Wer bin ich? Und was macht mich aus? Diese Frage stellt sich Lea vermutlich nicht erst, als das Kamerateam einer Castingshow sie danach fragt, aber für die Homestory sollte sie besser zeitnah eine Antwort finden. Zusammen mit Papa Matze hat Lea die Vorrunden bewältigt, nun erfährt auch der Rest der Familie vom Auftritt in der Show. Doch nicht jede:r ist überzeugt davon. Zumal alle mit sich selbst beschäftigt sind.
Mama Rieke erwartet noch ein Kind – allerdings nicht von Matze. Tante Kati will das Greizer Schloss zu einem allumfassenden Museum machen, womit ihr Sohn Edgar nicht viel anfangen kann. Die Großeltern sind mit ihrer destruktiven Ehe beschäftigt und mit dem Waldhotel, das den Bach runtergeht. Zu allem Überfluss hat nicht mal Freundin Bonny ein Ohr für Lea, weil sie gerade mit Edgar anbandelt.
Regisseurin Eva Trobisch hat vor etwa zehn Jahren die Geburtsstadt ihres Großvaters kennengelernt. Greiz, das so anders ist als das flache Brandenburg oder das weitläufige Mecklenburg-Vorpommern. Eine entvölkerte ehemalige Residenzstadt im Wald, in der junge Birken aus alten Villenfenstern wachsen. Hier siedelt sie ihre multiperspektivische Geschichte an, begleitet Lea, Matze oder auch Oma Christel immer ein kleines Stück. Nachdem sie sich in ihrem Debüt „Alles ist gut“ auf eine Hauptfigur konzentriert hatte, wollte Trobisch mehrere Figuren gleichberechtigt betrachten. Eine Entscheidung, die nicht alle Zuschauer:innen gutheißen. Zu zerfasert sei die Geschichte, niemandem könnte man richtig folgen. Für Trobisch ist die Gleichzeitigkeit von Dingen aber das Leben, wie sie es wahrnimmt – so auch andere.
Die Regisseurin und Drehbuchautorin stellt die sozialistische Gemeinschaft auch dem Individualismus des Kapitalismus gegenüber, die ideale Gemeinschaft der Familie dem Kampfesgeist der einzelnen Person. Du bist etwas Besonderes und wenn Du hart genug arbeitest, kannst Du alles schaffen. Doch geht das wirklich ohne Gemeinschaft? Und wer geht dabei verloren?
Trobisch findet darauf ganz eigene Antworten – zusammen mit ihrem hervorragenden Ensemble rund um Frida Hornemann, Max Riemelt und Eva Löbau. Und wer sich nicht unbedingt an eine Identifikationsfigur klammern muss, wird daran vermutlich seine eigene Freude finden – oder wenigstens beim Soundtrack lauthals mitsingen. Ciao, amore mio!
Text: Nadine Faust
Foto: Lea (Frida Hornemann, Mitte) wird von der Redaktion einer Casting-Show interviewt. © Adrian Campean/Trimafilm