Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam ein Drittel der im Deutschen Reich produzierten Schokolade aus Dresden. Davon kann heuer keine Rede mehr sein. Doch es regt sich was in Elbflorenz und Umgebung.
Adoratio. Anbetung. Diesen klingenden Namen hat Susanne Engler ihrer Schokoladenkunst Naschwerk GmbH in Thürmsdorf gegeben. Das liegt zum einen an der gleichnamigen Skulptur des dänisch-norwegischen Bildhauers Stephan Sinding, die im anliegenden Schlosspark steht. „Die Maya haben den Kakao aber auch angebetet – das war eine Rarität, eine Besonderheit“, erzählt die gebürtige Pirnaerin. Nicht umsonst tauchen Wort und Darstellung des Kakaos siebenmal in der Maya-Handschrift im Dresdner Buchmuseum auf, in dem die Ausstellung „Die süße Kunst – Eine Kulturgeschichte der Konditorei und der Desserts“ 2025 auch der Geschichte von Kakao und Schokolade seine Aufmerksamkeit widmete.
Von Ecuador nach Dresden
2018 fanden Forscher:innen in Santa Ana-La Florida im Südosten Ecuadors die bisher ältesten Reste von domestiziertem Kakao. Demnach hätte die Mayo-Chinchipe-Kultur schon vor mindestens 5.300 Jahren Kakao angebaut und als Getränk zu sich genommen. 1000 v. Chr. soll das Wort „cacao“ beim mittelamerikanischen Volk der Olmek:innen verwendet worden sein, wie Birgit Böhme in ihrem Beitrag im Begleitband zur Ausstellung „Schokoladenstadt Dresden – Süßigkeiten aus Elbflorenz“, die zum Jahreswechsel 2013/2014 im Stadtmuseum zu sehen war, schreibt. Auch das olmekische Volk kultivierte Kakaobäume, röstete die Samen und bereitete ein Gebräu zu – was die Maya und Aztek:innen ihnen gleichtaten. Die Spanier:innen wiederum, die das Getränk „auf ihren kolonialen Eroberungszügen kennenlernten“, fügten Zucker hinzu, womit sie quasi die Schokolade erfanden, wenn auch in flüssiger Form.
August der Starke war es wieder einmal, der das Zeremoniell um die Trinkschokolade in Dresden in neue Sphären erhob. Passendes Böttgersteinzeug, später Porzellan wurde gefertigt. Sein Sohn Friedrich August II. ließ das Pastell „Schokoladenmädchen“ von Jean Étienne Liotard für die kurfürstliche Sammlung ankaufen.
Wer hat’s erfunden?
Bis ins 19. Jahrhundert wurde Schokolade vornehmlich getrunken, erst dann setzte sich die Nascherei in fester Form durch. Dabei spielt die Erfindung der Milchschokolade eine gewichtige Rolle – und dies geschah anscheinend nicht erst 1875 in der Schweiz, sondern wohl schon 36 Jahre zuvor in Dresden. Eine Anzeige vom 22. Mai 1839 belegt: „Chocolade mit Eselsmilch präparirt, ohne Gewürz, sowohl zum Kochen […] als auch zum Rohessen […]“. Das veröffentlichte die Firma Jordan & Timäus, die 1823 als Zichorienfabrik in der Neustadt gegründet worden war, im Dresdner Anzeiger.
Allerdings bescheiden nicht nur Birgit Böhme und Uwe Hessel in ihrem gemeinsamen Buchbeitrag zur „Schokoladenstadt Dresden“ der Eselsmilchschokolade wenig Erfolg. Ein 2011 im Rahmen einer Bachelorarbeit an der TU Dresden vorgenommener Versuch einer Rekonstruktion ergab: „Die Proben wiesen eine dunklere Färbung als heutige Schokoladen auf und hatten einen ausgeprägten Kakaogeruch. Aufgrund ihrer körnigen und sandigen Struktur waren sie nicht so glatt wie Schokoladen in der Gegenwart. Die Haltbarkeit war ebenso gering wie die optische Stabilität“, wie Böhme und Hessel notierten. Die Erfindung des Milchpulvers und der Conche in der Schweiz brachten Jahre später viel größeren Erfolg.
