Romanze für neun Euro

Das Neun-Euro-Ticket ist in aller Munde und viel Neues gibt es nicht zu sagen. Die zu wenigen Züge sind voll, die Klimaanlagen funktionieren manchmal nicht und langwierig kann das ganze Reisen auch werden. Aber um organisatorische Schwierigkeiten soll es nicht gehen. Viel interessanter ist, was auf solchen Fahrten passieren kann und welche Begegnungen sich auf der Reise ergeben.

Das Spannende am Zugfahren ist die Anonymität. Wie eine gute Freundin so schön feststellte, ist es eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man unverblümt und ohne Bedenken vollends man selbst sein kann, ohne Angst davor haben zu müssen, wie man beim Gegenüber rüberkommt. Denn selbst wenn das Verhalten nicht ankommt, sieht man sich ja mit größter Wahrscheinlichkeit nicht wieder.

Oder man probiert mal die eine oder andere Persönlichkeit an. Im Zug einfach mal den Grummel-Opa raushängen lassen, indem man wütend vor sich hinmurmelt, wenn ein Zug Verspätung hat. Oder man sucht aktiv nach Gleichgesinnten, um sich die Reisezeit zu verkürzen. Eine dritte Variante wäre die Zeit zu nutzen, um seinen Intellekt auszubauen; endlich mal wieder ein Buch lesen, weil man bei dem Telefonempfang jeglichen Kontakt zur Social-Media-Welt eh vergessen kann.

Eigentlich ja ganz schön. Abschottung von jeglichem Kontakt zur gewohnten Außenwelt in Mitteldeutschland klingt gut. Rausschauen, Musik hören, in Gedanken schwelgen, so tun, als wäre die Reise selbst schon Urlaub. Für mich die absolut perfekte Vorstellung von meiner auf mich zukommenden siebenstündigen Bahnfahrt nach Bayern. Nach München geht es zwar nicht zum Urlaub, aber das ist ja Mindset-Sache und die entspannende Bahnfahrt will ich mir nicht nehmen lassen.

Dresden-Hauptbahnhof, noch sieben Stunden bis München

Aber das Schicksal hat anderes für mich im Sinn und so haste ich am Dresdener Hauptbahnhof von Gleis 7 mit einem Zwischenstopp beim Bäcker zu Gleis 11, wo mein Zug schon bereitsteht. Im Zug tummeln sich die Fahrgäste und ich entscheide, weiter durch die Waggons zu gehen, bis ich einen Platz finde, der die Ausstrahlung einer Ruheoase hat. Mal abgesehen davon, dass ich den Einfluss des Neun-Euro-Tickets auf die Auslastung der Züge komplett unterschätzt habe, ist dieser Zug vergleichsweise leer und ich finde schon im dritten Waggon einen Platz an einem Vierer mit Tisch, nur eine Person schräg vor mir, perfekt!

Ich pflanze mich, inklusive Koffer, Rucksack, Bauchtasche und Kuscheljacke auf den sehnlichst erwarteten Platz am Fenster und schaue mein Gegenüber kurz an, wie man das so macht – ein kurzes „Hallo“ oder Lächeln reicht. Damit ist alles gesagt, man hat das Mindestmaß an Höflichkeit erbracht und kann sich jetzt ohne weitere Peinlichkeiten und/oder schlechtes Gewissen ignorieren.

Pustekuchen! Gegenüber von mir sitzt ein junger Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich: Locken, strahlende Augen und unter seiner Maske ein breites Lächeln, als er mich erblickt. „Scheiße“, denk ich mir. „Warum das denn jetzt?“ Da will man einmal eine ruhige Fahrt haben und dann sitzt einem ein so attraktiver Typ gegenüber. Das kann doch nur Ärger bedeuten. Oder im exakten Wortlaut meiner Gedanken: „Boah, sieht der gut aus. Bin sauer!“ Also auf diese ganze Situation.

