Campuskolumne

Rosenthal ist ein Kaff in Sachsen. Es gibt: Schlaglöcher, einen Kiosk, einen Bus (nur zwischen 9 und 14 Uhr). Es gibt nicht: einen Arzt, Schulen, Jobs. Die Ökonomen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) wollen Rosenthal trotzdem multiplizieren. In einer Studie zur Investitionspolitik in Ostdeutschland fordern sie, die Wirtschaftsförderung auf Städte zu konzentrieren. Nur so könne man die Produktivität Ostdeutschlands steigern. Den ländlichen Raum? Soll die Politik aufgeben. Diese Forderung ist fahrlässig. Sie spaltet.

Die Autoren der Studie haben ihren Schreibtisch wohl nie verlassen. Sonst hätten sie gesehen, dass es den Städten im Osten schon heute besser geht: Nicht nur „Hypezig“ oder Dresden, das eine Exzellenzuniversität, ein 5G-Lab und eine starke Chipindustrie hat. Auch Städte wie Zwickau und Chemnitz stechen in der Region als Industriezentren hervor. Das IWH frönt dem Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben.

Zwar gibt es auch in der Provinz Innovation und Spitzenunternehmen: von Daimlers Batteriewerk in Kamenz bis zum Co-Working-Space in Neuruppin. Wird die Förderung gestrichen, bricht die gute Entwicklung aber ab. Denn überwiegend geht es in der ostdeutschen Provinz zu wie im sächsischen Rosenthal: schlechte Infrastruktur, kaum Wirtschaftskraft. Was bringt es den Menschen hier, wenn Städter auf neuen Straßen zu ihren lukrativen Jobs fahren und abends ins Theater gehen? Nur eines: Sie fühlen sich vergessen von der Politik. Wer die Dörfer ausbluten lässt, steigert die Unzufriedenheit.

Das IWH nennt seine Studie „Vereintes Land“. Blanker Hohn! Mit seiner Forderung gibt es ein zentrales Versprechen der Wende auf: die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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