Schokoladenhauptstadt Dresden
Dennoch: Schon für das Jahr 1880 verzeichnet das Schokoladenmuseum von Camondas mit circa 30 Prozent der gesamtdeutschen Produktion Dresden als „Schokoladenhauptstadt“ – „bei einem Pro-Kopf-Verbrauch an Schokolade von ca. 80g pro Jahr“. Und an anderer Stelle: „1910 stand Dresden an der Spitze der deutschen Schokoladenproduktion – die Gewerbestatistik wies 26 Schokoladen- und Zuckerfabriken mit über 4.000 Beschäftigten aus. Keine andere Stadt in Deutschland verfügte über eine derartige Dichte von Unternehmen in der Süßwarenindustrie sowie im Schokoladen- und Verpackungsmaschinenbau.“ Die Maschinenfabrik von Johann Martin Lehmann etwa wurde 1834 in Dresden gegründet und zählte weltweit zu den größten Herstellern von Kakao- und Schokoladenmaschinen mit Büros in New York, Paris und London. Sie werden noch heute eingesetzt.
Holger Starke vermerkt im Ausstellungsbegleitband des Stadtmuseums noch: „Vor dem Ersten Weltkrieg waren in Dresden nahezu 7.000 Arbeitskräfte in der Schokoladen- und Zuckerwarenindustrie tätig, was mehr als einem Fünftel der Beschäftigten im gesamten Reich entsprach. Dresden war das Zentrum dieses Zweiges in Deutschland geworden.“
Der Erste und Zweite Weltkrieg sowie die Weltwirtschaftskrise brachten indes immense Einbrüche und Zerstörungen. Nach 1945 wurde die Fabrik von Hartwig & Vogel zum Stammwerk der künftigen VEB Dresdner Süßwarenfabriken Elbflorenz, weitere Betriebe wurden nach und nach eingegliedert, frühere Inhaber:innen wanderten zum Teil ab oder flohen. „Die Produkte aus den Kombinatsbetrieben [mussten] dem Vergleich mit den bunt verpackten Waren aus dem Westen standhalten. Und der fiel zumeist zugunsten der Produkte aus der Bundesrepublik aus, wobei manche Süßwaren in Lohnfertigung in der DDR hergestellt worden war[en]“, schreibt Starke. 1990 wurde die Produktion bei VEB Elbflorenz, wie der Betrieb verkürzt genannt wurde, eingestellt. Ab 1991 wurde das Werk I zwischen Freiberger, Rosen- und Ammonstraße zugunsten des World Trade Centers abgerissen.
Wie die Schokolade in den Kalender kam
Heuer sind neben dem Dresdner Christstollen aus dem Raum Dresden vermutlich am ehesten das Russisch Brot von Dr. Quendt und der Brotaufstrich Nudossi vom Hersteller Sächsische und Dresdner Back- und Süßwaren bekannt, wobei die Nussnougatcreme ihren Ursprung in der DDR-Zeit hat. Das Rezept für Russisch Brot hingegen soll der Dresdner Bäckergeselle Ferdinand Friedrich Wilhelm Hanke 1844 von einer Reise aus St. Petersburg mitgebracht haben. Der Dominostein wurde 1936 vom Dresdner Chocolatier Herbert Wendler erfunden und sein Originalrezept wiederum von Dr. Quendt erworben. „Die Dresdner Firma ‚Petzold & Aulhorn‘ (Pea) brachte 1938 den ersten Kalender auf den Markt, der mit Schokoladenfiguren gefüllt war“, vermerkt zudem das Schokoladenmuseum für die beliebten Adventskalender in der Vorweihnachtszeit.
