Aus eins mach vier!

Früher oder später kommen viele Menschen an diesen Punkt: flügge werden. Das elterliche Nest verlassen und sein eigenes bauen. Oder: ausziehen. Und in meinem Fall kurz vor einer Pandemie. Für meine Eltern war die Zeit gekommen, sich selbst zu verwirklichen, mein Bruder wollte sein Masterstudium in den eigenen vier Wänden beenden, nur für mich hätte alles so bleiben können, wie es ist. Aber ich musste mich der Herausforderung stellen – das Leben wartet ja nicht.

Die Vorbereitung

Die ersten Schritte waren leichter, als ich dachte: Ich fand sehr schnell meine Traumwohnung in einem Viertel, in dem ich mich wohl fühle. Und das Einrichten bereitete mir große Freude. Endlich ein Zimmer so gestalten, dass alle Teile zusammenpassen. Die Höhe der Schränke im Wohnzimmer folgt einer Ordnung, die einen durch den Raum leitet. Die Farbe der Küchenmöbel sorgt für ein angenehmes Gefühl beim Kochen. Das Schlafzimmer gleicht einer Höhle, die einen sakralen Charakter hat und in der ich sowohl meine Gedanken als auch die Blicke zu den Nachbarn fließen lassen kann.

Wenn ich könnte, würde ich meine Wohnung jeden Monat neu einrichten. Mich durch Prospekte zu wühlen, Sofas zu testen und Betten auszuprobieren, das gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Allerdings gab es auch viele Dinge zu tun, die nicht so toll sind: sich um eine Hausratversicherung kümmern, ins Bürgerbüro gehen und sich ummelden und überall die Adresse ändern, z. B. bei der Krankenkasse, dem Arbeitgeber, dem Bonuspunkte-Programm.

Von Lasten und Lastern

Die eigene Wohnung war für mich das größte Projekt seit meiner ersten Beziehung. Und auch heute noch schrecke ich vor der Verantwortung zurück. Selbst entscheiden zu müssen, wann ich meine Wäsche wasche. Nach einem langen Arbeitstag das Essen für den nächsten Tag kochen. Die sozialen Kontakte einplanen. Zu wissen, dass keiner den Kühlschrank füllt. Und wie schwer es ist, allein den Wocheneinkauf zu erledigen.

Ich habe die Kontrolle darüber, wann etwas erledigt wird. Ich muss nicht mehr warten, bis meine Mutter mein Lieblings-T-Shirt wäscht. Ich muss mich nicht mehr beschweren, wenn mir das Mittagessen zu fleisch-lastig ist. Ich kann das benutzte Geschirr zu einem kunstvollen Turm stapeln, der die Gesetze der Schwerkraft in Frage stellt. Doch von dreckigen Tellern kann ich nicht essen und irgendwas muss ich anziehen. Ich kann niemanden anschreien, wenn etwas nicht erledigt ist. Auch wenn ich mittlerweile weit gekommen bin und besser plane, macht mir das manchmal Angst. Dass ich mich aussperre oder die Wohnung brennt. Obwohl ich weiß, wie der Rauchmelder funktioniert – seit ich die Nudeln auf dem Herd habe anbrennen lassen, um ein sexy Gespräch mit meinem Freund zu führen.

Der emotionale Faktor

Es gibt Tage, an denen ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme und erwarte, dass ich mit meinem Vater darüber spreche, wie’s war. Oder dass ich, wenn ich weggehe, meiner Mutter sage, wohin. Dass ich nach einem Konzert nach Hause komme und höre, wie sich meine Mutter ein Glas Wasser aus der Küche holt und entspannt wieder ins Bett geht. Es ist furchtbar komisch, wenn ich Samstagvormittag Krimis gucke und sich keiner beschwert, warum ich das Sofa blockiere. Ich vermisse, dass jemand da ist. Mit dem ich nicht reden muss, aber reden könnte. Abends im Zimmer zu sitzen, zu nähen oder zu lesen und zu wissen, dass die wichtigsten Menschen um mich herum sind.

Ich genieße das Alleinsein. Ich genieße die Ruhe und dass ich nicht ständig auf jemanden Rücksicht nehmen muss. Aber wenn ich einfach nur quatschen will, muss ich meine Freunde oder meine Familie anrufen oder über einen Messenger anschreiben. Ich muss gucken, ob sie da sind, auf ihre Antworten warten. So viel warten. Und es ist nicht zu vergleichen mit einer körperlichen Präsenz. Es gibt Tage, an denen mich das auslaugt, dass Kontakt mit so viel Aufwand verbunden ist.

