Über die höchsten Passstraßen der Welt

Philipp Markgraf war 24 Jahre alt, als er die Diagnose Krebs erhielt. Die Heilungschancen – auch nach einer kräftezehrenden Chemotherapie – standen nicht besonders gut. Heute studiert der 28-Jährige im zehnten Diplomsemester Architektur an der TU Dresden. Um Spenden für den Verein Sonnenstrahl Dresden – Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche zu sammeln, unterbricht er sein Studium für ein Jahr. Markgraf will mit dem Fahrrad bis nach Indien fahren – über 12 Gebirgszüge und die höchste Straße der Welt. Ein Euro pro Kilometer seiner Reise soll dabei für die Krebshilfe zusammenkommen. Auf Markgrafs Webseite wird in Kürze ein virtueller Spendentopf zu sehen sein, der gefüllt werden will. Wenn der Topf randvoll ist, begibt sich Markgraf auf die nächste Etappe. Campusrauschen hat den Radler getroffen und die Geschichte hinter der Bikepacking-Tour erfahren.

Von Dresden nach Südindien. Mit dem Fahrrad. Das klingt erst mal nach viel, viel Muskelkater, einem platt gesessenen Hinterteil und Badewannen voller Schweiß. Doch wer seit Jahren Teil einer ambitionierten Amateur-Ultra-Marathon-Szene ist, kann mit Muskelkater umgehen. „Man fährt, bis man umfällt“, beschreibt Philipp Markgraf die gemeinsamen Touren. Ultra-Marathon auf dem Rad funktioniert so: Man setze sich ein geografisches Ziel. Das ideelle Ziel ist es dann, so schnell wie möglich dort anzukommen. Am besten ohne zu schlafen und nur mit kurzen „Fresspausen“, erklärt Markgraf. In der Rennradszene bewegt er sich seit 2011, seit er von München nach Dresden gezogen ist. Verliebt hatte er sich jedoch schon Jahre zuvor in die Stadt, während einer Konzertreise. Daher suchte er sich auch erst eine Wohnung – noch bevor er einen Studienplatz sicher hatte. Heute legt Markgraf etwa 15.000 Kilometer im Jahr auf dem Rad zurück. Dazu ist er professioneller Sänger, unter anderem im Dresdner Kammerchor. Wer ohnehin mehr als zehntausend Kilometer im Jahr mit dem Rad unterwegs ist, für den ist doch die Strecke Dresden-Südindien ein Klacks. Deshalb fährt Markgraf auch nicht einfach so nach Südindien, sondern nimmt auf der Strecke zwölf Gebirgszüge mit, unter anderem die höchste Passstraße der Welt. „Beyond the Greatest Peaks“, so nennt er sein Projekt. Klingt nach einer Tortur.

Doch war es das intensive Fahrradfahren gepaart mit gesunder (veganer) Ernährung, das Markgraf wieder auf die Beine geholfen hat. Als vor vier Jahren Krebs bei ihm festgestellt wurde, war das natürlich erst einmal ein Tiefschlag – für ihn, seine noch junge Ehe, Verwandte und Freund_innen.  „Die Klinik, das war wie eine eigene Welt: hygienisch abgeriegelt, kalt und steril – wie eine graue Wolke. Die Leute auf der Station haben diesen Blick: ‚Jetzt ist es vorbei.‘“ Und im Gegensatz zu den Kindern, die an Krebs erkranken, gibt es für die Erwachsenen keine Begleitung – bis auf wenige Stunden psychologischer Betreuung, beschreibt Markgraf und weiter: „Trotz allem war es die beste Zeit meines Lebens. Denn mit mir ist etwas passiert, was vorher bereits in mir gekeimt haben muss. Die Diagnose war natürlich erst mal ein Schock. Aber dann hat sich eine große Freiheit eingestellt.“ Was zunächst ein bisschen nach Esoterik klingt und für den einen oder die andere nicht nachvollziehbar erscheint, erklärt Markgraf als ein großes Loslassen von den Erwartungen an sich selbst, an Ziele oder Meilensteine im Leben.