Heutzutage ist die Schokoladenproduktion im Elbtal von den Manufakturen vereinzelter Chocolatiers geprägt, die dabei in der Regel auf vorgefertigte Schokoladenmasse zurückgreifen. So hat auch Marcus Schürer angefangen. 1969 in Pinneberg geboren, hat er eine Konditoreiausbildung in Lübeck gemacht. Doch den Beruf kann er wegen einer Mehlstauballergie nicht ausführen. Im Jahr 2000 kam er nach Sachsen und spezialisierte sich schnell auf Schokolade. 2006 machte er ihre Verarbeitung zu seinem Hauptberuf. „Die Medien waren da sehr interessiert. Das hat uns ein Stück weit auf die Sprünge geholfen.“ Alsbald kam die erste Mitarbeiterin hinzu, am jetzigen Standort in der Güterbahnhofstraße in Heidenau sind sie zu zehnt plus Aushilfskräfte. Die unterstützen je nach Saison im Café seiner Sächsischen Schokoladenmanufaktur oder bei der Eis-Marie. Letztere ist 2024 hinzugekommen, womit er ein Stück weit unabhängig vom Rohstoff Kakao geworden ist, wenn der mal schwierig zu beschaffen ist.

Seit 2016 nennt Marcus Schürer eine moderne Anlage mit Mühle und Conche von Netzsch sein Eigen, mit der er gewalzte Kakaomasse aus Kolumbien, Ghana oder etwa Ecuador zu Schokolade verarbeitet. Dass man aber auch alte Dresdner DDR-Maschinen aus dem VEB Nahrungs- und Genussmittel-Maschinenbau, kurz NAGEMA, noch nutzen kann, zeigte Susan Tutzschky von Mrs Brown 2021 in der MDR-Dokumentation „Das süße Geheimnis von Dresden – Über Deutschlands vergessene Schokoladenhauptstadt“. Vor ein paar Jahren hatte sie zusammen mit ihrer Familie Dresden Richtung Mohorn verlassen, um dort Kaffee, aber eben auch Kakao zu rösten und daraus Schokolade herzustellen.
Von der Bohne bis zur Tafel
Dieses „Bean to Bar“-Prinzip, also wenn von der Bohne bis zum Produkt alles aus einer Hand kommt, zeigten 2018 auch Ulrike Hörenz und Roland Schulze von Tafelwerk-Schokoladen aus der Dresdner Neustadt in einem Onlinevideo, als sie ihre Produktion ausbauen wollten. Seit der Coronapandemie stellen sie allerdings keine Schokoladentafeln, sondern nur noch eine zuckerfreie und vegane Haselnuss-Kakaocreme her, die mit Erythrit gesüßt wird.
Diese Creme gibt es auch bei Camondas. Im Juni 2008 hat Ivo Schaffer sein erstes kleines Geschäft gegenüber der Frauenkirche aufgemacht. „Die Grundidee ist, beste Schokoladen aus aller Welt jenseits des Supermarkts nach Dresden zu holen. Wir sind keine Chocolaterie. Unsere Kompetenz liegt im Fachwissen über Schokolade und in der Bewertung des Geschmacks“, verrät der 1974 im nordthüringischen Nordhausen Geborene. Nach einem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete er bei einer weltweit agierenden Unternehmensberatung im Bereich Lebensmittel und Einzelhandel. Dabei gab es auch Projekte in der Schokoladenindustrie. In Verbindung mit Studienaufenthalten in Manchester und Mexiko und dem analytischen Ansatz seiner Arbeit ergab sich für ihn ein neues Bild. „Da fing die Zeit der Manufakturen so langsam an. Es gab die ersten Läden in Berlin, die auch mal andere Schokoladen im Sortiment hatten – das war die Initialzündung für mich“, erzählt Schaffer, der vor der Firmengründung noch in der deutschen Hauptstadt wohnte. Seine Frau Kerstin gab schließlich den entscheidenden Anstoß, sich nach einer Ladenfläche umzuschauen – die er am Dresdner Neumarkt fand.
