Ein Jahr und eine Sprache

Vor fast 12 Monaten berichtete ich stolz, dass ich nun Arabisch lerne. Und in dieser Zeit haben sich meine Fähigkeiten etwas verbessert, doch vor allem habe ich etwas über das Sprachen-Lernen gelernt. Besonders, seit ich mit Polnisch noch eine vierte Fremdsprache angefangen habe.

Fortschritte

Im vergangenen Jahr konnte ich auf Arabisch sagen, dass ich aus Deutschland komme, und beherrschte Grundwörter wie Haus, Tür, Nachbar und Ehemann. Außerdem einige arabische und englische Namen. Der Schwerpunkt lag vor allem auf den Schriftzeichen.

Mittlerweile habe ich einfache grammatikalische Strukturen drauf, z. B. „Er hat ein großes Haus.“. Ich kann die Zimmer einer Wohnung benennen und Städtenamen auf Arabisch schreiben. Derzeit lerne ich den Genitiv, z. B. „Meine Katze ist im Büro des Professors.“. Das Alphabet habe ich fast komplett durch, nur an manchen Buchstaben und Lauten scheitere ich noch. Verben erspart mir das Programm bisher.

Mein Wortschatz hat sich deutlich vergrößert, auch wenn sich das nicht immer so anfühlt. Smalltalk führen oder etwas in einem Restaurant bestellen, das geht noch nicht. Ich mag den Sprachkurs, weil er meiner Art zu lernen entgegenkommt. Und weil er langsam voranschreitet, vieles wiederholt. Aber es ist wenig dabei, das ich im Alltag anwenden kann.

Der Lernprozess

Ein großes Problem sind für mich neue Lektionen, wenn ich viele neue Wörter lernen muss. Ich bin jedes Mal frustriert, weil ich mir nichts merken kann. Bis es irgendwann geht.

Aufgrund der Schriftsprache kann ich Wörter nicht einfach auf Wikipedia nachschlagen und sie mir herleiten. Obwohl es gute Quellen im Internet gibt, fällt es mir schwer, zusätzliche Informationen zu finden. Das fehlende Drumherum erschwert mein Lernen. Arabisch ist weit weg von meiner Sprache.

Andererseits fühlen sich die Buchstaben nicht mehr fremd an. Es sei denn, ich versuche kurz nach dem Aufstehen hungrig eine Lektion zu machen. Ich kann sie noch nicht fließend, aber ich habe einen Sinn dafür entwickelt. Wenn ich die Zeichen im Alltag sehe, weiß ich meistens, wie man das Wort ausspricht. Außerdem finde ich sie hübsch.

Die Motivation

Mein Verlangen nach Arabisch hat circa zu Weihnachten nachgelassen. Bis zum Frühjahr habe ich deutlich weniger geübt, oft nur, wenn ich Urlaub hatte. Seitdem ist es ein Auf und Ab. Das liegt vor allem an meiner Erwartungshaltung. Ich dachte, dass das Lernen irgendwann einfacher wird. Das wurde es nicht. Und dass ich nach so langer Zeit Sätze sprechen kann, die ich tatsächlich anwende. Auch das ist leider nicht der Fall.

Auch die Belohnungen in meinem Sprachkurs sind nicht so aufregend. Mir fehlt der Wettbewerb mit anderen. Allerdings mag ich immer noch, dass ich mich zwischen Schriftzeichen-Übungen und Sprach-Lektionen entscheiden kann.

Polnisch hat meine Motivation verstärkt, weil ich täglich wieder mehr tue – in einer der beiden Sprachen. Außerdem sehe ich, was ich in einer Sprache ausdrücken kann und noch lernen möchte. Im Zweifel ist mir Arabisch vertrauter, weil ich es bereits seit einem Jahr mache.

Zurück zum Anfang

Warum ich mit Polnisch angefangen habe, ist schwierig zu erklären. Eigentlich finde ich slawische Sprachen doof. Während man dem Deutschen vorwirft, es würde wie ein Presslufthammer klingen, hören sich für mich Russisch, Polnisch und Tschechisch an, als fahre ich ein Auto mit kaputtem Motor – mal schwebt es mit seinen weichen Zischlauten durch die Landschaft, dann bremst es mit seinen harten Konsonanten ab. Außerdem kann ich das R nicht rollen.

