Alles Klasse an der Uni?

Traut Ihr Euch, einfach so eine E-Mail an Eure Professorin zu schreiben, auch wenn Ihr sie gar nicht persönlich kennt? Und woher wisst Ihr, wie man Anschreiben formuliert, wenn Ihr Euch auf ein Praktikum bewerbt?

Klar, manches hat man mal in irgendeinem Training gelernt, das darauf vorbereiten soll, die eigene Arbeitskraft im Kapitalismus ausbeuten zu lassen. Dennoch gibt es Menschen, denen solche Dinge leichter von der Hand gehen. Und andere, für die es sehr viel schwieriger ist, z. B. die richtigen Formulierungen zu finden. Ein entscheidendes Merkmal für diese Leichtigkeit kann die soziale Herkunft sein. Denn wenn früher zuhause am Wochenende die mit den Eltern befreundeten Professor*innen zum Rotweinsaufen vorbeigekommen sind, weiß man, dass das genauso mehr oder weniger schlaue Menschen sind wie alle anderen auch. Man lernt die Codes (Begriffe und Verhaltensweisen, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe zeigen) dieser sozialen Gruppe und hat dann weniger Hemmungen, Menschen aus dieser Gruppe in der Uni gegenüberzutreten.

Klassismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse, meistens der Klasse der Arbeiter*innen oder der ärmeren Klasse. Wie immer gilt, dass diese Diskriminierung viele bewusste und unbewusste Formen hat und dass mehrere Diskriminierungsformen miteinander verschränkt wirken können (Stichwort: Intersektionalität).

Das Thema Klassismus hat in letzter Zeit wachsende Aufmerksamkeit erfahren, so sind in diesem Jahr drei Bände zu dem Thema erschienen: Das Buch „Klassismus und Wissenschaft“ ist kürzlich im Verlag der demokratischen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erschienen. Der Band „Solidarisch gegen Klassismus“ beleuchtet Klassismus sowohl theoretisch als auch aus persönlicher Perspektive. Das Buch „Klassenreise“ porträtiert elf „Klassenreisende“. Außerdem gibt es eine Studie der Uni Bielefeld, die verschiedene Diskriminierungserfahrungen an der Uni untersucht. Dort wird auch auf Klassismus eingegangen. Auf Twitter berichten unter anderem Miriam Davoudvandi und Melisa Erkurt von ihren Erfahrungen. Letztere hat auch eine Kolumne zum Thema veröffentlicht.

Wie alle Bereiche der Gesellschaft ist auch die Uni und das Leben von Studis nicht frei von diesen Diskriminierungsformen. Deswegen soll hier darauf eingegangen werden, wie sich Klassismus auf ihr Leben auswirkt und wie man sich verhalten kann, um dem entgegenzuwirken. Auch wenn der Autor dieser Kolumne selbst aus einer eher akademischen Familie kommt und somit nicht unbedingt aus eigener Erfahrung spricht.

Ohne Moos nichts los?

Es herrscht Kapitalismus, deswegen geht es immer erst mal ums Geld. Zwar muss man in Deutschland aktuell keine Studiengebühren zahlen, aber für umme gibt es das Studium nicht. Mal davon abgesehen, wie wichtig Klassenzugehörigkeit schon allein für das Erreichen des Abiturs ist, stellen wir uns nun eine Abiturientin vor, die ihre Wahl der Uni plant! Geht sie nach München, wo das WG-Zimmer locker 600 Euro kostet, oder lieber nach Dresden, wo es vielleicht mit 300 Euro schon was wird? Gut, sie hat sich zähneknirschend für die günstigere Stadt entschieden, auch wenn sie dann sechs Stunden entfernt von ihren Eltern wohnt, wenn sie mit dem ICE fährt. Aber der ICE ist teuer. Sie nimmt lieber den Regio, auch wenn das neun Stunden dauert. Dann sieht sie ihre Eltern halt nur dreimal im Jahr.

Um den ganzen Frust mal zu vergessen, geht sie abends aus. Alle ihre Freund*innen holen sich einen Burger. Aber sie kommt später, denn sie isst zuhause. Das ist billiger. Nach nur zwei Spezi am Späti geht sie wieder nach Hause, denn sie muss morgen früh in die Uni. Sie musste alle ihre Kurse auf den Vormittag legen, damit sie nachmittags arbeiten kann. BAföG reicht halt einfach nicht aus. Außerdem will das Amt, dass sie das zwanzigste Dokument nachreicht, bevor es auch nur einen Cent zahlt. Am Abend wollte sie eigentlich zu einem Vortrag von WHAT gehen, aber dafür ist sie jetzt echt zu fertig und fällt einfach in ihr Bett.

Klingt nach einem ziemlich stressigen Leben? Ist es auch. Es passiert vor allem unsichtbar. Armut ist im Kapitalismus mit Scham behaftet. Immerhin geht es darum, möglichst reich zu werden. Deswegen fällt es vielen Menschen schwer zuzugeben, dass sie aufgrund ihrer finanziellen Situation von Dingen ausgeschlossen werden. Außerdem hat der zusätzliche Aufwand auch indirekte Folgen. Wer neben dem Studium arbeiten muss, hat logischerweise weniger Zeit, sich weiterzubilden oder zu engagieren. Alles ziemlich unschön und dass ständige finanzielle Sorgen psychisch und physisch krank machen, ist bekannt.

