Kunst zum Anfassen

Wer den Besuch einer Kunstausstellung gewöhnlich als kontemplative Distanzübung kennt, wird in der Motorenhalle aktuell erst einmal aus dem Konzept gebracht. Die dort bis zum 12. Juli zu erlebende Ausstellung „berühren[d]“ ist nämlich nicht nur zum Anschauen da, sondern ausdrücklich zum Anfassen, Ertasten, Bewegen, in einem Fall sogar zum Schmecken.

Entgegen mancher Befürchtungen ist dabei nach einigen Wochen Laufzeit durchweg positiv zu vermerken, wie ruhig und selbstverständlich der Umgang mit diesem ungewöhnlichen Kunstausstellungskonzept bislang ist: Die Besucher:innen berühren die Werke mit großer Vorsicht und Respekt; allen scheint klar zu sein, dass dieser Vertrauensvorschuss nicht Beliebigkeit meint, sondern zum „in Beziehung gehen“ einlädt.

Genau darum geht es hier. „berühren[d]“ fragt, was passiert, wenn Kunst nicht auf Distanz hält, sondern Nähe anbietet. Die Antwort ist so einfach wie anspruchsvoll: Erkenntnis entsteht nicht nur im Kopf, sondern durch Körper, Aufmerksamkeit und Mitwirkung. Die Ausstellung setzt damit gewissermaßen einen Kontrapunkt zur entkörperlichten Gegenwart, in der vieles nur noch digital, indirekt und in Sekunden konsumiert wird. Hier dagegen muss man sich einlassen. Wer die Werke berührt, tastet nicht nur Material ab, sondern auch die eigene Haltung zur Welt.

Unsichtbare Barrieren

Das beginnt bei Eric Beier, dessen Arbeiten seine körperliche Situation als Rollstuhlfahrer nicht als biografische Randnotiz, sondern als Ausgangspunkt aufgreifen. Seine Objekte formulieren eine Perspektive auf Barrieren, die im Alltag oft gar nicht als solche wahrgenommen werden, weil sie sich hinter Gewohnheit und Funktionalität verstecken. Das „Geduldspiel 2, 3, 4“ mit seinen unsichtbaren Magneten und sichtbaren Stahlkügelchen bringt diese Erfahrung ebenso präzise wie poetisch auf den Punkt: ein ständiges Balancieren zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

Auch die Skulpturen von Gina Bolle verschieben den Blick. Die Prototypen „Konkav“, „Kissen“ und „Medusa“ sind keine fertigen Denkmäler, sondern tastbare Formen eines barrierearmen öffentlichen Raums. Dass sie aus nachhaltigem Beton bestehen und gemeinsam mit blinden und sehbehinderten Menschen entwickelt wurden, macht sie zu mehr als Designobjekten. Sie zeigen, wie Inklusion aussehen kann, wenn sie nicht nachträglich ergänzt, sondern von Beginn an mitgedacht wird. Hier ist Berührung nicht Dekoration, sondern Methode.

Kunst, die schmecken kann

Eine andere Art von Nähe eröffnet Marisa Benjamim mit „Spritz. The Taste of Kulturforum Dresden“. Ihre schmeckbare Installation übersetzt die Umgebung der Motorenhalle in Duft, Farbe und Geschmack. Das klingt experimentell, ist aber vor allem sehr eindrücklich: Denn Benjamim macht deutlich, dass Räume nicht nur gesehen, sondern auch verkörpert werden können. Wer die Flüssigkeiten aus den Sprühflaschen probiert, nimmt den Ort nicht metaphorisch, sondern buchstäblich in sich auf. Das ist ein beinahe spielerischer, zugleich sehr ernsthafter Versuch, Wahrnehmung zu entschleunigen.

Marc Fromms „Die Soldatin“
Marc Fromms „Die Soldatin“

Zu den allein durch ihre Monumentalität, aber auch durch ihre Ausarbeitung eindrucksvollsten Arbeiten der Ausstellung gehört Marc Fromms „Die Soldatin“. Die überlebensgroße Holzfigur wirkt zugleich anmutig und in ihrer Souveränität angsteinflößend, fast wie eine militärische Ikone – mit en detail doch recht fragwürdigen Insignien. Erst beim Umrunden zeigt sich, dass diese Haltung aus vielen Teilen gefügt und – einem trojanischen Pferd gleich – von hinten hohl ist. Fromm wirft dabei viele drängende Fragen unserer Zeit nach Sicherheit, Repräsentation und der neuen Sichtbarkeit militärischer Ordnung auf. Auch hier ist das Werk nicht nur Objekt, sondern Kommentar.

