Solidarität heißt, die Perspektiven zu wechseln

Wohnen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das bedeutet, einen Rückzugsraum zu haben, der die Basis bildet, um weitere Bedürfnisse zu befriedigen. Ein Ort, an dem man sich jetzt, mit Corona, mit Ausgangsbeschränkungen, vor der Ansteckung mit dem Virus schützen kann. Doch wie soll man zu Hause bleiben, wenn man kein Zuhause hat?

Vielen von uns fällt vermutlich inzwischen die Decke auf den Kopf. Wir haben ja eine Wohnung, ein WG-Zimmer, einen Ort, an dem wir jetzt den größten Teil unserer Zeit verbringen. Einen Ort, an dem wir meistens Internet haben, um im Home-Auditorium den Online-Vorlesungen zu folgen oder beim Selbststudium zu prokrastinieren. Es nervt, dass wir zu Hause bleiben müssen, dass viele soziale Kontakte erschwert sind oder wegbrechen, dass das mit der Online-Uni fast nie richtig funktioniert und dass in Sachsen außer Studierende und einige Uni-Angestellte niemand auf die Idee kommt, dass ein Solidarsemester eine sinnvolle Lösung sein könnte. Es nervt und für bessere Bedingungen sollten wir kämpfen. 

Was ist, wenn man kein Zuhause hat?

Doch wir müssen nicht nur zu Hause bleiben – wir können es auch. Das geht vielen Menschen anders. Vielen Menschen, auch Studierenden, fällt der Lebensunterhalt weg und die Zahl derer, die zur Existenzsicherung auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, wird steigen. Gerade in der Krise macht sich die knappe Bemessung von z. B. Arbeitslosengeld bemerkbar. So steigen die Ausgaben für Medikamente oder Mittel wie Desinfektionszeug, aber viele Unterstützungsangebote wie kostenlose Schulessen für Kinder oder Essen von der Tafel fallen weg. (In Dresden sind im Unterschied zu vielen anderen Städten die meisten Tafelläden zum Glück noch geöffnet.) Dies bedeutet für Haushalte, in denen das monatlich verfügbare Geld aufgrund von prekärer Arbeit und/oder der Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung sowieso schon knapp bemessen ist, dass das Geld vermutlich noch schneller ausgeht und die Existenzbedrohung ganz realer Alltag wird. Forderungen nach schnellen, unbürokratischen Corona-Hilfen wurden bisher abgelehnt.

Für Menschen, die durch das staatliche Raster fallen, z. B. wegen Wohnungslosigkeit oder weil ihr Aufenthalt als illegal eingestuft wurde, ist die Lage noch prekärer. In einer aktuellen Doku aus Hamburg berichten Betroffene von den Problemen, ein minimale monetäre Lebensgrundlage durch Flaschensammeln oder Betteln aufrechtzuerhalten. Außerdem müssten mit dem Erlass eines Gesetzes wie der Allgemeinverfügung auch die Umsetzbarkeit für alle Personengruppen, also auch für Wohnungslose, geprüft und im Zweifel eine Umsetzung möglich gemacht werden, fordert Andreas, der zwei Jahre auf der Straße gelebt hat, im Film. Die Ambivalenz der Notunterkünfte wird ebenfalls behandelt. Zum einem bilden diese auch jetzt einen notdürftigen Rückzugsort, wie für Zhana in einem Film von STRG_F über illegale Prostitution zu Zeiten von Corona deutlich wird. Zum anderen besteht dort eine große Gefahr, wenn das Virus ausbricht, wie Josie, die für ihren Lebensunterhalt Pfand sammelt, in der Hamburger Doku berichtet. Auch der Hamburger Straßensozialarbeiter Julien Thiele beobachtet, dass dort immer mehr Menschen wieder in Hauseingängen schlafen – aus Angst, sich in den Unterkünften mit Corona anzustecken. 

In Dresden haben seit dem 15. März die Nachtcafés geschlossen, wodurch nur die höherschwelligen, sehr vollen Übergangswohnheime bleiben – oder der Aufenthalt und das Schlafen auf der Straße. Doch dies widerspricht in vielen Fällen der Allgemeinverfügung, die an der Lebensrealität der Wohnungslosen vorbeigeht, ohne Umsetzungsmöglichkeiten zu eröffnen. Und so werden diese Menschen wiederholt Betroffene polizeilicher Repressionen.

