Hip-Hop als Spiegel der Gesellschaft?

Guck, das Ding ist, ich habnichts gegen Emanzipation/Doch Frauen haben halt mit echtem Hip-Hop nichts zu tun/Ohne Quatsch, ich bin tolerant, ist halt nur meine Meinung/Dass Frauen Kochrezepte lesen sollten statt nem Reimbuch/Ihr seid hier nicht richtig, Sprechgesang ist Männersache/Mischt euch da nicht ein – Ich fang ja auch nicht an mit Wäsche machen“ und „Sie sagen, Hip-Hop wäre sexistisch und homophob/Aber das war schon immer so, und deshalb ist es Tradition/Und Tradition muss man bewahrn, und zwar um jeden Preis/Lebt damit, dass ihr die Objekte und nicht die Künstler seid/Es ist nicht dumm, Frauen Huren‘ zu nenn’n/Das macht Kollegah auch, und der ist klug, der ist Jurastudent/Plus, ich mein‘, wenn Sie als Frauen angezogen sind/Von einer Szene, in der Frauen meist nicht angezogen sind/Dann hat das schon ‘nen Grund, also meckert mal nicht rum/Wer sich vergewaltigen lässt, der ist selber daran schuld – Punkt.“ sind nur einige Zeilen aus Edgar Wassers 2014 erschienenem Track „Bad Boy“. Doch sie zeigen gut, um was es sich handelt: die sexistische, patriarchale Rap-Szene.

Ich fand diesen Text immer richtig gut. Provokant und direkt in die sexistische Wunde unserer Gesellschaft. Aber ich kenne Edgar Wasser und weiß, wie er den Text meint. Als ich meiner Mutter diesen Song zeigte, war sie schockiert. Ich versuchte ihr zu erklären, wie er gemeint ist, doch ich konnte sie nicht wirklich von dem tieferen Sinn dieses Songs überzeugen. Für sie war er nicht konstruktiv. Die Gefahr sei viel zu groß, dass Männer, die wirklich solche Gedanken haben und Edgar Wasser nicht kennen, dadurch in ihrem sexistischen Gedankengut bestärkt würden.

Diese Sicht auf den Song hat mich sehr verwundert und ich fragte mich, woher diese unterschiedlichen Perspektiven kommen. Liegt es am Alter oder der Generation? Liegt es daran, dass sie nicht weiß, wer Edgar Wasser ist? Doch wenn der Song so falsch verstanden werden kann, nur weil jemand den Kontext dazu nicht kennt, stellt sich mir die Frage, inwieweit Musiker:innen für ihre Texte Verantwortung tragen müssen oder sollten.

Im etwas später erschienen Track „14.11.14“ wird klar, dass auch Edgar Wasser selbst diese Erfahrung gemacht hat und seine Gedanken dazu wie folgt formuliert: „Ich schrieb einen Song namens ‚Bad Boy‘, der gegen Sexismus ist/Doch irgendwie verstanden die meisten Menschen die Message nicht/War mir klar, dass ich missverstanden werde/Aber nicht dass Leute sagen, ich sprech‘ ihnen aus der Seele!/Dass ich recht hätte, dass Hip-Hop nicht für Frauen sei/‚Die Vergewaltigungsline geht zu weit, aber der Rest ist geil!‘/Ist halt so ‘ne Sache mit Ironie …/Ich dachte ernsthaft, dieser Song wäre konstruktiv!/Dass Leute drüber nachdenken würden, was ich sagen will/ Doch ob mir das gelungen ist? Frag doch mal Visa Vie!/Tut mir leid. Ohne Scheiß, ich versteh‘ das, wenn du meinst/Dass ich dir keinen Gefallen getan habe mit der Line …“

Müssen Musiker:innen damit rechnen, dass sie falsch verstanden werden können, und tragen sie Verantwortung dafür, falls dies geschieht? Muss bei der Darstellung eines Problems oder eines Weltbildes, das in der Gesellschaft existiert, bedacht werden, wie unterschiedlich damit umgegangen werden kann?

Spiegel der Gesellschaft?

Oft wird die Kritik, dass Hip-Hop sexistisch ist, damit abgetan, dass diese Texte nur ein Spiegel der Gesellschaft sind. Also nur die sexistischen Strukturen der Gesellschaft das Problem sind und Musiker:innen diese gar nicht beeinflussen können. Dadurch entziehen sie sich jeglicher Verantwortung und reproduzieren weiter die Rollenbilder der Szene. Auch Edgar Wasser greift diese Kritik in seinem Song auf: „Hip-Hop ist ein Spiegel der Gesellschaft/und darin sieht man halt scheiße aus/wenn man das weibliche Geschlecht hat.

An diesem Spiegel-der-Gesellschaft-Denken gibt es viele Kritikpunkte. Zum einen ist die Kultur einer Gesellschaft ein Teil gesellschaftlicher Strukturen und kann somit nicht unabhängig davon gesehen werden. Hip-Hop und Rap sind dadurch vielleicht nicht die Ursache von Sexismus, aber trotzdem ein Teil davon und tragen weiterhin zur Reproduktion sexistischer Sichtweisen bei.

Wie bei der Textanalyse des SPIEGELs 2020 zu Sexismus im Deutschrap deutlich wird, sind nicht nur verwendete sexistische Wörter das Problem, sondern auch Sätze, die sexistische Inhalte kommunizieren, jedoch kein frauenfeindliches Vokabular verwenden. Außerdem wird zusätzlich deutlich, dass es entscheidend ist, wer sexistische Begriffe verwendet. In die reine Analyse von verwendeten sexistischen Begriffen würden dann auch ironisch oder überspitzt eingesetzte Begriffe wie bei Edgar Wassers Song „Bad Boy“ zählen. Die nicht-offensichtliche Bedeutung eines Textes und der Kontext können nicht einbezogen werden. Rein quantitativ würde dieser Song als sexistisch eingestuft werden.

