Sassnitz und der Liebeskummer

Ich habe einen langen Weg vor mir.

Eine halbe Ewigkeit scheint zwischen mir und meinem Ziel zu liegen.

Ich bin im Zug auf dem Weg nach Sassnitz, ein kleines Städtchen auf der Insel Rügen – mit Liebeskummer im Gepäck. Ich habe eine Stunde Aufenthalt in Rostock, einer Stadt mit Norweger-Pullovern und Glitzer-Jeans. Dort kaufe ich mir, neben den Erotik-Groschen-Romanen liegend, die tagesaktuelle Ausgabe der Süddeutschen Zeitung inklusive des zugehörigen Magazins: Ein Heft über die Liebe. Während sich der Zug Richtung Sassnitz langsam in Bewegung setzt, blättere ich das Magazin durch, in denen Autor*innen ihre Lieblingsliebeszitate beschreiben und ihre Auswahl begründen.

Die Definition von Liebeskummer

Liebeskummer hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Das Absurde sei, dass man diesem Datum entgegenfiebere, ohne zu wissen, wann es soweit sein wird. Und ist es soweit, so würde man das Fiebern schon längst vergessen haben. Manchmal sei man so voller Wut, dass man den Menschen, dessen Duft man so vermisst, anschreien möchte. Und irgendwann liegt man neben einem anderen Duft und hat das Vermissen vergessen. Durch die Liebe sähe man das Gegenüber als einzigartig an, und Liebe betone die eigene Unverwechselbarkeit; durch Liebe wird das Subjekt erst individuell. Und vergehe diese, so würde einem auch die Einzigartigkeit genommen, so heißt es in der Zeitschrift.

Wenn Liebe also dem Individuum Einzigartigkeit gibt, so kommt mit dem Liebeskummer, dem Loslassen der Liebe, auch das Infragestellen der Einzigartigkeit. Indem ich dich loslasse, lasse ich auch die Idee von einem einzigartigen Selbst los.

Die fragile Einzigartigkeit

Mit der Frage nach der Einzigartigkeit kommt der Wunsch, genau das zu sein. Ich werde mir erneut bewusst, dass das nicht nur in der Liebe gilt, sondern insgesamt im Leben. Ich möchte die Person sein, die erfolgreich ist. Ich möchte die sein, die heraussticht. Ich möchte die sein, die sowohl Wissenschaftlerin als auch Autorin ist. Ich will die sein, die in diesem Magazin zitiert wird. Ich will die in der Fotostrecke mit dem Haus am Meer sein, wobei das Interieur im Fokus steht. Ich will einfach den Beweis haben, dass ich einzigartig bin, ich nicht in der Masse untergehe, ich nicht dem Durchschnitt angehöre. Letztlich beläuft es sich darauf: Ich will gesehen und erkannt werden, in meinen negativen wie auch positiven Facetten.

Ich glaube, der Mensch fühlt sich nicht wohl in dem Bewusstsein, dass die Einzigartigkeit erst durch ein Zusammenspiel mit anderen erkennbar wird. Auf die glückseligen Momente, den geschenkten Begegnungen mit Menschen, die einem spiegeln, wer man in allen seinen Facetten ist, hat man keinen Einfluss. Es scheint der Einzigartigkeit zu widersprechen, auf diese Momente angewiesen zu sein und nicht alles allein unter Kontrolle zu haben. Lieber wollen wir uns verantwortlich machen und uns an allem die Schuld geben, sollte man doch zu lange traurig sein, zu lange warten, zu lange fast untergehen. Oder wir geben nur den anderen die Verantwortung für unser Glück. Werden zum lebenden Opfer, prangern an: Hätte, fast, wäre, wenn der oder die andere so und so.

Ich denke, die Wahrheit ist so unbequem wie der Liebeskummer selbst: Es ist eine Mischung. Wir müssen uns damit abfinden, immer etwas aufgeschmissen und alleine zu sein. Und gleichzeitig müssen wir wohl akzeptieren, dass wir angewiesen und abhängig von anderen sind. Trotz- und aufgrund dessen sollten wir uns bemühen zu erkennen, ob allein oder mit anderen, dass wir so oder so einzigartig sind.

Liebe mit Lupenfunktion

Mit dem Liebeskummer kommt also das Infragestellen der Einzigartigkeit, der Bedeutsamkeit und des Wertes eines Menschen. Und mit diesen kommt der Wunsch danach, das Individuelle, den Schmerz, ganz subjektiv und situativ erlebt, in Worte zu fassen. Dem Gefühl eine Hülle, ein Gefäß zu geben, sodass es greifbar wird. Um es verständlich zu machen, für sich zu begreifen. Es ist kein Wunder, dass es wieder und immer noch und schon damals und heute Schriften, Songs, Bücher, Theaterstücke und Geschichten über Liebe gibt. Denn die Individualität der Liebe kann nicht verallgemeinert werden. Der Mensch bemüht sich immer und immer wieder, Worte für die Liebe zu finden. Doch im Endeffekt sind es immer wieder Worte über das Individuum, die individuelle Geschichte des Menschen. Und genau das bezeugt, dass nicht die Liebe individuell macht, sondern diese lediglich ein Beweis für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen ist.

Nicht weil wir lieben, schreiben wir einer Person eine Einzigartigkeit zu. Die Liebe ermöglicht es uns, die schon immer dagewesene und immer bestehende Einzigartigkeit eines Menschen zu sehen. Sie ist wie eine Lupe, die das Bestehende aufzeigt. Wenn die Liebe vergeht, verschließt sich dieser Blick. Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen bleibt dennoch. Ich denke, sich selbst zu erkennen und von anderen erkannt zu werden, schenkt uns das Bewusstsein für unsere Einzigartigkeit.

Während ich meinen Gedanken nachhänge, fährt der Zug gemächlich weiter Richtung Sassnitz. Wir sind kurz vor Stralsund, als die Frau, die neben mir sitzt, ihrem Liebsten auf die Mailbox spricht. Nachrichten auf der Mailbox sind wohl die Oldschool-Sprachnachrichten. „Ich bin gleich da, du kannst dich auf den Weg machen, aber ganz langsam. Danke!“ Er ruft zurück und sagt: „Ich mache mich jetzt auf den Weg.“ Und sie: „Ja, aber ganz langsam! Danke, Schatzi!“

Die Ruhe, die Selbstverständlichkeit, das Ritual, die Dankbarkeit. Sehen und gesehen werden.

Ich glaube, das werde ich mit am meisten vermissen: das Abholen vom Bahnhof. Das Nach-mir Ausschau-Halten der anderen Person, auf dem Bahnsteig, kurz nachdem man ausgestiegen ist.

Was vermisst man eigentlich? Die Liebe oder die greifbare Bestätigung der Einzigartigkeit?

Irgendwo hinter den Windmühlen und Wäldern liegt das Meer.

Ich bin schon fast da, ganz bald.

Text: Anika Radewald

Foto: Amac Garbe

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