Mitnehm- statt Gabenzaun

Aufgrund der aktuellen Lage hat Solidarität auf einmal Konjunktur. Doch die Auslegung, was das bedeutet, scheint sehr unterschiedlich auszufallen. Wichtig ist es zunächst, die eigenen Vorteile und Privilegien in der aktuellen Situation zu reflektieren, ohne dabei zu sehr in ein Whataboutism zu verfallen. Die Situation ist für uns alle beschissen und stellt jede Person vor individuelle Probleme und Herausforderungen. Doch anstatt in den Individualismus abzudriften und zu gucken, was andere tun oder lassen – Stichwort: Denunziantentum –, wäre es auch möglich zu schauen, wie wir andere unterstützen können, ganz konkret in ihren politischen Kämpfen.

Ein Ansatz, der dabei gerade in vielen Städten aufgegriffen wird, so auch in Dresden, sind die Gabenzäune. Die Idee dahinter ist häufig, wohnungslose Menschen während Corona zu unterstützen. Dabei werden an einem Ort Sachspenden wie Lebensmittel, Hygieneprodukte oder Textilien in Tüten aufgehängt, sodass andere Menschen sich diese anonym mitnehmen können. In Dresden wurden diese Orte an vielen Stellen innerhalb des Stadtgebiets eingerichtet. Es gibt eine Facebookseite, die darüber informiert, und eine Karte, die die Orte auflistet.

Doch es gibt Kritik an dieser Praxis. Sachen an einen festen Ort zu bringen scheint leicht, kann aber schnell in eigennütziger Selbstbestätigung enden. Deutlich wird dies schon am Namen der Orte: „Gabenzaun“. Gabe steht laut Duden für „etwas, was jemand einem Bedürftigen gibt; Almosen; Spende“. Das Substantiv und das damit verbundene Verb geben richtet sich also an die Menschen, die Sachen vorbeibringen, und prägt den ganzen Ort aus deren Perspektive. Menschen, die sich Sachen abholen, sind sich durch die Präsenz des Namens auf den Schildern also immer bewusst, dass andere diese gespendet haben und sie eigentlich nur Hilfeempfänger*innen sind. Das Ergebnis ist ein Gefühl der Wohltätigkeit und Selbstbestätigung aufseiten der Vorbeibringer*innen sowie das Gefühl der Unterordnung und zu Dankbarkeit verpflichtet zu sein auf Seiten der Abholer*innen. Dass häufig gesellschaftlich-strukturelle Ungleichheiten zu der individuellen Situation der Personen geführt haben und dieser Ort der Umverteilung von unfair verteiltem Reichtum (z. B. durch Erbe) dienen sollte, wird dabei nicht betrachtet. Sinnvoller wäre es deswegen, die Perspektive der Abholer*innen in den Vordergrund zu rücken und die Orte zu „Mitnehmzäune“ umzubenennen. Damit wird der Ort durch den Fokus aufs Mitnehmen geprägt, das so auch mehr in den Fokus der Vorbeibringer*innen rückt.

Schon der Zustand, nicht selber über das eigene Essen bestimmen zu können, sondern auf von anderen ausgewählte Produkte angewiesen zu sein, ist für viele Menschen beschissen genug. Deswegen sollte bei dem Prozess des Gebens ihre Perspektive umso mehr mitgedacht werden. Dies gilt für die Genießbarkeit und Nutzbarkeit der Produkte – mit Müll kann niemand etwas anfangen – sowie insbesondere die Hygienestandards.

Hygieneanforderungen beachten

Eine weitere Kritik an diesen Orten entsteht aus der Sorge, dass durch die Spenden unfreiwillig COVID-19 übertragen wird. In mehreren Studien wurden vermehrungsfähige Viren für längere Zeit auf Oberflächen nachgewiesen. Ob diese aber tatsächlich zu einer Ansteckung führen können, ist unklar. Nichtsdestotrotz muss dies bei den Gabenzäunen unbedingt beachtet werden, um Menschen, die den Ort nutzen, nicht unnötig zu gefährden. Da eine Kontrolle nicht möglich ist, braucht es mindestens Informationszettel, um die Hygieneanforderungen – Handschuhe an beim Einkaufen, Verpacken, Sachen anschauen etc. – bekannt zu machen und in den Fokus der Menschen zu rücken. Die Hygieneregeln dürfen nicht aufgrund von unbedingter Selbstbestätigung vernachlässigt werden. Manche sehen dies nicht als erfüllbar an und fordern, die Kapazitäten lieber in die Unterstützung anderer, schon institutionalisierter Konzepte zu stecken.