Mit fortschreitender Therapie stellten sich die bekannten Erscheinungen wie Müdigkeit, Gewichtsverlust, Haarausfall ein: „Ich sah aus wie eine Heuschrecke“, sagt Markgraf. Und als seinem Körper fast alle Lebensgeister durch die Behandlung ausgesaugt worden waren – der Krebs war noch nicht final bekämpft –, entschied sich Markgraf dafür, keine weitere Chemotherapie zu beginnen. Obwohl die Ärzt_innen davon abrieten. Statt von Mediziner_innen ließ er sich also von seiner Mutter aufpäppeln. Und schon nach einem halben Jahr war er körperlich wieder so fit wie vor der Erkrankung, beschreibt Markgraf: „Nach der Therapie hat sich so ein richtiger Flow eingestellt. Alle meine Leidenschaften habe ich ab diesem Zeitpunkt noch intensiver verfolgt. Man könnte sagen, es kam zu einer Intensivierung von allem.“

Natürlich lässt sich seine Geschichte nicht auf alle Krebspatient_innen anwenden, sagt auch Markgraf. Doch der Wille, weiterzumachen und die Krankheit zu besiegen, ist ein wichtiger Antrieb für viele Menschen, die an Krebs erkranken. Die Therapie im Krankenhaus abzubrechen und sich auf gesunde Ernährung, Sport und die eigenen Selbstheilungskräfte zu verlassen, das war für Markgraf damals richtig. „Wenn ich einen Wunsch habe, dann diesen: Dass jeder begreift, dass man den Dingen nicht einfach ausgeliefert ist und sehr wohl selber Einfluss nehmen kann“, schreibt er auf seiner Website. Seine Tour sei gedacht, um Menschen, die einen Schicksalsschlag erleiden mussten – und ihrem Umfeld –, Mut zu machen, erklärt der 28-Jährige.

Während Markgraf seine Geschichte erzählt und nebenbei ein belegtes Brot sowie einen Muffin verdrückt (Hinter ihm liegt eine seiner Trainingsfahrten.), bleiben immer wieder Menschen vor dem Café stehen und betrachten sein Rad – ein Dresdner Fahrrad von Veloheld in einem leuchtenden Orange. Die grelle Farbe ist bewusst gewählt. Schließlich will er auffallen auf seiner Reise, so viel Aufmerksamkeit für sein Anliegen schaffen wie nur irgend möglich. Ihn begleiten noch tausend andere kleine Dinge, die Radreiseinteressierte auf der Website des Projekts begutachten können. In seinem neuesten Blogeintrag beschreibt und zeigt Markgraf alles, was er an den Fahrradrahmen bindet: Vom Zelt bis zur Rolle Klopapier. Sicherlich kann man sich gute Tipps holen, denn für die Planung der Route als auch der Ausrüstung etc. hat sich Markgraf sechs Monate Zeit gelassen. Ohne natürlich irgendeines seiner anderen Hobbies zurückzustellen. „Das Leben ist zu schön, um zu schlafen. Ich mache zurzeit viele Dinge gleichzeitig, aber nur solche, die mir Energie zurückgeben“, sagt der Fahrradenthusiast.

Finanziert wurden Rad und die sonstige Reisebegleitung über Crowdfunding, knapp 7.500 Euro kamen so zusammen. Etwa 6.000 Euro hat Markgraf gespart, um die Reise an sich zu finanzieren – für Verpflegung, Ersatzteile, mal eine Nacht im Hostel oder andere Eventualitäten. 

Ende März, zwischen dem 26. und 28., je nach Wetterlage, startet Markgraf gemeinsam mit Freund_innen und Unterstützer_innen seine Tour gen Südosten an der Dresdner Frauenkirche. Es habe sich bereits ein kleiner „Unterstützerkult“ gebildet und den will Markgraf auf der Reise, deren erste Etappe den Keilberg in Tschechien zum Ziel hat, ausbauen. Es können sich ihm jederzeit andere Menschen, die über ein funktionstüchtiges Fahrrad verfügen, anschließen und ihn ein Stück seiner Strecke begleiten.

Ganz allein auf seiner Reise wird Markgraf ohnehin nie sein. Zum einen freut er sich bereits auf die Besuche seiner Ehefrau und seiner Familie. Zum anderen wird ihn streckenweise das Münchner Filmteam Hager Moss begleiten, das von seinem Projekt erfahren hat und ihn gerne dabei unterstützen will, sein Anliegen, seine Geschichte und seine Reise noch bekannter zu machen. Außerdem wird Markgraf regelmäßig berichten, wo er gerade steckt und welche Erfahrungen er gemacht hat: „Ich bin auf der Tour immer erreichbar. Das Internet kann ja nur besser werden, wenn ich aus Deutschland rauskomme.“

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Foto: Amac Garbe

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