Der Kindheit ent-wachsen

Dass wir nun getrennte Wege gehen, hat auch die Beziehung zu meinen Eltern verändert. Wir mussten uns neu kennen lernen. Erst einmal herausfinden, wie viel Kontakt wir wollen. Zu spüren, wann wir uns vermissen und wann das Leben zu voll ist, um zu reden. Sich in ihren Alltag und ihre Probleme einzufinden und damit klarzukommen, dass ich daran nur virtuell teilnehme. Ich musste lernen, meine Eltern loszulassen und ihnen zuzugestehen, dass sie ihr eigenes Leben haben.

Ich musste aber auch damit klarkommen, dass meine Rolle nicht mehr die des Kindes ist. Dass sie nicht mehr auf mich aufpassen, weil es nicht notwendig ist. Ich muss nicht mehr beschützt werden, weil ich das selbst kann. Aber manchmal fehlt mir das Vertrauen und ich fühle mich haltlos. Manchmal wünsche ich mir, sie würden da sein und mir sagen, wann ich das Fieberthermometer rausholen soll. Dass sie mich anfeuern, wenn ich meine kaputten Ohrringe reklamiere. Dass sie mir sagen, wie viel Paprika in ein gutes Gulasch kommt. Dass sie einfach nur da sind.

Große Schritte

Manchmal ist es aber gut, wenn sie nicht da sind. Ich habe gemerkt, dass ich jetzt freier bin, mich mit mehr Themen beschäftige. Für mich waren meine Eltern ein Kompass, was Moral, Werte und Interessen betrifft. Und obwohl sie sehr offen sind, spielten Bodyshaming, LGBTQ+ und andere Dinge kaum eine Rolle. Sie werden akzeptiert, aber tief gegraben wird nicht. Ich hinterfrage das, versuche Mechanismen zu erkennen und zu überlegen, warum das für Menschen ein Problem ist. Ich fühle mich weniger gebunden an die Meinung meiner Eltern, sondern blicke über den Tellerrand hinaus.

Außerdem musste ich lernen, um Hilfe zu bitten. Beim Möbel aufbauen und Schrott wegbringen. Wer auf meine Wohnung aufpasst, wenn ein Handwerker kommt. Es ist toll zu spüren, dass ich sie bekomme, wenn ich sie einfordere. Mich hat dieser Prozess erkennen lassen, dass sich meine Freunde gern um mich kümmern, wenn es notwendig ist. Diese Form der Wertschätzung war neu.

Der Faktor Corona

Die Pandemie hatte für meinen Start in mein neues Leben Vor- und Nachteile. Da so viele Veranstaltungen ausgefallen sind, konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren und mich hineinfinden. Ich musste keine Konzerte oder Theater integrieren, ich konnte herausfinden, wann mir welche Aufgabe Spaß macht. Durch zahlreiche Spaziergänge habe ich die Gegend besser kennen gelernt und Freundschaften vertieft.

Allerdings spüre ich jetzt, dass das Nach-Hause-Kommen fehlte. Das Gefühl, berauscht durch die Stadt zu torkeln und heimzukommen und zu wissen, dass das meine Höhle ist. Dass ich in diesem Raum runterkommen und schlafen kann. Dass er zu mir gehört. Kein Nutzgegenstand, sondern ein Teil von mir.

Ein Fazit

In eine eigene Wohnung zu ziehen, das ist mehr als eine räumliche Trennung. Mehr als ein Verzicht auf gebügelte Wäsche von Mami und ein warmes Mittagessen von Papi. Der Prozess hat mein Leben gut durcheinandergebracht, hat mich überlegen lassen, was mir wichtig ist. Er hat mir viel Selbstbewusstsein beschert, aber auch viele Ängste.

Es gibt Tage, an denen ich die Freiheit zelebriere oder mich freue, dass mein Freund das ganze Wochenende mit mir auf dem Sofa verbringt, ohne, dass sich jemand gestört fühlt. Es gibt aber auch Tage, an denen ich mich mit Freunden streite, Halt suche und mir ein gutes Gespräch mit meiner Mutter am Küchentisch fehlt. Aber ich bin nicht allein. Und wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, besuche ich einen hässlichen Neubau und denke, dass es Schlimmeres gibt.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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