Neben all den Kritikpunkten darf aber nicht vernachlässigt werden, dass die Mitnehmzäune schnelle, wenn auch nur kurzfristige unbürokratische und anonyme Hilfe bieten können. Viele Mitnehmzäune werden insbesondere durch Abholer*innen stark genutzt und brauchen meist noch viel mehr Menschen, die bereit sind, Sachen vorbeizubringen. Gerade jetzt, wo viele Menschen mit neuen Problemen konfrontiert werden, bedarf es niedrigschwelliger Angebote.

Doch wenn die Solidarität über kurzfristig wirkende Sachspenden hinausgehen soll, dürfen bestehende Projekte nicht aus den Augen verloren werden. Besonders Ehrenamtliche werden aktuell dringend gesucht. Sowohl die Heilsarmee, die ein kostenloses Frühstück oder günstiges Mittagessen to go anbietet, als auch die Dresdner Tafeln, die den Zugang zu Lebensmitteln während Corona sogar noch unbürokratischer gestalten, suchen händeringend. Der Treberhilfe e. V. braucht vor allem Unterstützung durch Geld- oder Sachspenden, um Desinfektionsmittel, Handschuhe und Mundschutz verteilen zu können. Gerade Menschen, die selbst nicht so viel Geld zur Verfügung haben oder nach einer Tagesstruktur neben dem sehr monotonen Alltag zu Hause suchen, können sich durch die ehrenamtliche Arbeit gut einbringen.

Darüber hinaus braucht es weitere Ansätze. Mit #openthehotels wurde u. a. von der Lampedusa Gruppe Hamburg und dem Straßenmagazin Hinz&Kunzt eine Kampagne gestartet, um Wohnungslosen während Corona ein Einzelzimmer zu ermöglichen. Die Sozialbehörde stimmte nicht zu, doch mit einer Firmengroßspende und kooperierenden Hotels wurde die Idee schnell und einfach umgesetzt. Für bis zu 250 Wohnungslose gibt es in Hamburg nun die Möglichkeit, für zumindest vier Wochen raus aus den vollen Notunterkünften oder runter von der Straße zu kommen und in einem eigenen Zimmer zu wohnen, wo sie von Diakonie und Caritas begleitet werden. Gerade die Perspektive auf ein Einzelzimmer, einen sicheren Rückzugsort, freut viele der neuen Hotelgäste.

Forderungen an die Wohnungspolitik

Langfristig sollte die Notwendigkeit von zusätzlichem ehrenamtlichen Engagement und monetären Spenden jedoch überflüssig werden. Dafür ist ein gesellschaftlicher Wandel notwendig, dessen Richtung anhand politischer Forderungen jetzt skizziert wird. Die aktuelle Krise macht besonders deutlich, in welch prekärer Lage sich viele Menschen befinden. Die Ursachen dafür liegen aber meist schon vor dem Aufkommen von Corona. So hat die Wohnungspolitik mit steigenden Mieten, Zwangsräumungen und Verdrängung viele erst in die Wohnungslosigkeit getrieben. Illegalisierung von Flucht und Migration verhindern für viele Menschen, wie zum Beispiel der Gruppe Lampedusa aus Hamburg, den Zugang zu Arbeitsmarkt und Unterstützung. 

Deswegen hat das Solidaritätsnetzwerk Dresden West nun #5und5 Forderungen veröffentlicht, die konkrete Lösungsmöglichkeiten für ein akutes Problem aufzeigen und auf langfristige Veränderungen abzielen. Dort wird in Bezug auf Wohnungslosigkeit und Wohnraum unter anderem die „vorübergehende Nutzung von Hotels, Ferienwohnungen und leerstehenden Wohnungen als Möglichkeit zur Einzelunterbringung […]“ und langfristig „bezahlbares Wohnen in allen Stadtteilen“ gefordert.

Es ist also nun an uns, zu gucken, was die aktuelle Situation auch außerhalb der eigenen schützenden vier Wände für die Menschen bedeutet und anzupacken, zu helfen und Solidarität praktisch werden zu lassen. Möglichkeiten gibt es viele, ob dies nun im Aufbau eines Mitnehmzauns, das Engagement bei bestehenden Strukturen oder der Schaffung von Aufmerksamkeit und das Einstehen für politische Forderungen ist. Wichtig ist aber, auch die eigene Perspektive zu reflektieren und Stimmen von den Menschen zu hören, die man unterstützen möchte. Solidarisch sein ist eben nicht das neue Wohlfahrtsprogramm zur Selbstvergewisserung und Systemstabilisierung, sondern heißt, andere Perspektiven zu suchen, sie laut werden zu lassen und praktisch zu unterstützen – auch wenn das unbequem und anstrengend sein kann.

Text: WHAT

Foto: Amac Garbe

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