Von alten Freundschaften und neuen Medien

Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, wie ich in einem Anflug von Nostalgie durch Facebook scrolle. „Gesichtsbuch“ – oder „Geschichtsbuch“? Das eine wird zum anderen, während ich in mir bekannte Gesichter blicke und diese Erinnerungen wachrufen. Es muss in der siebten Klasse gewesen sein, zwölf Jahre ist das nun her, als die ersten Klassenkameraden das soziale Netzwerk für sich entdeckten. Nicht lange dauerte es, bis alle nachzogen, und schon bald war unsere gesamte Klasse online vernetzt. Seit damals hat sich vieles verändert. Meine Schulzeit liegt längst einige Jahre zurück und mit ihr die meisten der Freundschaften, die diese Zeit so stark geprägt haben. Und auch Facebook selbst ist nicht mehr das, was es einmal war. Regelmäßig teilten wir damals Fotos unserer Erlebnisse. Gemeinsame Schulausflüge, Urlaubsreisen, die Motto-Woche kurz vor den Abitur-Prüfungen, Partys am Wochenende – alles ist verewigt in den unendlichen Weiten des Internets.

Konzertankündigungen statt Privatfotos

Heute ist es fast eine Rarität, wenn in meinem Feed ein privates Foto auftaucht. Wohl kaum, weil plötzlich keiner mehr sein Privatleben teilen möchte, nein. Es hat sich nur in andere Social-Media-Kanäle verlagert, die ich selbst aus diversen Gründen nicht nutze. Auch mein Facebook-Konto wollte ich schon mehrfach löschen. Warum ich es letztlich nicht getan habe? Nun ja, beispielsweise um Konzertankündigungen meiner Lieblingsmusiker nicht zu verpassen, was in Zeiten von C… ach, Ihr wisst schon, was ich meine … auch keine Rolle mehr spielt. Aber ich schweife ab …

Worüber ich hier eigentlich erzählen wollte, ist die Wehmut, die mich manchmal packt, wenn ich an diese alten Freundschaften zurückdenke. Ich bin gewiss kein Herdentier, kann gut mit mir alleine sein. Nicht selten passiert es auch, dass mir die Welt dort draußen zu viel wird, die Menschenmassen. Aber irgendwo ist doch jeder Mensch ein soziales Wesen. Und auch ich sehne mich manchmal nach einem Gespräch, wenn ich eine Zeit lang mit mir alleine und damit voll und ganz meiner Gedankenwelt ausgesetzt war. Es ist wichtig, sich auszutauschen, sich eine zweite Meinung einzuholen, Zuspruch zu erhalten, sich trösten zu lassen, gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen oder gemeinsam zu lachen. Man kann vieles, aber nicht alles mit sich selbst ausmachen.

Kurze Glückwünsche zum Geburtstag

Deshalb braucht man gute Freunde. In der Schule hatte ich davon einige. Doch nach den vielen Jahren, die wir miteinander verbracht hatten, wollte ich nicht mehr die immer gleichen Gesichter sehen. Das Ende der Schulzeit markierte für mich einen Bruch, den ich heute manchmal bereue. Ich fing an, mich zurückzuziehen. Ich glaube, einige nahmen mir das übel. Irgendwo hoffe ich auch, dass sie es mir übel nahmen, denn das würde heißen, dass es ihnen wenigstens nicht gleichgültig war. Heute beschränkt sich unser Kontakt auf kurze Glückwünsche zum Geburtstag. Manchmal folgt ein „Wie geht es dir?“ oder „Was machst du jetzt so?“. Doch nach wenigen Sätzen verebbt das Gespräch wieder. Ich weiß nicht, ob einer von ihnen diesen Text hier liest. Falls ja: Es schmerzt mich ein wenig, dass wir den Draht zueinander verloren haben. Und ich hatte nie den Mut, Euch das zu sagen. Weil man sich, indem man seine Gefühle offenbart, angreifbar macht. Man dann zurückgewiesen werden kann. In Erinnerungen zu schwelgen, ist einfach. Sich einzugestehen, dass manche Dinge eben einfach der Vergangenheit angehören, ist das ganze Gegenteil.

Wir haben unseren ersten Liebeskummer miteinander geteilt. Die ersten Nächte zusammen durchgefeiert. Gemeinsam die Wirkung von Alkohol erkundet. Die ersten selbständigen Reisen zusammen unternommen. Es sind Erfahrungen, die uns geprägt und verbunden haben. Erfahrungen, die man so nur einmal macht. Es ist die Basis, die bei neuen Freundschaften fehlt. Nicht, dass diese in irgendeiner Weise schlechter wären. Doch es macht einen Unterschied, ob man sich schon ein halbes Leben kennt oder sich den gemeinsamen Wissensstand erst erarbeiten muss, der nie so emotional konnotiert sein kann, als wenn man eine gemeinsame Erfahrungsgrundlage besitzt. Aber vielleicht kommt der Tag, an dem wir wieder beieinandersitzen und gemeinsam singen können:

„Wir sind wirklich so verschieden
Und komm’ heut von weit her
Doch uns’re Freundschaft ist geblieben
Denn uns verbindet mehr.“

(REVOLVERHELD – Das kann uns keiner nehmen)

Text: Marie-Luise Unteutsch

Foto: Amac Garbe

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