Sprachkurs mit Verspätung

Heute ist es soweit. Ich kann die Rosé-Korken knallen lassen und in einem Glitzerkostüm zur Arbeit gehen. Ich kann grölende Jugendliche in der Bahn ignorieren und lächelnd durch die Straßen tanzen. Heute ist der hundertste Tag, an dem ich Arabisch lerne. Im Selbststudium. Nur ich und eine App, die ein Freund liebevoll als „Vokabel-Trainer“ bezeichnet. Für mich, die entweder komplett frei Farbe auf eine Leinwand malt oder sich frontal von einem:r Lehrenden genau erklären lässt, was wann zu tun ist, ist das ein riesiger Schritt.

Warum diese Sprache?

Zuerst die Frage: Warum eigentlich Arabisch? In einer Region, in der sich Polnisch, Tschechisch, Niedersorbisch oder korrektes Sächsisch anbieten würden. Oder Russisch, weil man das ja schon früher gelernt hat. Ich könnte jetzt erzählen, dass ich als Kind mal „Lawrence von Arabien“ gesehen und mich in die Landschaft verliebt habe. Dass ich gefesselt war von all dem Sand und dem Klang dieser fremden Sprache. Aber der Grund ist simpler: Ich mag Worte mit A. Und ich wollte eine Sprache lernen, deren Buchstaben nicht lateinischen Ursprungs sind. Ich wollte weit weg von meiner Sprache. Obwohl ich mittlerweile festgestellt habe, dass auch das Arabische Regeln folgt, wie jede Sprache.

Die Vorteile einer App

Selbst lernen, das ist für mich zweischneidig. Ich habe das im Abitur trainiert und liebe es, selbst entscheiden zu können, was ich wann mache. Ich kann aber Probleme besser verstehen, wenn sie mir jemand erklärt. Auch nach 100 Tagen nervt es mich, dass ich vieles recherchieren muss, z. B. die Aussprache bestimmter Buchstaben oder grammatikalische Regeln. Meine App erklärt nicht so viel.

Andererseits funktioniert das Belohnungssystem super bei mir: Ich muss jeden Tag eine bestimmte Anzahl Punkte erspielen, egal, ob ich Lektionen wiederhole oder neue mache. An schlechten Tagen trainiere ich mit alten Lektionen, an guten traue ich mich an neuen Stoff. Außerdem kann ich parallel daran arbeiten, alle Buchstaben kennenzulernen. Allerdings musste ich mich erst daran gewöhnen, dass ich nicht immer vorwärts gehen muss, sondern auch Wiederholungen Wissen festigen und damit einen Fortschritt darstellen. Meine App bietet mir kleine Leistungstests an und wenn ich merke, dass die Vokabeln nicht sitzen, dann übe ich noch ein bisschen.

Mithilfe meiner Erfahrungspunkte kann ich sehen, dass ich etwas getan habe. Die Steine auf dem Weg zum Ziel sind messbar. Während ich in meinem Job drei Probleme gleichzeitig löse und das nächste aufnehme, sobald eines geschafft ist, habe ich hier eine einzige Aufgabe, auf die ich mich konzentriere. Mit der Motivation hatte ich nie ein Problem. Ob Urlaub oder verkaterter Sonntag, ich nehme mir jeden Tag zwanzig Minuten, um zu lernen. Wahrscheinlich, weil kein Druck dahinter ist.

Selbsterfahrung

Das Lernen hat sich verändert: Während ich in der Schule Lehrenden und Leistungskontrollen folgte, erlebe ich mich als Erwachsene anders. Es gibt Vokabeln, für die ich mir keine Eselsbrücke ausdenken kann. Die ich mir tagelang nicht einprägen kann. Und plötzlich sind sie da. Als hätte sie jemand in mein kleines imaginäres Regal gestellt.

