingesetzt haben. Zeit, die bald nicht mehr übrig sein könnte.
Dass ein abgeschlossenes Kunststudium und eine erfolgreiche Diplomausstellung dennoch keine Garanten für Erfolg sind, zeigt das Beispiel Leon Schmidt. Im vergangenen Jahr mit seinem Malautomaten absoluter Blickfang im Oktogon, verkaufte er einige der in Kooperation von Künstler, Maschine und Besuchenden entstandenen Emojis und hatte im Anschluss sogar eine Ausstellung in der Galerie Holger John. Heute bezeichnet er sich als arbeitslos mit gepfändetem Konto. Dass viele Künstler:innen ihre Brötchen anderweitig verdienen, überrascht da nicht.
Wer ist hier der Dino?
Und so scheinen sich viele der angehenden Künstler:innen auch nicht mit großen politischen Fragen zu beschäftigen, sondern sie befassen sich oft mit den Grundlagen des Lebens. Man denke etwa an den „Homo Sapiens Rex“ von Rocco Emil Demmer aus der Klasse Kwade, der in der Jahresausstellung in der Pfotenhauerstraße zu sehen war und aus PVC-Skeletten des Menschen besteht – was manche auch beim zehnten Anblick nicht bemerkten. Es bedarf manchmal also eines elften Blicks, um hinter die Fassade zu schauen.

In der Diplomausstellung lässt Caroline Appelbaum mit ihren Erinnerungsboxen im Senatssaal in ihr ganz eigenes Archiv an Gedanken, Erinnerungen und gesammelten Gegenständen schauen, die mal mehr, mal weniger offensichtlich sind, so wie Erinnerungen selbst nach und nach verschwinden oder uneindeutig werden. Die Form des „Nicht-Iglus“ ist dabei eine persönliche Reminiszenz an die Kindheit in Sachsen.
Allgemeingültiges im Privaten
Auch die textile Arbeit von Hyeonjin Park „Have you ever seen cherries?“ ist ein Zeugnis der eigenen Kindheit, sind die titelgebenden Kirschen doch ein althergebrachtes Muster, wobei die genutzte Strickmaschine aus Japan den 80ern entstammt und für den privaten Gebrauch gedacht war. Dabei geht es ihr nicht um Perfektion, sondern um die Wiederholung einer alltäglichen Handlung und das Zulassen von Fehlern.

Dass sich die angehenden Künstler:innen oft mit dem Wesen der Kunst und dem passenden Material auseinandersetzen, zeigen etwa die monochromen Malereien von Elif Aktas. Zunächst mit der Hell-Dunkel-Malerei von Velazquez und Goya anbandelnd, hat die Künstlerin in Dresden das Werk Caspar David Friedrichs kennengelernt, was ihren schwarzen Landschaften anzusehen ist. Dabei bewirkt die Reduktion der Farbe eine Konzentration auf Bewegungsabläufe, Formen, Struktur und Rhythmus. In einer übermedialisierten Welt voller KI-generierter Bilder ist schon allein das eine Kunst.

Die Diplomausstellung mit den Abschlussarbeiten von 47 Diplomand:innen der Bildenden Kunst ist noch bis zum 6. September dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr im Oktogon der HfBK Dresden und angrenzenden Räumen zu sehen. Kostenpunkt: sechs Euro, ermäßigt vier. Begleitend zur Ausstellung ist ein Diplomkatalog erschienen. Für die Jahresausstellungen der beiden Fakultäten muss man wieder bis nächsten Juli warten.
Text: Nadine Faust
Fotos: Matthias Pohl & Nadine Faust
Zum Titelfoto: Caroline Appelbaum, Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie man ein Iglu baut …