Campuskolumne

Sie haben wieder zugeschlagen. Dieses Mal überführen sie keine Leichen und bauen keine Denkmäler in Vorgärten. Dieses Mal haben die Künstler vom Berliner Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) um den Politikaktivisten Philipp Ruch einen Onlinepranger ins Leben gerufen. Auf „Soko Chemnitz“ soll man Arbeitskollegen oder Bekannte denunzieren, die an den Demos in Chemnitz im September teilgenommen haben. Damit man niemanden zu Unrecht meldet, kann man ein Foto hochladen und mit der Datenbank der Plattform abgleichen. Drei Millionen Bilder haben die Künstler ausgewertet und mit Äußerungen in Sozialen Netzwerken abgeglichen, um Gesinnungen zu belegen und so „dem Rechtsextremismus ein Gesicht zu geben“. Im „Katalog der Gesinnungskranken“ kann man die geschwärzten Fotos der bereits identifizierten Teilnehmer betrachten. Auch einige bekannte Rechtsextreme – „die Promis von Chemnitz“ – sind dabei. Wer seinen Arbeitskollegen auf einem der nicht geschwärzten „Fahndungsfotos“ der bisher Unbekannten erkennt, bekommt Bares, abzuholen am 6. Dezember im „Recherchebüro Ost“ der Gruppe (das die Polizei allerdings bereits geräumt und die städtische Vermieterin bereits gekündigt hat). Auch an Rechtsberatung und vorgefertigte Kündigungsschreiben für „Hitler-Bewunderer“ haben die Künstler gedacht.

Satire darf alles, klar. Aber „erlaubt“ ist kein Synonym für „sinnvoll“.

Nicht nur der Name „Soko Chemnitz“ erweckt den Anschein, eine offizielle Seite zu sein. Im Logo ist das sächsische Wappen angedeutet, dazu die Fahndungsfotos und juristische Hilfestellungen – sogar das Logo der Kampagne „So geht Sächsisch“ hat man geklaut. So suggeriert das ZPS, Recht, Wahrheit und Moral allein auf seiner Seite zu haben und der Justiz bei der Aufklärung helfen zu müssen. Dazu mögen die BILD-Elemente (Breaking-News-Banner; große, weiße Lettern, fett rot unterstrichen), derer sich die Seite bedient, aber so gar nicht passen – und erst recht nicht ihre aggressive Sprache, eingeleitet durch die Frage am Anfang: „Kennen Sie diese Idioten?“ Bis zur letzten Zeile strotzt sie vor aggressiven Worten: „Problemdeutsche“, „Hitler-Bewunderer“, „antibürokratische Feiglinge“.

Alle Aktionen des ZPS wollen provozieren, doch „Soko Chemnitz“ ist nur Provokation. Er wolle die Gesellschaft aus ihrem „Stadium der Leugnung“ des Rechtsextremismus holen, sagte Philipp Ruch auf der Pressekonferenz zum Projekt. In den FAQs bekundet das ZPS mit apokalyptischem Unterton, die Werte der Aufklärung und die Wehrhaftigkeit des Grundgesetzes bewahren zu müssen. Glaubt er wirklich, mit so einem Projekt eine sinnvolle Diskussion anregen zu können? Menschen zum Nach- und Überdenken ihrer Einstellungen zu bringen? Im besten Fall hat Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Chemnitzer Kunstsammlungen, Recht. Er bezweifelte dem MDR gegenüber, ob die „dreifach gebrochene Metaebene und ironisch gebrochene Satire“ bei den Menschen ankomme. Im schlimmsten Fall aber hat der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) Recht, der in „Soko Chemnitz“ eine Gefahr für den Zusammenhalt sieht. Dann fühlen sich jene bestätigt, die den von rechts drohenden Untergang der Demokratie sehen. Und jene, die in Linken und Liberalen stets Moralisierer und Besserwisser sehen.

Der offizielle Anschein, die aggressive Sprache und süffisante Details wie die Zusicherung, dass die Aktion DSGVO-konform sei: Von „Soko Chemnitz“ muss sich abgestoßen fühlen, wer noch etwas für den moderaten Diskurs übrig hat. Unter dem Deckmantel der Kunst bedient sich das ZPS genau jener Mittel, die sie ihrem Gegner vorwerfen: Ausgrenzung, Schmähung, Einschüchterung. Demokratische Eigenschaften wie Differenzierung, Mäßigung und Gesprächsbereitschaft sucht man hingegen vergebens. Die Kunstaktion erinnert an die Vorstöße der AfD, Lehrer an den Pranger zu stellen. Daran ändert nichts, dass es Satire ist. Und auch nicht, dass die Aktion von der richtigen Seite kommt.

NACHTRAG vom 6.12.:

Ist diese Kolumne zu früh erschienen? Den eigentlichen Clou ihrer Aktion „Soko Chemnitz“ haben die Künstler vom Zentrum für Politische Schönheit erst am Mittwoch enthüllt, als sie die Website wieder abgeschaltet haben. Dazu die Botschaft: „Danke, liebe Nazis!“ Durch ihre zahlreichen Suchanfragen im Namensfeld haben Rechtsextreme unwissentlich Hinweise auf ihr eigenes Netzwerk geliefert: Erst suchen sie ihren eigenen Namen, dann die von Familienangehörigen, es folgen Freunde und Bekannte. „Soko Chemnitz“ war ein Honigtopf, eine Falle für die Rechtsextremen.

Eine gute Pointe, das muss man den Künstlern lassen. Und ja: Je länger man sich durch die Seite klickt, desto mehr entschlüsseln sich ihre Botschaften: Die Kritik an den Prangern der AfD für Lehrer, der BILD für mutmaßliche G20-Straftäter, die Kritik an den Sicherheitsbehörden, die 467 per Haftbefehl gesuchte Rechtsextreme nicht finden können.

Feuilletonisten und Liebhaber provokanter Kunst mögen ihre heile Freude haben. Aber die meisten wenden sich angewidert und empört ab, bevor sie die ganzen Botschaften zwischen den Zeilen entschlüsselt haben. Deshalb bleibe ich dabei: Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Nur weil satirische Kunst auf der Meta-Ebene alles darf, muss sie nicht alles machen. Mehr Wut und Unverständnis, weniger Gesprächsbereitschaft und Mäßigung: Das kann man nicht als Kollateralschaden hinnehmen. Die Aktion trägt nichts zum lagerübergreifenden, demokratischen Diskurs bei. Den aber bräuchten wir viel dringender als provokante Kunst.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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