Also was dagegen tun? Kapitalismus abschaffen ist immer eine gute Antwort, aber vielleicht eher langfristig als Option zu sehen. Wesentlich kurzfristiger wäre es machbar, mehr BAföG für mehr (oder sogar alle) Studis bereitzustellen. Das wurde aber beim letzten Reförmchen vergessen. Natürlich spielen günstiger Wohnraum etc. auch mit rein. Im Alltag kann man Räume nutzen oder sogar schaffen, die frei vom Konsumzwang und für alle Menschen unabhängig von der sozialen Herkunft zugänglich sind. Ganz einfaches Beispiel: In der Mensa kann nur essen, wer dort etwas kauft. Aber warum gibt es keine Mikrowellen dort? So hätten Menschen, die sich das Essen in der Mensa nicht leisten können oder keinen Bock haben, das Schnitzel für 2,99 Euro querzufinanzieren, die Möglichkeit, am „Mensa-Lifestyle“ teilzunehmen.

Nur wer den Code kennt, darf mitmachen

Während die monetären Aspekte vielleicht relativ leicht zu sehen und nachvollziehbar sind, hat Klassismus noch andere Dimensionen. Eine davon ist die Sprache, die man benutzt, zum Beispiel indem man von „monetären Aspekten“ anstelle von „der Sache mit dem Geld“ spricht. Das soziale Umfeld, in dem man aufwächst, prägt die Sprache. Und wenn diese Sprache nicht dieselbe ist, die an der Uni gesprochen wird, stellt dies ein Problem dar. Diskriminierung geschieht hier auf verschiedenen Ebenen.

Da ist zum einen der alte Vorwurf, dass wissenschaftliche Texte, bewusst oder unbewusst, so komplex und umständlich geschrieben sind, dass sie für Nicht-Akademiker*innen oder Studis kaum zu verstehen sind. Zum anderen gibt es die direkte Interaktion mit den Mitarbeiter*innen und Professor*innen. Man stelle sich wieder die Studentin vor, die nach der Vorlesung eine Frage stellen will, weil sie etwas nicht verstanden hat. Ist ihre erste Reaktion darauf, sich selber zu hinterfragen oder sich für „zu dumm“ zu halten? Kann sie nach der Vorlesung einfach zur Professorin gehen und sie anquatschen? Und wenn ja, was sagt sie dann? Tja, zu spät. Dummerweise hat der Typ neben ihr sich eiskalt an ihr vorbeigedrängt, seine Frage gestellt, ohne mit der Wimper zu zucken, und jetzt muss die Professorin los.

Erfahrungen wie diese sind im Einzelnen nicht immer direkt auf Klassismus zurückzuführen. Einerseits treten verschiedene Formen von Stereotypisierung und Diskriminierung oft auf ähnliche Art und Weise in Erscheinung und verstärken sich gegenseitig. Andererseits ist eine scharfe Trennung von Benachteiligung auf Grund eines Persönlichkeitsmerkmals, wie zum Beispiel Schüchternheit, und erlernten Verhaltensweisen auf Grund von struktureller Benachteiligung kaum möglich und vermutlich auch nicht sinnvoll. Denn es ist gerade das Wesen der Diskriminierung, dass sie im Nicht-Sichtbaren wirkt, sich aus vielen kleinen Situationen zusammensetzt und schleichend unser Verhalten verändert.

Alles doof an der Uni?

An der Uni ist also nicht alles tipptopp, aber das ist jetzt nicht die riesige Erkenntnis. Dennoch halten Universitäten viele Chancen bereit. Immer mehr Kinder aus Arbeiter*innen-Familien trotzen dem klassistischen Bildungssystem und studieren. Somit wird die Gruppe der Studierenden immer diverser und der Hörsaal oder das Seminar werden zu Orten, an denen Klassen aufeinandertreffen und die Abschottung der „oberen“ sozialen Klassen aufgebrochen wird.

Außerdem ist die Uni ein Ort, an dem sich Menschen ihr Bild von der Welt machen und wenn dort diversere Perspektiven vorkommen, ist das sicherlich nicht von Nachteil. Und nicht zuletzt ist es die Wissenschaft, die sich mit dem Phänomen Klassismus auseinandersetzen kann. Sie kann seine Wirkmechanismen untersuchen und Betroffenen Raum geben, gehört zu werden.

Auf individueller Ebene gibt es bereits Möglichkeiten, an der Uni Unterstützung zu bekommen. In Dresden gibt es zum einen die Hochschulgruppe Arbeiterkind, die für Menschen da sein will, die als erstes in der Familie studieren. Zum anderen bietet der Studierendenrat Beratung an, z. B. zum Thema BAföG, aber auch zu vielen anderen Themen rund ums Studium, die insbesondere für von Klassismus Betroffene wichtig sein können.

An anderen Universitäten haben die StuRä und AStAs teilweise eigene Referate zu dem Thema, z. B. in Münster oder ganz neu an der LMU in München.

Wird also alles gut, wenn wir einfach ein bisschen mehr aufeinander hören und die Probleme von anderen Menschen wahrnehmen? Natürlich nicht. Aber wenn wir ein breites Bündnis für das schöne Leben für alle und gegen jede Form von Diskrimierung aufbauen wollen, müssen wir auch alle Formen von Diskriminierung wahrnehmen und bekämpfen.

Text: WHAT

Foto: Amac Garbe

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