Auswirkungen von Sprache

Wie sehr beeinflusst die Sprache soziale Gegebenheiten oder beeinflussen diese nur die Sprache? Die Journalistin Kübra Gümüşay gibt darauf in ihrem Buch „Sprache und Sein“ eine klare Antwort: „Sprache in all ihren Facetten – ihr Lexikon, ihre Wortarten, ihre Zeitformen – ist für Menschen wie Wasser für Fische. Der Stoff unseres Denkens und Lebens, der uns formt und prägt, ohne dass wir uns seiner Grenzen bewusst wären.“ Außerdem zeigt sie die Grenzen der Sprache deutlich: „Sprache ist genauso reich und arm, begrenzt und weit, offen und vorteilsbeladen wie die Menschen, die sie nutzen.“ Durch abschließende Worte des ersten Kapitels zeigt sie, welche Möglichkeiten uns Sprache bietet, und appelliert daran, diese zu nutzen: „Kurt Tucholsky schrieb, dass Sprache eine Waffe sei. Ja, das kann sie sein, und das ist sie viel zu häufig, ohne dass sich die Sprechenden dessen bewusst wären. Aber das muss sie nicht. Sprache kann auch Werkzeug sein. Sie kann uns in der Dunkelheit der Nacht die helle Reflexion des Mondlichtes sehen lassen. Sprache kann unsere Welt begrenzen – aber auch unendlich weit öffnen.“

Der Autor Philip Auslander hält es für sehr wichtig, bei der Analyse der Performance von Musiker:innen die Person selbst und die Performance-Persona getrennt voneinander zu betrachten. Jedoch könnte es, wie Jan Buschbom, Gründungsmitglied des Violence Prevention Networks, deutlich macht, „in einer Szene, die wie im Splatterfilm Gewalt und pornographische Phantasien bedient, [teilweise schwierig sein,] zwischen echter Meinungsäußerung und der popkulturellen Lust an der Darstellung an sich und an Provokation zu trennen“.

Ironie verstehen

Um Ironie zu verstehen, benötigen Hörer:innen mit der Musiker:in geteiltes Wissen. Im Einzelnen zählen dazu z. B. kulturelle Werte, Sachkenntnis, Personenkenntnis, Gruppenwerte/soziale Stereotype. Verfügen Hörer:innen über dieses Wissen und wissen auch, dass der:die Musiker:in dieses Wissen mit ihnen teilt, können Ironie und was sie zu bedeuten hat verstanden werden. Denn ironische Äußerungen sind Anspielungen auf ein bestimmtes geteiltes Hintergrundwissen. Hat ein Mensch das nicht, dann kann er die Ironie nicht oder nur sehr schwer verstehen. Außerdem können sich zugespitzte und übertriebene Aussagen bei häufiger Wiederholung zu festem Wissen etablieren und reproduzieren den Inhalt trotz ihrer eigentlichen Intention weiter. Rap.de-Chefredakteur Oliver Marquart weist darauf hin, dass besonders im Rap eine sensiblere Sprache angemessen wäre. Nicht nur beabsichtigte sprachliche Gewalt kann verletzen, sondern eben auch unbeabsichtigte.

Sprache ist Macht. Worte transportieren Informationen und Emotionen. Deswegen ist es umso wichtiger, achtsam mit Worten umzugehen. Und Künstler:innen sollten ihrer Kunst und der Szene immer auch kritisch gegenüberstehen. Natürlich ist Rap nicht alleiniger Verursacher der Probleme, aber dennoch werden sie durch ihn immer weiter reproduziert. Diese Reproduktion kann nur von den Künstler:innen selbst gestoppt werden, dies würde ein Schritt Richtung Gleichberechtigung bedeuten.

Künstlerische Verantwortung

Im Endeffekt müssen Künstler:innen selbst entscheiden, wie sie ihre Reichweite nutzen, um vielleicht wirklich etwas zu ändern. Inwieweit wollen sie das Risiko, falsch verstanden und so eventuell instrumentalisiert zu werden, eingehen? Viele Künstler:innen fangen schon an, ihre alten Texte zu reflektieren. Zum Beispiel Fatoni zu einer Passage in seinem Song „Check uns aus“: „Die Zeile würde ich wahrscheinlich so gar nicht mehr rappen, das war auf dem Album zusammen mit Edgar Wasser. Das war damals lustig, ‚no homo‘ zu sagen, weil man es nicht darf. Ich dachte damals auch, wenn ich das sage, wird man das schon checken, wie es gemeint ist. Aber das ist natürlich Quatsch! Die Aussagen sollten einfach provokant sein und ich find’s weder lustig, noch ergibt es Sinn. Ich finde es selbst zu nah an Homophobie, aber ich wollte damals die Rapszene provozieren […].“

Heute höre ich den Text von Edgar Wasser immer noch gerne. Ich bemerke aber bei mir selbst, dass ich Musik, die frei von jeglicher Diskriminierung gute, konstruktive Texte verwendet, viel besser und angenehmer finde. Vielleicht verspürt man doch unbewusst bei jedem N**** oder Schl**** einen Stich. Und wie wertvoll ist es, wenn jemand einen guten Rap-Text schreiben kann, der gesellschaftskritisch ist, ohne andere dafür zu beleidigen?!

Text: Lisa von WHAT

Foto: Amac Garbe

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