Heute gibt es unter dem Namen Camondas – ein Akronym aus Cacao, dem französischen Wort für die Welt und Schaffers Initialen – vier Standorte in der Dresdner Innenstadt. 2025 kam ein Schokoladen- und Eis-Kontor auf der Bautzner Straße in der Neustadt hinzu, nun wird in der Schlossstraße noch mal um- und ausgebaut. Etwa 50 Festangestellte und Aushilfen hat er und teilt sich den Geschäftsführerposten mit seiner Frau Kerstin und einem weiteren Kollegen. Circa 1.000 Artikel von 35 bis 40 „kleinen, feinen Herstellern aus aller Welt“ liegen dabei zu Spitzenzeiten wie rund um Weihnachten in den Regalen.
Der Weg zu guter Schokolade
Welche Schokovielfalt es vor 100 Jahren allein in Dresden gab, das hat Ivo Schaffer erst während seiner Arbeit mit der Süßigkeit kennengelernt. Dabei stand bei der Idee zum Schokoladenmuseum nicht die Dresdner Geschichte im Vordergrund, sondern „der Weg zu guter Schokolade“, der heute den zweiten Teil des Museums bildet. Doch Schaffer und seine Kolleg:innen stellten fest, wie umfangreich die Dresdner Schokoladengeschichte ist, erzählt der Geschäftsführer in der gut gefüllten Kakaostube, die den „Flagshipstore“ von Camondas gegenüber vom Residenzschloss nebst Museum lange komplettiert hat. Alsbald soll dieses Café aber ein paar Meter weiter auf die andere Seite des Kanzleigässchens wandern, um mehr Platz fürs Museum zu schaffen.
Beim Aufbau des Museums kam der Zufall ins Spiel. Zehn Jahre lang wurden in der Hofemühle-Bienertmühle im Plauenschen Grund über 1.000 Schokoladenformen ausgestellt, die vornehmlich aus der 1870 gegründeten Schokoladenformen- und Blechemballagenfabrik von Anton Reiche stammten und noch den Nachfahr:innen von Reiche gehörten. Diese bilden nun den ersten Teil des Camondas-Museums und weisen eine unglaubliche Vielfalt auf – befremdliche Zeitzeugen wie Formen für schokoladige Gewehrpatronen, aber auch Hasen mit Skiern, Weihnachtsmänner auf Schweinen oder Fußballspieler:innen inbegriffen. Ursprünglich gab es etwa 50.000 verschiedene Designs, wie Reiches Urenkelin Monika Tinhofer 2008 in einem Interview verraten hat.
Mit Früchten und Nüssen
In Schaffers Regalen direkt vor dem Museum stehen auch Schokoladenerzeugnisse von Amina Kühnel. 1974 in Marokko geboren, machte sie in ihrer Heimat eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. „Da haben wir auch französische Patisserie gelernt“, erzählt Kühnel. 1997 kam sie nach Sachsen, arbeitete später einige Jahre bei Marcus Schürer in Heidenau. 2011 machte sie sich mit ihrer kleinen Manufaktur in der Dresdner Neustadt selbstständig. „Ich verbinde meine mit der deutschen Tradition. Ich komme aus einem orientalischen Land, wir kochen viel mit Gewürzen. Ich versuche, das Gleiche mit Schokolade zu machen.“ Zwar ist ihr Dresdner Schokoladenhandwerk, das sie zusammen mit einer Kollegin betreibt, nicht biozertifiziert, aber die Qualität und Nachhaltigkeit ihrer Zutaten sind ihr wichtig – sei es bei der Verpackung, der Kuvertüre von Valrhona oder auch bei Zutaten wie Früchten und Nüssen. Zusätzlich zugesetzten Zucker gibt es bei ihr nicht. „Eine Johannisbeer-Praline soll nach Schwarzer Johannisbeere schmecken und nicht nur süß“, sagt sie.