Mich hat aber fasziniert, dass die Sprache nur wenige Kilometer von Dresden entfernt ist und man im Grenzgebiet oft auf zweisprachige Ortsschilder trifft. Es fühlt sich an, als hätte ich etwas ausgeblendet, das direkt vor meiner Haustür liegt.

Den Ausschlag gab aber – sehr simpel –, dass ich zwei Freunde habe, die aus Polen kommen bzw. stammen. Und die sehr schön klingen, wenn sie Deutsch mit kaum hörbarem polnischem Akzent sprechen. Ich wollte einen Teil ihrer Kultur ergründen und verstehen, was sie prägt.

Unterschiede im Lernprozess

Als ich mit der slawischen Sprache begonnen habe, hätte ich nach fünf Minuten am liebsten aufgegeben. Denn mein Kurs konfrontierte mich in der ersten Lektion mit „sein“ und „essen“ – zwei Verben, deren gebeugte Formen sich sehr ähneln. Ja jem jabłko – ich esse einen Apfel. Ja jestem jabłko – ich bin ein Apfel. Dazu noch die passenden Formen für „er is(s)t“ und „sie is(s)t“. Ich musste also mein Wissen über die Beugung von Verben hervorkramen. Mir machte das bewusst, dass ich so besser lernen kann, weil ich das in der Schule bereits mit Englisch und Französisch durchgemacht hatte. Beim Arabischen funktioniert vieles über auswendig lernen.

Allerdings habe ich auf Polnisch bereits in Lektion 3 „Bitte!“, „Danke!“ und „Gute Nacht!“ gelernt. Dinge, die man für Dates, Trennungen und Smalltalk gut nutzen kann. Die Sprache führt mich also sehr früh an Wendungen heran, die ich täglich nutzen kann.

Das Polnische bietet aber auch einige falsche Freunde. „ie“ wird z. B. immer getrennt ausgesprochen. Und Stolpersteine: Das „rz“, das man oft in deutsch-polnischen Nachnamen findet, ist eine historische Form des Ż und wird wie das J im (französischen) Journal ausgesprochen. Dazu die Zischlaute, die nicht schwer zu bilden, aber schwer zu unterscheiden sind. Im Arabischen waren es die arabischen Buchstaben, die lateinische Umschrift, die Schreibrichtung und die an Französisch erinnernde Satzstellung, die mich verwirrten. Beim Polnischen die Buchstaben, die vertraut aussehen, aber sich anders anhören.

Kopfkino

Interessant finde ich, dass ich völlig unterschiedliche Bilder im Kopf habe, wenn ich mich mit den Sprachen beschäftige. Wenn ich Arabisch lerne, sitze ich auf einem Felsen in der Wüste, hinter mir eine Ruine, vor mir eine Oase. Und während meine Füße im warmen Sand spielen, rezitiere ich Vokabeln und versuche, den q-Laut, der wie ein tiefer im Rachen gebildetes K klingt, auszusprechen.

Wenn ich Polnisch lerne, fühle ich mich wie eine Prinzessin in einem 60er-Jahre-Märchenfilm, die auf der Suche nach dem Prinzen Täler und Hügel abläuft. Die dann eine Pause an einem verwunschenen See macht und den „Cholonek“ von Janosch rausholt.

Mit beiden Sprachen verbinde ich eine unterschiedliche Atmosphäre, aber das Gefühl von Zugehörigkeit, Heimat.

Noch ein Fazit

Sprachen lernen macht immer noch Spaß. Es gibt mir Struktur und ist etwas, auf das ich mich jeden Tag freue. Mit zwei Fremdsprachen ist mein Tempo geringer, aber die Motivation größer, weil ich in beiden Welten unterschiedliche Fähigkeiten anspreche. Ob ich sie jemals anwenden werde, weiß ich nicht – auch wenn der Plan, irgendwann mal nach Breslau zu fahren, eher umsetzbar ist als eine Reise in den Nahen Osten. Trotzdem finde ich es toll, eine Sprache zu ergründen und einen Berührungspunkt zu Kulturen zu haben, an die ich früher nicht gedacht habe.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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