Ich lächle kurz zurück, packe mein Buch aus, setze meine Kopfhörer auf und fange an zu lesen. Ob es auch nur ein Satz vom Papier tatsächlich in mein Gehirn schafft, bezweifle ich, denn ich spüre seinen Blick auf mir und langsam wird mir in meinem verschwitzten T-Shirt mit der eingeschalteten Klimaanlage im Zug kalt. Mein einziger logischer Ausweg: Kuscheljacke an. Bei 27 Grad Celsius Außentemperatur. Logisch.

Kurz vor Freiberg, noch sechs Stunden bis München

Während ich mir den synthetischen Flausch überziehe, streift mein Blick seinen und er gestikuliert so etwas wie „Bei dem heißen Wetter?! Ist das dein Ernst!? Was tust du da?!“ und wedelt sich mit seinem Shirt Luft zu. Ich, ebenfalls nonverbal, da wir beide mit Kopfhörern dasitzen, greife den Kragen meiner Jacke, zieh die Schulter hoch, lege den Kopf schief und kuschel mich ein. Wir grinsen. Dann vertiefe ich mich wieder in mein Buch. Mein Gehirn fängt an zu rattern: Entweder ich mache jetzt einfach mein Ding und halte diese Flirt-Spannung für die nächsten Stunden aus oder ich bin mal nicht so voreingenommen, dass dieses Gespräch für mich nur Ärger bedeuten kann, und öffne mich dieser Möglichkeit einer Begegnung. Könnte ja ein netter Typ sein.

Ich lege mein Buch weg und schaue mit Musik auf den Ohren aus dem Fenster. Mein Blick begegnet wieder seinem und er zeigt auf mich und seinen Kopfhörer, ein non verbales: „Was hörst du?“.

Chemnitz-Hauptbahnhof, noch 5,5 Stunden bis München

Es entsteht ein Gespräch über Musik, den Grund, warum er in Dresden war, und wieso er nun zurück nach München fährt. Wir unterhalten uns über beide Städte, die besten Cafés und Restaurants im Münchener Franzosenviertel, gutes Essen im Allgemeinen und Proteinshakes … Er ziehe bald nach Dresden, wo ich gerade wohne. Wir sind beide Künstler*innen, beide rothaarig – das verbindet.

Er wohnt in München in dem Viertel, in dem ich auch mal gewohnt habe. Er kommt aus Lettland, wo ich diesen Sommer hinreisen werde. Wir haben so viel gemeinsam. Es stimmt alles. Verrückt. Himmlisch romantisch. Ich kann es nicht fassen und er irgendwie auch nicht. Wir gucken uns immer wieder tief in die Augen und es fühlt sich doch nicht anstrengend an. Mein Misstrauen vom Anfang ist tatsächlichem Interesse gewichen. Eine spannende und nette Person. Toll!

Glauchau, noch fünf Stunden bis München

Auf halber Strecke nach Hof-Hauptbahnhof steigt eine junge Frau Anfang 20 in Adidas-Anzug und mit falschen Wimpern dazu und setzt sich in die Vierer-Gruppe nebenan zu einer älteren Dame. Ich werde sie Lash-Girl nennen, ist einfacher als „die junge Frau Anfang 20 in Adidas-Anzug und mit falschen Wimpern“.

Aus ihren Kopfhörern wummern moderne R’n’B-Beats, aber Lockenkopf und ich unterhalten uns weiter. Nach ca. 15 Minuten spricht sie mich von der Seite an: „Kanntet ihr euch eigentlich schon?“ Ich schau verdutzt Lockenkopf an, er schaut mich an und ich sage mit einem irritierten Lächeln: „Nein, wir haben uns gerade erst kennengelernt.“ „Krass!“, sagt die junge Frau allwissend, „ich schwöre, da ist was zwischen euch.“ Sie grinst über beide Ohren. „Den Vibe checkt hier jeder!“ Und sie kreist mit dem Zeigefinger über ihrem Kopf, Augenbrauen oben und schließt damit die gesamten Bahngäste unseres Waggons mit ein, die in diesem Fall kein Mitspracherecht haben.

