Rote Rosen brauch’ ich nicht

Es war ein lauer Sommerabend. Wir sahen uns bereits zum vierten Mal und langsam zeichnete sich ab, dass aus einem Chat über die Kästchengröße auf Schachbrettern ein Akt der Vereinigung auf geistiger und körperlicher Ebene werden könnte. Der Mensch hatte mich zum Essen in ein schickes Restaurant eingeladen, dessen schummrige Beleuchtung meine Nervosität verstärkte, weil ich ständig Angst hatte, ich würde irgendwo gegenlaufen. Das Essen war gut gewählt, der Alkoholpegel niedrig und das Gespräch unseren Gemütszuständen entsprechend angenehm – er war freudig erregt, ich furchtbar aufgeregt. Wir plauderten über gemeinsame Bekannte, das Wetter und sein Studium des Maschinenbaus.

Irgendwann, auf dem lauschigen Weg ins triste Wohnheim, da sah er mich an und fragte: „Du bist aber ziemlich unromantisch, oder?“ Mein jugendliches Ich, das gerade vier Schritte auf dem Weg zu seiner ersten Beziehung gemacht hatte, bekam einen Kratzer. Warum war ich nicht romantisch genug? Ich hatte genügend Liebesfilme gesehen, um zu wissen, dass ein Mann es erst wert ist, zum Partner genommen zu werden, wenn er penetrant um die Frau gekämpft hat. Und dass die Frau es wiederum erst wert ist, zur Partnerin genommen zu werden, wenn sie mindestens ein Trauma des Mannes nur durch ihre Anwesenheit geheilt hat. Ich stand nicht auf Brad Pitt, aber auf Happy Ends. Was also war nicht richtig mit mir?

Hätte ich meinem jugendlichen Ich zur Seite gestanden, dann hätte ich ihn zuerst gefragt, wie er Romantik definiert, und welche dieser Kriterien nicht auf mich zugetroffen wären. Dann hätte ich ihm erklärt, dass ich den ganzen Abend damit beschäftigt war, mich irgendwie zurechtzufinden. Das Essen zu genießen, während mir schlecht war, weil ich nicht wusste, was gleich passiert. Mich zu fragen, ob ich die Vorstöße seiner Hand erwidern sollte und ob ich sie erwidern wollte. Ob ich ihm sagen sollte, dass die hellblonde Strähne in seinem Haar so schön aussah, dass sie mich ablenkte, was ich aber nicht zugeben wollte. Und wer das Essen bezahlt. Was er sich von dem Abend versprach. Was ich ablehnen konnte. Und ob unser Weg auch weitergehen würde, wenn ich feststellte, dass ich nach 1,5 Monaten noch nicht bereit war, eine Beziehung einzugehen.

Zuletzt hätte ich ihn gefragt, was „Romantik“ mit der Beziehung zwischen uns beiden zu tun hat. Ob es ein Ausschlusskriterium ist, wenn ich mich nicht über Blumen freue, weil Blumen für mich hübsch sind, aber ich die Bedeutung der Geste nicht erkennen kann. Könnte das später zum Problem werden, wenn wir uns streiten und versöhnen, weil er mich nicht mit roten Rosen besänftigen könnte? Und wie sollten wir den Valentinstag gestalten, wenn Schokolade zu süß ist, Blumen zu vergänglich sind und ich mich bei Liebesbriefen frage, ob RAL 5004 Schwarzblau auf einem zartrosa Briefpapier ein Versehen oder ein Hinweis auf einen mangelnden Sinn für Ästhetik war, der sich später in einer unharmonischen Wohnungseinrichtung spiegeln könnte. Könnte ich auf unserer weit entfernten Hochzeit überhaupt weinen oder würde ich auf die Frage aller Fragen antworten „Yo, machen wir!“ und mich mit dem Tiramisu vergnügen?

Das erfahrene Ich von heute hätte gemutmaßt, dass „unromantisch“ nur eine Feststellung war. Eine Einladung zum Gespräch. Oder ein Ausdruck seiner Unzufriedenheit – vielleicht wäre er wirklich gern weitergekommen. Vielleicht war er bei anderen Frauen schon weitergekommen. Vielleicht hatten sich nach dem ersten Eindruck viele Erwartungen aufgebaut, die nach einem Abendessen zu Staub zerfielen. Viele Dinge, die nichts mit mir zu tun haben müssen.

Aber mein kleines Herz war völlig überfordert mit all den Emotionen, die die erste Liebe mit sich bringt. Und so verursachte dieser Satz einen Riss, dessen Spuren man heute noch erkennen kann, wenn man ganz genau hinguckt. Die Frage, ob ich gut genug bin. Ob ich wertvoll genug bin, damit jemand eine Beziehung mit mir eingeht. Ob ich fähig bin, ein Teil einer Beziehung zu sein, oder ob ich so pragmatisch bin, dass ich verschwinde, wenn die Nach- die Vorteile überwiegen. Der Wunsch, alles berechnen zu können. Die Anzahl der Dates, die Zeitspanne zwischen den Anrufen. Der richtige Abstand zwischen Blick, Kuss, Sex und Händchenhalten. Wann man die Freunde des anderen kennenlernt und wie rot der Lippenstift sein sollte, damit man die Eltern überzeugt. Eine Formel für die Unendlichkeit des Glücks.

Mittlerweile habe ich einige Beziehungen geführt, auf freundschaftlicher und partnerschaftlicher Ebene. Nicht immer gingen sie tränenfrei aus. Und ich war auch nicht immer ein guter Partner – weil ich Probleme verursacht oder sie zu spät angesprochen habe. Weil ich manchmal Angst hatte zu sagen, was ich fühlte. Oder das Wohl meines Partners nicht anerkennen wollte. Aber ich habe etwas dazugelernt. Ich weiß, dass ich mit meinen Charaktereigenschaften eine erfüllende Beziehung führen kann, in der man Krisen gemeinsam bewältigt. Ich habe aber auch gelernt, dass ich eine Verbindung ändern kann, wenn sie mich belastet. Dass meine Bedürfnisse einen Wert haben. Ich sollte gut sein, aber nicht perfekt.

Und „romantisch“ bin ich tatsächlich – auf meine Weise. Die erste Rose, die mir ein Mann geschenkt hat, habe ich so lange an meine Tasche geheftet, bis sie verblüht ist. Und das schönste, intimste und berührendste, was mir mein Partner gesagt hat, war: „Ich lese deine Texte echt gern.“ Die Wertschätzung für das, was mir (fast) alles bedeutet, das ist Romantik.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

2 Gedanken zu “Rote Rosen brauch’ ich nicht

  1. Hallo Vivian, es ist angenehm zu lesen, wie wahrscheinlich all deine Gedanken, deine Erlebnisse zu diesem Thema sind. Du öffnest dich und machst vielleicht Anderen damit Mut über diesen Sachverhalt nachzudenken oder sogar mit Freunden darüber zu reden.
    Schreibe weiter so interessant!

    1. Danke! Anderen Mut zu machen und den Lesern zu zeigen, dass es erstmal in Ordnung ist, Gefühle zu erleben, das ist mein Ziel.

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