Adoratio hingegen bezeichnet sich als „erste biozertifizierte Naschwarenmanufaktur in Sachsen“ und wirbt auf der Webseite mit Nachhaltigkeit, Regionalität und dem Einsatz von Solarenergie. Dass Susanne Engler und ihre Kolleginnen sich aber auch der Tradition verbunden fühlen, das zeigt nicht nur das alte Blechschild mit dem Rüger-Hansi – der bekannten Werbefigur der ehemaligen Schokoladenfabrik Otto Rüger im Lockwitzgrund – auf der Terrasse des Cafés in Thürmsdorf. Denn anders als bei anderen Chocolatiers stand die Geschichte bei Susanne Engler am Anfang der eigenen Gründung. „Ich lese unheimlich gern und bin auf das Thema Dresden und Schokolade gestoßen. Aber damals hat sich noch niemand dafür interessiert“, erzählt die Pirnaerin, Jahrgang 1981. Zusammen mit ihrem damaligen Freund fuhr sie auf Messen, traf den „Schokomeister“ Michael Boon. „Dieser kleine Funke, den wir im Kopf hatten, ist dann immer größer geworden.“
Preisgekröntes aus der Region
Nach einem Kunstabitur, einer Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten und dem Studium der Soziologie und Psychologie setzte Engler zusammen mit ihrem Partner alles auf eine Karte. Sie gründeten im Jahr 2009 – mit der kleinen Manufaktur in Thürmsdorf und einem Lädchen auf dem Markt in Pirna. 2011 beschäftigte sich das Industriemuseum Chemnitz in Kooperation mit dem Dresdner Verein für Wissenschaftler und ingenieurtechnische Mitarbeiter Dresden, kurz WIMAD e. V., mit dem „süßen Herz Deutschlands“, wobei Adoratio kleine Kurse vor Ort geben konnte. „Und dann kam erst Dresden darauf, das ein bisschen besser zu vermarkten“, sagt Engler, die das Unternehmen mittlerweile zusammen mit ihrer Cousine führt und sechs Festangestellte sowie Aushilfen und Freelancer beschäftigen kann. Gerade wird der Standort Thürmsdorf ausgebaut, denn Ende des Jahres wird das Schokoladen-Café im Historischen Bahnhof Pirna geschlossen.
Zur Bedeutung der Schokoladenstadt heute gefragt, sagt Susanne Engler: „Das Thema Schokolade kann jetzt wieder wachsen – aber es muss auch wachsen. Das braucht Zeit.“ Für ihre weiße Bio-Trinkschokolade mit Kaffee, Kardamom und Zimt haben sie 2020 den dritten Preis bei den International Chocolate Awards bekommen – und somit wieder etwas Aufmerksamkeit auf die Schokoladenregion Dresden gelenkt. Dafür sorgt auch das Dresdner Schokoladenmädchen. Die sechste Repräsentantin des regionalen Schokoladenhandwerks kommt tatsächlich aus dem Hause Adoratio. Vivien Rücker arbeitete vorher schon jahrelang für Susanne Engler.
Lila Jacken und Matcha-Erdbeeren
Deutschlandweit für Furore sorgt aber eine andere Dresdner Gründung – und dafür ist nicht nur der eingängige Fernsehspot verantwortlich, bei dem Co-Gründer Christian Fenner selbst zu lila Plüschjacke und Mikro greift, oder die Kooperation mit Model und Influencerin Stefanie Giesinger und der Marke Health Bar Matcha. Denn der Anspruch von nucao ist kein geringerer, als die Schokoladenindustrie deutschlandweit und vielleicht irgendwann darüber hinaus auf den Kopf zu stellen. „Wir sind Schokoladenfans. Aber wenn man ehrlich ist: Im Herzen sind wir Umweltschützer und keine Chocolatiers. Wenn wir nicht Schokolade gemacht hätten, hätten wir vielleicht nachhaltige Mode produziert. Wir wollten was finden, wo wir was verändern können. Denn die Kakaoindustrie hat sehr bittere Seiten – sowohl sozial als auch ökologisch. Es ging uns immer eher darum als um die perfekte Praline“, erzählt Fenner, Jahrgang 1991, der aus der Nähe von Mainz kommt. In Aachen hat er Wirtschaftsingenieurwesen, Fachrichtung Maschinenbau, studiert. Doch eigentlich schlug sein Herz fürs Marketing und Unternehmertum. Deswegen kam die Anfrage zweier seiner Kommilitonen gerade recht. Mathias Tholey und Thomas Stoffels kamen bei einem Auslandsaufenthalt in England auf die Idee zur Herstellung eines gesunden Schokoriegels. Unterstützung bekamen die drei zunächst vom Aachener BWL-Lehrstuhl.