Auch mein Gefühl für meinen Mund- und Rachenbereich hat sich verändert. Wenn ich deutsch rede, denke ich nicht darüber nach. Im Englischen ist das „th“ ein bisschen knifflig, im Französischen die nasalen Laute. Im Arabischen gibt es viele Laute, die im hinteren Rachenbereich gebildet werden. Diese Buchstaben zu üben und zu fühlen, dass so weit hinten Muskeln sind, das ist komisch. Dass ich, wenn ich die Zunge richtig bewege und lockerlasse, tatsächlich etwas herauskommt, das ist interessant. Es hat mir gezeigt, wie viele Möglichkeiten in meinem Mund lauern und dass ich mehr kann als nur reden. Auch wenn Beschreibungen wie „Gurgeln Sie und flüstern Sie dabei!“ schwierig nachzumachen sind, wenn man noch nie gegurgelt hat.

Dazu zählt auch das Thema lange und kurze Vokale. Im Arabischen ist das ganz einfach: Kurze werden mit einem Hilfszeichen über dem Konsonant angegeben, lange als Buchstabe geschrieben. Aber wann klingt ein Vokal lang? Im Deutschen spreche ich viele Wörter intuitiv aus. Genauer betrachtet gibt es Ausspracheregeln – und Ausnahmen davon, die meistens historisch gewachsen sind. Der Blick auf eine andere Sprache schärft meinen Blick für meine Muttersprache.

Auch die Parallelen in der Grammatik bemerke ich: Ähnlich wie das Französische passt das Arabische das Adjektiv dem grammatikalischen Geschlecht an – es gibt männliche und weibliche Formen bzw. Endungen. Außerdem lässt man gern das Verb „sein“ weg. Solche Reduzierungen kenne ich aus anderen Sprachen, z. B. im Spanischen. Hier lässt man gern die Personalpronomen weg. Es zählt daher linguistisch als Pro-Drop-Sprache. Der Blick auf eine neue Sprache fügt meiner Vorstellung von Sprache ein neues Element hinzu und lässt mich das Konzept besser verstehen.

Warum mache ich das?

Auch wenn das Lernen für mich eher ein Prozess ist, den ich mit Interesse verfolge und in dem ich mich selbst besser kennenlerne, merke ich, dass sich auch mein Blick auf meine Mitmenschen verändert. Plötzlich fühle ich mich den Menschen auf der Straße, die Arabisch reden, mehr verbunden, weil die Laute nicht mehr fremd klingen. Ich weiß, dass sie damit etwas ausdrücken, dass sie das tun, was wichtig für sie ist – sie reden. Auch wenn ich sie (noch) nicht verstehe.

Ich weiß nicht, ob ich irgendwann fließend Arabisch kann. Ob ich mal Smalltalk führen werde oder Songtexte verstehen kann. Ob ich mir eine:n Sprachpartner:in suche oder bei der App bleibe. Oder morgen aufhöre. Aber mit dem Sprachenlernen habe ich etwas gefunden, das mich weiterbringt und mit dem ich meine eigenen Erwartungen übertroffen habe. Aber sollte ich mal soweit Arabisch können, dass ich Baklava kaufen und die arabische Wikipedia lesen kann, dann wäre die nächste Sprache, mit der ich mich beschäftigen will, Polnisch. Damit ich neben einer semitischen, zwei germanischen und einer romanischen auch noch eine slawische Sprache kann.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Sprachkurs mit Verspätung

  1. Hallo Vivian, mit sehr viel Energie gehst Du dieses Erlernen an. Du siehst Zusammenhänge, die sich vorher verschlossen haben. Der Wille und die Ausdauer, die Dich antreiben, sind sehr positive Eigenschaften, die ich leider zu oft bei manchen Mitmenschen vermisse. Ich wünsche Dir Erfolg und immer etwas Mut Neues zu beginnen.
    Leider hatte ich nicht diese positiven Anlagen, was das Erlernen von Sprachen angeht. Es scheint mir in der heutigen Zeit ein sehr wichtiges Element für eine positive globale Entwicklung zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.