Annemarija Gulbe, „Our lives are infinitely versatile and full of interesting affairs“

Künstlerische Grenzübertritte

Die Ausstellung „Vom Überschreiten/Transitioning“ im Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden bringt studentische Positionen aus vier europäischen Kunstakademien zusammen.

Begegnung über internationale Grenzen hinweg ist wieder möglich. So ist die Abschlussschau der ersten Förderperiode der Kunsthochschulallianz EU4ART der Kunstakademien in Budapest, Riga, Rom und Dresden wohl kein Schlusspunkt, sondern der Übergang zu einer zweiten, hoffentlich begegnungsreicheren Phase der Zusammenarbeit.

Seit das Projekt EU4ART im November 2019 zur innereuropäischen Verständigung aus der Taufe gehoben wurde, fanden Workshops, Symposien und Ausstellungen wie „Existenz Kapitel 2: Spuren“ statt. Dabei mussten pandemiebedingt digitale Formate erprobt und durchgeführt werden. Die Spuren-Ausstellung musste ganz ohne Besucher:innen auskommen, ist aber mittels Drohnenvideo online konserviert worden. Die erste, vierjährige Förderperiode endet im Herbst 2022. Der Antrag für eine zweite Förderrunde wurde gestellt und scheint aussichtsreich, idealerweise samt Aufnahme weiterer europäischer Kunsthochschulen.

Gemeinsame Eröffnung

Nun ist wieder internationales Gewimmel im und um das Oktogon der HfBK zu erleben. Studierende, Lehrende und auch die Direktor:innen der vier beteiligten Kunstakademien sind angereist, um die Ausstellung „Vom Überschreiten/Transitioning“ gemeinsam zu eröffnen. Kuratorisch von Susanne Greinke und Frizzi Krella geleitet, sind bis zum 19. Juni künstlerische Positionen von 23 Studierenden aus vier Ländern zu sehen.

Vorab haben die beiden Kuratorinnen die Hochschulen in Budapest, Riga und Rom und deren Ateliers besucht und aus der Begegnung mit den Studierenden Impulse für die Ausstellung mitgenommen. Dass es dabei um eine Form des Überschreitens geht, eine Bewegung in zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Dimensionen, hatte den Titel der Ausstellung und zugleich den kuratorischen Leitfaden bestimmt.

Überschreiten meint auch das Erweitern des eigenen Horizonts, das Weiterdenken. Der Begriff markiert zudem den Brückenschlag von der Vergangenheit, über das Jetzt bis in die Zukunft. Und schließlich geht es um das Überschreiten von territorialen Grenzen. „Historische Ereignisse können Begriffe umkonnotieren, ihre Bedeutung erweitern“, erklärt Susanne Greinke. „Dieser Ernst, der nun mit dem Titel zusammenhängt, spiegelt sich auch in einigen Arbeiten wider.“

Kunst als Vergangenheitsbewältigung

Zwar hat keine der künstlerischen Positionen noch auf die Ereignisse um die Invasion Russlands in der Ukraine reagieren können, es ist aber in vielen Werken der oft sehr jungen Künstler:innen aus Lettland und Ungarn spürbar, dass die Verarbeitung der familiären und gesellschaftlichen Vergangenheit zwischen kommunistischer und kapitalistischer Prägung wichtig ist.

Die ungarische Künstlerin Borbála Róza Jakab etwa hat in ihrer Arbeit „Carrier of Secrets“ Assemblagen aus familiären Fundstücken geschaffen, die nach Art historischer Wunderkammern angeordnet sind und als kurios zusammengestellte Relikte die unterschiedlichen Geschichten ihrer Großeltern zwischen Kommunismus und Antikommunismus reflektieren.

Die lettische Künstlerin Annemarija Gulbe hat die Vergangenheit ihrer Familie und ihres Landes mit Zitat- und Bildritzungen auf einer großformatigen Möbelplatteninstallation verewigt. Und als Herzstück des Oktogons durchzieht eine lange Tafel den mittleren Raum, auf dem die Künstlerin Rasa Jansone über 30 Waffeleisen der Sowjetzeit so drapiert hat, dass sie in ihrer ornamentalen Ästhetik auf den zweiten Blick ideologische Details und damit ihre Herkunft erkennbar werden lassen.

Rasa Jansone, „I shall embrace you and keep you warm“
Rasa Jansone, „I shall embrace you and keep you warm“
Künstlerische Traditionen im Vergleich

Die Zusammenführung der vier Kunsthochschulen bringt zudem das Spezifische ihrer jeweiligen künstlerischen Traditionen zum Vorschein. Die faszinierend-sphärischen (Un-)Körper der Künstlerin Veronika Frolova stehen zum Beispiel stellvertretend für die Tradition der Kohlemalerei an der Rigaer Kunstakademie. An der Kunstakademie in Rom ist unterdessen das Papier als Trägermaterial ein wichtiges Traditionsmerkmal, das hier in der Position von Marcella Giannini begutachtet werden kann. Sie hat verschiedene Färbe- und Papierschöpfverfahren erprobt und lässt Besucher:innen so an ihren Forschungen teilhaben. Der Dresdner HfBK-Absolvent Hamid Yaraghchi nimmt mit seinem großformatigen Ölgemälde „Private Collection III“ schließlich auf die Dresdner Malerei- und Kunstkammertradition Bezug.

Wenn auch nicht jede gezeigte Arbeit von herausragender künstlerischer Qualität ist, so gäbe es doch viele weitere erwähnenswerte Positionen, wie etwa die Porzellanvasen und Ornamentplatten des lettischen Künstlers Atis Šnēveli, die neben anderen auf den europäisch übergreifenden Hang zur Rückbesinnung auf alte handwerkliche Techniken und Materialien verweisen. Die frische, manchmal spielerische Hängung und Platzierung der Arbeiten durch das Kuratorinnenduo tut ihr Übriges, um das „Überschreiten“, das Weiterdenken und die Auseinandersetzung mit der Kunst spannungsreich zu gestalten.

Vasen von Atis Šnēveli
Vasen von Atis Šnēveli

„Vom Überschreiten/Transitioning“, eine Ausstellung der EU4ART-Kunsthochschulallianz im Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden, geöffnet bis 19. Juni 2022, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr; Kuratorinnenführung am 17. Juni, 17 Uhr.

Text & Fotos: Susanne Magister

Zum Titelfoto: Annemarija Gulbe, „Our lives are infinitely versatile and full of interesting affairs“

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