Eigentlich sollte es für sie dann nach Berlin gehen, allerdings konnten sie in Dresden kostengünstig ein Haus beziehen. Zusammen mit einem Lebensmittelchemiker der TU Dresden und dem EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz im Nacken ging es an die Produktentwicklung. Im Herbst 2016 wurde nucao gegründet – übrigens die Abkürzung für „nutritious cacao“ oder auch „new cacao“, wenn man so möchte. Das Produkt: „ein ernährungswissenschaftlich optimierter Schokoriegel aus Hanfsamen und Rohkakao“. In Dresden-Pieschen mieteten sie ein Ladenlokal und produzierten etwa 1,5 Jahre selbst. Mittlerweile ist nucao nach Leipzig abgewandert und lässt die Produkte von anderen Firmen herstellen. Denn sie wollten immer in die Bio- und Supermärkte, es geht ihnen um die Veränderung der Konsumgutbranche. Das konnten sie mit der eigenen kleinen Produktion nicht händeln.
Fast so klimaschädlich wie Rindfleisch
Dabei haben sich auch die Produkte verändert. „Mit diesem sehr speziellen Riegel haben wir eine zu kleine Nische begeistert“, sagt Fenner. So haben sie sich mit ihren derzeitigen Produkten mehr dem Massenkonsum angepasst – und bleiben dennoch ihren Leitlinien bio, vegan, fair gehandelt und in Papier verpackt treu. Mittlerweile sind neben den Riegeln vor allem die schokolierten, gefriergetrockneten Beeren ein großer Erfolg, so wie die mit Nussmus gefüllten Schokotafeln. Zuletzt kamen gefrorene Schokofrüchte aus dem Tiefkühl-Regal hinzu. Besonderen Wert legen sie dabei auf Kakao aus Agroforstwirtschaft. „Wir wollen auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass für Kakao Regenwald abgeholzt wird. Dunkle Schokolade steht ganz weit oben auf der Skala der CO2-Emissionen pro Kilogramm des Lebensmittels – hinter Rindfleisch auf Platz 2. Keiner in der Lobby hat Interesse daran, dass das jemand weiß.“
Dass nucao mit den mittlerweile etwa 35 Angestellten Dresden gen Leipzig verlassen hat, hat eher private Gründe. „Ich glaube, wir hätten nucao genauso gut weiter aus Dresden aufbauen können“, sagt Fenner. Die Lebensqualität sei jedenfalls in beiden Städten hoch – bei weniger Kosten und Konkurrenz am Arbeitsmarkt als in größeren Städten wie Berlin, Hamburg oder München.
Die Schokobranche in Elbflorenz wächst jedenfalls wieder. Etwa mit Neugründungen wie Munay Alfajores, die argentinisches Gebäck mit Regenwaldschokolade kombinieren. Auch die Confiserie Felicitas aus dem brandenburgischen Hornow hat eine Filiale in Dresden. Und Schokoladengeschäfte wie Chirel erweitern das hiesige Portfolio – in diesem Fall schon seit 2006. Sie alle arbeiten mit dem „Glücksprodukt“ Schokolade, wie Susanne Engler von Adoratio es nennt. „Nichts ist schöner, als mit einem Produkt zu handeln, das andere Menschen glücklich macht.“
Text: Nadine Faust
Fotos: Amac Garbe
Die erste Fassung dieses Textes ist in der 10. Ausgabe des Bookzines Stadtluft Dresden erschienen. Eine Lesung findet am 24. April 2026 um 19 Uhr im Atelier von Amac Garbe statt. Dabei gibt es auch ein paar schokoladige Kostproben von Adoratio. Den Rahmen bildet die Ausstellung „Rosapinkrot“, bei der künstlerische Arbeiten von Monika Grobel mit Garbes Fotografien kombiniert werden.






