Theaterstück des Monats: Teuflische Göttinnen

Wenn der Mann die Frau für eine Jüngere verlässt, dann sorgt das für viel Streit und viele Tränen. Doch Protagonistin Virginia bekommt himmlische Unterstützung und steht vor der Frage, ob Rache wirklich Sinn macht. Die Theaterruine St. Pauli verwandelt das Stück Claus Martins aus dem Jahre 2004 in ein buntes Spektakel, bei dem in gewohnter Weise kein Auge trocken bleibt.

Gefüllte Leere

Am Anfang sehen wir Virginia, unschuldig im Pünktchenkleid, die von Larry für Dummchen Sally abserviert wird. Doch während sie noch um ihre Ehe trauert, versuchen die drei Furien, sie zu verführen. Im steten Wechselspiel sehen wir die Göttinnen, die ihre Spielchen treiben, Larry, der in seiner Midlifecrisis ein leichtes Opfer dafür wird, und Virginia, die niemandem etwas Böses will.

Geglückte Besetzung

Das Ensemble funktioniert in diesem Stück hervorragend. Singer-Songwriterin Carolina Federbusch als Virginia nimmt man ihre naiv-kraftvolle Darstellung ab, Jens Ottersberg als Larry brilliert mit goldenem Hut, Jacket und verwundertem Blick. Annemarie Deutsch als Sally, die für Larry alles tun würde, bildet einen guten Kontrast. Dazu die drei Furien, die von Annette Naumann, Ina Herrmann und Kristi Schüller gespielt werden. Jede der Frauen hat ihre Eigenheiten, manche sogar einen sächsischen Dialekt.

Auch das Ensemble hat Spaß. Lioba Jungnitsch glänzt als Virginias Tochter Alex, die ihre Mutter immer wieder ins Gewissen redet. Rainer Leschhorn als Dr. Frank von Stein könnte im positiven Sinne ein Schlagerstar der 70er-Jahre sein. Und Nick Hauskeller hat sowohl als Schmidtchen als auch als Teil des Ensembles eine Präsenz, auch wenn der Fokus nicht auf ihm liegt.

Mitwippen erwünscht

Schon von Beginn an durchziehen das Stück Lieder mit Ohrwurmgarantie. Mit Playback, aber eingängig verdeutlichen sie die Botschaften über Liebe, Zweifel und Selbstbewusstsein. Carolina Federbusch ist dem stimmlich gewachsen, sowohl in Solo- als auch in Gruppenszenen. Auch das Ensemble singt meist synchron, auch wenn nicht jede Note sitzt. Die Chemie miteinander stimmt.

Klischee mit Willen

Das Stück macht Spaß und verdeutlicht immer wieder, dass die Meinung anderer nur eine Meinung ist. Oder, wie Tochter Alex formuliert: „Wehrt Euch!“ Altersdiskriminierung und Bodyshaming klingen an, dennoch arbeitet das Stück an manchen Stellen zu sehr mit Vereinfachung: Larry ist dick, darf sein falsches Selbstbewusstsein sogar in einer Tanzszene mit nackter Tatsache unter Beweis stellen. Neu-Freundin Sally hat nur drei negative Eigenschaften: Sie ist naiv, dumm und will kultiviert sein. Vor allem das Thema „Queerness“ wirkt eher wie ein Mittel zum Zweck, um die Handlung aufzupolstern, Farbe reinzubringen und am Ende Toleranz zu zeigen. An diesem Punkt wirkt die Handlung wirklich ein bisschen wie 2004.

Kein Topf ohne Deckel – oder Hut

Das Bühnenbild ist eher spartanisch: Auf einem Gerüst sind Blumen drapiert, später gesellen sich Luftballons dazu. Um so farbenfroher sind die Kostüme: Virginia und Sally tragen bunte Kleider, die Gewänder der Furien sind gruslig und wehen bei Bewegung herrlich umher. Das Ensemble und Larry tragen schwarze Kleidung, kontrastiert durch farbige Hüte. Das bildet einen Ruhepol in der turbulenten Handlung und betont die Einigkeit.

Letztlich fokussiert sich das Stück auf die Stärken des Theaters: guter Gesang und schöne Gemeinschaft, dazu eine witzige Geschichte und eingängige Songs. Nur die Modernisierung hätte etwas pfiffiger sein können.

Das Stück läuft wieder am 30. Mai, 30. und 31. Juli sowie 11. September (jeweils 19.30 Uhr), außerdem am 31. Mai, 30. Juni und 1. Juli (je 19 Uhr). Karten gibt es ab 15 Euro.

Text: Vivian Herzog

Foto: PR TheaterRuine St. Pauli e. V.

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