Auf der Bühne im Theater gibt es den Begriff der vierten Wand. Sie beschreibt die sich zum Publikum öffnende Wand, also nur eine imaginäre. Wenn diese im Spiel durch eine Interaktion mit dem Publikum gebrochen wird, bricht damit auch immer etwas die Illusion der Erzählung.

Was Lash-Girl mit Vibe meint, ist also klar: Sie bricht die vierte Wand dieser sich anbahnenden Romanze. Wir unterhalten uns weiter mit Lash-Girl über ihre Erfahrung mit Magnet-Wimpern und Streit mit der besten Freundin. Als sich dann die ältere Dame gegenüber von ihr ins Gespräch einmischt, falle ich fast vom Glauben ab. Sie ist auf dem Weg zu ihren Enkelkindern, die sie nach der Pandemie zum ersten Mal wiedersehen wird. Fast 2,5 Jahre hat sie die drei nicht gesehen. In der Zeit können Enkelkinder laufen und sprechen lernen und zusätzlich noch eine Passion für Kinderschlagzeuge und sprechende Elefanten entwickeln. Da hat sie ganz schön was aufzuholen.

Plauen, noch 4,5 Stunden bis München

Die Frau hat genau wie Lash-Girl und wir ein Ziel und das Schöne am Bahnfahren ist ja, dass das Ziel eh gegeben und der Weg dahin mit luftleerem Raum gefüllt ist, den man mit Geschichten füllen kann. Sie erzählt uns von ihrem verstorbenen Mann und Lash-Girl von ihrem kürzlich verstorbenen Freund, der eine Heroin-Überdosis hatte. Krass! Ein Moment der geborgenen Viersamkeit entsteht, in der die Oma ihr gut zuredet über den Tod und das Weitermachen. Lash-Girl ist den Tränen nahe und ich frage sie, ob ich sie in den Arm nehmen kann. Wir umarmen uns und weinen zusammen, bis wir lachen und uns für den nächsten Umstieg auf dem Bahngleis auf eine Zigarette verabreden. Das ist echt wie im Film.

Nur noch 15 Minuten bis Hof-Hauptbahnhof. Wir wollen alle Richtung München umsteigen. Es fühlt sich an, als wären wir schon den ganzen Tag in dieser Konstellation unterwegs, wie eine zusammengewürfelte Reisegruppe. Viel zu unterschiedlich, um sich privat zu treffen, dennoch schon viel zu persönlich, um sich im neuen Zug einen Platz alleine zu suchen.

Hof-Hauptbahnhof, noch vier Stunden bis München

Am Hofer Hauptbahnhof halten wir drei jungen Leute uns in dem grellgelb-markierten Quadrat für Raucher*innen auf und schauen zu, wie die Massen in den hellblauen, klapprigen Regio vor uns einsteigen. Lash-Girl gibt mir eine Zigarette aus. Lockenkopf will nicht, er versucht gerade aufzuhören. Die Oma hat zügig einen guten Sitzplatz in einem Waggon gefunden und sie lächelt uns an, als wir später an ihr vorbei in den hinteren Teil des Zuges durchgehen. Sie will sich jetzt während der restlichen Bahnfahrt auf die Vorfreude konzentrieren. Voll okay.

Lash-Girl sitzt nun in Fahrtrichtung und Lockenkopf und ich sitzen ihr gegenüber. Unsere Beine berühren sich. Ich mache mir keine Gedanken darum. Warum sollte ich auch? Er ist ein Netter und ich fühle mich sehr wohl bei ihm. In witzigen Situationen klopft er mir aufs Bein und als Lash-Girl ein Nickerchen macht und wir uns gegenseitig Musik zeigen, streicht er über eine Locke von mir. Ich fühle mich so wohl, dass von mir schlaue Sätze fallen wie „Es ist, als ob ich in einen Spiegel schaue.“ und „Witzig, wie ähnlich wir uns sind!“.