Regulierte Nähe

Die Künstlerin Noemi Durighello wiederum stellt eine ganz andere Form von (urbaner) Nähe her. Ihre Installation „Wagen 1–3“ verbindet Einkaufswägen, Drucke und skulpturale Gesten zu einer Reflexion über Konsum, Kontrolle und digitale Selbstinszenierung. Der Mittelfinger, das Peace-Zeichen, der Like: Das sind soziale Grundzeichen unserer Gegenwart, aber in physischer Form wirken sie plötzlich fremd. Durighello macht sichtbar, wie sehr unsere Alltagsgesten längst von Bildcodes durchdrungen sind. Dass die benachbarten Ölmalereien „S-spot/e“ nur mit Handschuhen berührt werden dürfen, setzt einen schönen Kontrast: Nähe wird ermöglicht, aber nicht grenzenlos. Gerade darin liegt eine produktive Spannung.

Noemi Durighellos „Wagen 1–3“
Noemi Durighellos „Wagen 1–3“

Johannes Kiel wiederum denkt mit „Tbit/s“ die Gegenwart als vernetztes, sich selbst verselbständigendes System. Seine kinetische Installation reagiert auf Nähe, Datenströme und Bewegung. Der Körper wird zur Schnittstelle, die Technik zur Mitspielerin. Fast beruhigend wirken da die daneben wie hingeworfen liegenden Flintsteine als archaische Werkzeuge und gleichsam als Erinnerung daran, dass jedes digitale System einmal mit ganz analoger Handarbeit begann (und vielleicht irgendwann auch wieder da endet?).

Es gibt in dieser Ausstellung noch viele weitere Arbeiten, die den Raum öffnen und die Haut als Berührungs- und zugleich Erkenntnisorgan ernst nehmen: der rotierende, kontemplativ bewegliche „Welt Wald“ des Künstlerduos Pätzug/Hertwecks etwa, der den Naturraum nicht abbildet, sondern körperlich erfahrbar macht; Karin Reichmuths steinerne Verdichtungen von Geld („Un Pacco di Soldi“), Gehirn („Fossil des Denkens“) und Konsum- wie Umweltinsignie („Flattersäckli). Nicht zu vergessen sind auch die gleich eingangs auf die Besuchenden mit magischer Anziehungskraft wirkenden Hybridwesen der Künstlerin Theresa Rothe, deren Flauschigkeit schon vielerorts die Berührungssinne der Besuchenden gelockt haben.

Politisch codierte Berührungen

Inhaltlich und vor allem auch technisch beeindruckend ist schließlich das Keramikglasurgemälde von Liza Sivakova, dem man nicht ansieht, dass sich die Malerin hier erstmals mit diesem anspruchsvollen Medium befasst hat. Herausgekommen ist mit „in partes, in unum“ eine Art flächiges (und berührbares) Nachdenken über das Händeschütteln als politisch codierte Berührung.

Nach dem offiziellen Ende dieser Ausstellung sind die meisten der gezeigten Arbeiten übrigens nicht gleich weg – vielmehr geht die Schau quasi direkt über in die diesjährige Internationale Dresdner Sommerakademie für Bildende Kunst mit ihrer traditionellen Dozent:innenausstellung. Denn die Mehrheit der beteiligten Künstler:innen sind als Dozent:innen der Sommerakademie vor Ort – die Ausstellung ist also nicht nur Schau, sondern Auftakt eines gemeinsamen Lernens. Das passt hervorragend zu ihrem Grundgedanken: Kunst nicht als abgeschlossenen Besitz zu denken, sondern als offenen Prozess. Und ganz nebenher ist dieses zusammenhängend gedachte Konzept sowohl entstressend als auch nachhaltig und ressourcenschonend, wie Kuratorin Denise Ackermann bemerkt, die die Ausstellung gemeinsam mit der Sommerakademieleiterin Anke Dietrich konzipiert hat.

Und damit die Kunst nicht nur mit allen Sinnen erlebbar, sondern auch thematisch tiefgreifender berühren kann, wird die Schau von einem Begleitprogramm flankiert. So laden die Macherinnen etwa jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr zum Kunstplauschen mit Kaffee und Tee. Und am 11. Juli (16 Uhr) gibt es noch mal eine Kurator:innenführung. Die Ausstellung „berühren[d]“ ist bis zum 12. Juli 2026 donnerstags und freitags 16 bis 19 Uhr sowie am Wochenende 14 bis 17 Uhr in der Motorenhalle des riesa efau Dresden zu sehen (Zugang über Wachsbleichstraße 4a oder über Adlergasse 12/Kulturhof).

Text und Fotos: Susanne Magister

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert