Der Mythos des Herkules ist wandelbar. Vom trunkenen Antihelden bei Rubens über den Frauenkleider tragenden Sklaven der Omphale bis zum Familienstar, den Disney 1997 aus dem antiken Helden machte. Erstere Beispiele sind noch bis zum 28. Juni in der Ausstellung „Herkules – Held und Antiheld“ im Zwinger zu sehen.
Schon der Name der Sonderschau der Skulpturensammlung bis 1800 und der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verrät die ambivalente Betrachtung des mythischen Helden, der wohl wie kein zweiter zunächst in der Bildenden Kunst und dann auch in der Popkultur Niederschlag fand. Davon zeugt schon die Medienstation mit den Bildern von Besuchenden der Ausstellung, die das Wort Herkules im Alltag aufspüren – seien es Verballhornungen des Namens für Friseurgeschäfte oder auch besonders kraftvolles Brot.
Den Ursprung hat Herakles, wie er auf Altgriechisch heißt, in der griechischen Mythologie. Literarisch ist er wohl seit Homer und Hesiod fassbar, also etwa seit dem 8. Jahrhundert vor Christus. Doch der Mythos entstammt einer mündlichen Tradition, was den Stoff auch so anpassungsfähig macht. Zu finden ist er in der griechischen Vasenmalerei und auch Bronzeskulpturen wurden erschaffen, wovon wir freilich eher die römischen Marmorkopien oder spätere Abgüsse kennen. Ein berühmtes Beispiel ist da sicherlich der kolossale Herkules Farnese. Die römische Marmorkopie des griechischen Originals von Lysipp hat nach der Auffindung in der Renaissance vielleicht einen ähnlichen Hype ausgelöst wie der Laokoon.
Dargestellt werden oft Herkules‘ heldenhafte zwölf Aufgaben – von der Bezwingung des Nemeischen Löwen, dessen Fell zu seinem Attribut wird, bis zu den goldenen Äpfeln aus dem Garten der Hesperiden, wofür Herkules Atlas einspannt und derweil das Himmelsgewölbe von ihm übernimmt. Eine Pose übrigens, die August der Starke im Zwinger auch für sich beanspruchte.
Ein Held, der taumelt
In weiteren fünf Kapiteln der Ausstellung – Herkules‘ Verhältnis zu Frauen, Herkules als Antiheld, Herkules als Tugendvorbild, Rezeption des Herkules Farnese, Aus antiker Meisterhand – werden die tugend- und lasterhaften Seiten des vermeintlichen Heroen beleuchtet. Man könnte seine Entwicklung als Heldenreise beschreiben, müsste man seine brutalen Ausbrüche nicht in einem neuen Licht betrachten. Seine schier unzähligen Frauengeschichten; seine unbändige Wut, die in Mordlust mündet; seine dionysische Trunkenheit: Das alles ist Ausdruck eines Mannsbildes, das wir eigentlich zu überwinden suchen.
So lässt sich zuletzt fragen, inwiefern Herkules noch als Held, Heroe oder auch moderner Superheld und somit als Vorbild dienen kann. Das Ideal des muskelbepackten Mannes, der aus vermeintlich tugendhaften Gründen Gewalt ausübt und dabei immer wieder Grenzen überschreitet, ist doch längst überholt. Wenn man sich fragt, warum viele Männer immer noch denken, sich so benehmen zu können, findet man in der Ausstellung jedenfalls die tausende Jahre alte Rezeptionsgeschichte dazu.
Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der 28 Euro kostet, und sich beispielsweise auch mit der filmischen Rezeption des Stoffs beschäftigt. Die Schau selbst ist bis Sonntag täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen, Tickets kosten ermäßigt 13,50 Euro, Schüler:innen bis 20 Jahren zahlen zwei Euro. Am Donnerstag widmet sich ein Onlinevortrag dem „Ursprung der Milchstraße“, am Freitag gibt es noch mal eine Führung. Außerdem erläutert Schauspieler Martin Brambach in kurzen Videos die „Tatorte“ des Mythos und ein kostenloser Audioguide erläutert einige Kunstwerke.
Text: Nadine Faust
Fotos: Amac Garbe