Irgendwo zwischen Regensburg und Landshut, noch ca. eine Stunde bis München

Nachdem Lash-Girl aussteigen musste und uns mit Kusshänden verabschiedet hat, geht es zu zweit weiter. In einem Moment schauen wir uns lange in die Augen und seine sind so schön und ich schaue ihn so gerne an. Als er nun aber zum wiederholten Mal mein Bein berührt, schieb ich seine Hand weg. Das wird mir zu viel. Eine schöne Begegnung, auf jeden Fall! Aber die Entscheidung, wer mich wann anfasst, bleibt doch mir vorbehalten und nur mir.

Plötzlich kommt er mir immer näher und ich verstehe, was hier gerade passiert: Er versucht, mich zu küssen. Nach sechs Stunden Fahrt, Input für drei Til-Schweiger-Filme, versucht mich dieser Mann doch tatsächlich zu küssen.

Ich hätte uns gerne diesen Moment erspart, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn wegzuschieben und das Gespräch für die letzten Minuten weiterzuführen. Peinlich berührt handeln wir aus, was gerade passiert ist, und kommentieren jedes an uns vorbeirauschende Fabrikgebäude. Wir steigen in München aus. Laufen schweigend nebeneinander. Am U-Bahnhof verabschieden wir uns mit einem Ausblick ins Nichts und einem Kuss auf die Wange.

Als ich in meiner Unterkunft ankomme, ist mir schwindelig wie lange nicht mehr. Verwirrt, erschöpft und glückserfüllt von all diesen Begegnungen. Einordnen kann ich das alles noch nicht, dafür ist mein Bett viel zu bequem und dafür war die Fahrt viel zu anstrengend. Womit ich am Abend jedoch nicht rechnen kann, ist, wie ich mich am nächsten Morgen fühlen werde.

München, acht Stunden nach meiner Ankunft

Es ist früher Morgen. Der Sonnenaufgang über der Busstation auf dem Weg zu meinem Job zerschießt mir jegliches romantisches Gefühl, was ich zunächst empfunden habe. Ich fühlte mich hilflos, melancholisch und schuldig. Die Begegnungen beschäftigten mich.

Obwohl ich Lash-Girl wahrscheinlich nie wiedersehen werde, denke ich trotzdem ständig an sie und hoffe, dass sie okay ist. Ich wünschte, es gebe einen Schalter im Hirn oder einen Bildschirm, um der Oma mit ihren Enkeln zuzuschauen, wie sie sich nach 2,5 Jahren Pandemie zum ersten Mal umarmen. Wie Lash-Girl ihrem neuen Freund ihr Herz ausschüttet und er sie in den Arm nimmt und sie gefühlt niemals wieder loslässt. Und ich wünschte, es gebe einen Schalter, dass die Romanze noch so funktioniert wie im Film. Aber dem ist nicht so.

Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und Grenzüberschreitungen sind nicht romantisch, sondern einfach nur ekelhaft. Man fühlt sich machtlos und besonders fühlt man sich schuldig ob der Möglichkeiten, die man doch gehabt hätte, so eine Situation abzuwenden. Aber schuld bin nicht ich und schuld ist auch nicht dieser Lockenkopf. Schuld sind die Strukturen dieser Gesellschaft. Die Normalität, mit der kleinen Jungen beigebracht wird, sich zu benehmen, als ob ihnen alles gehört; Mädchen behandeln, als wären sie Objekte. Keine Lebewesen mit eigenem Sinn und Verstand. Und den Mädchen wird beigebracht, die Harmonie einer Begegnung zu wahren. Um jeden Preis, auch wenn es über ihre eigenen Grenzen hinweggeht.

Kann man doch nicht fassen. Da versucht man einmal unvoreingenommen zu sein, seinem Gegenüber Raum zu geben und das Interesse an der Person vor die eigenen strukturellen Erfahrungen in der Heteromatrix zu stellen, und was hat man davon? Eine Grenzüberschreitung vom Feinsten, die dir wieder einmal beweist, dass das Leben kein Film ist. Leider endet diese Geschichte, wie sie angefangen hat, direkt nach dem ersten Lächeln zwischen zwei jungen Menschen mit „Scheiße, bin sauer!“.

Text: Iris Amelie

Foto: Amac Garbe

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