Herzschmerz und andere Mode-Fauxpas

Nichts essen können, nächtelang wach sein, alles erscheint wie durch einen InstagramFilter, bei dem überall Herzchen aus dem Nichts auftauchen. Alles dreht sich nur um den neuen Lieblingsmenschen und man weiß nicht, ob man jemals ohne diese Person glücklich sein könnte. Und plötzlich sind selbst Sonnenblumen, die unerbittlichen Optimisten unter den Blumen, der Stimmung zuträglich. Wovon die Rede ist? Wir kennen es alle: Verliebtsein. Das schöne, aufwirbelnde, allumfassende Gefühl, welches einen unvorbereitet und gänzlich aus dem Nichts trifft.

Man dachte, dass einem kitschiges Verhalten nie passieren würde und ertappt sich plötzlich, wie man „Walking on Sunshine“ von KATRINA AND THE WAVES summt, während man Gänseblümchen pflückt und auf eine Nachricht der geliebten Person wartet. Man spricht plötzlich die Sprache der Liebe und somit ergeben sogar die unrealistischsten Lovesongs einen Sinn.  Man fragt sich, woher die Musiker*innen wussten, dass man sich genauso fühlt, wie es in den Songs beschrieben wird.

Ich kenne das Gefühl von meiner großen Liebe: der Secondhandmode. Vor allem, wenn ich in den Laden gehe, wo die Klassiker des letzten Jahrhunderts durch die Lautsprecher erklingen, ein altbekannter Geruch der Kleidungsstücke mir verheißungsvoll und betörend entgegenschlägt und jeder paillettenbesetzte Oma-Pullover mir meinen lang erträumten Coolness-Faktor verspricht. Nach der Anprobe und einem strahlenden Lächeln für die Verkäuferin, als sie mir den zu bezahlenden Betrag nennt, gehe ich voller Schwung und guter Laune hinaus auf die Straße. Alles ist gut, jedes Outfitproblem scheint gelöst zu sein. Die kommenden Wochen bekomme ich aber Sprüche von meinen Freund*innen über mein immergleiches Outfit zu hören: Ob ich denn keinen anderen Pullover hätte? Denn: Es zeichnen sich kleine Macken ab: hier ein loser Faden, da ein Loch am Ärmel. Die meisten Pailletten fehlen schon, aber die Liebe und die Begeisterung für mein neues Herzstück scheinen endlos. In allen Alltagssituationen scheint mein liebster Pailletten-Pullover mit Leoparden-Muster der perfekte Begleiter zu sein.

Doch irgendwas verändert sich. Nicht plötzlich, aber schleichend. Ist es die fehlende 80er-Jahre-Musik im Hintergrund oder der auf einmal muffige Geruch, den ich beim Tragen des Herzstücks wahrnehme? Die Pailletten scheinen doch etwas too much zu sein, und das Muster des Pullovers verträgt sich nicht mit allen anderen Kleidungsstücken. So sehr ich es auch versuche, der Coolnessfaktor wird lauwarm, die Begeisterung lässt nach. Hat sich mein Geschmack verändert? Oder sah der Pullover wirklich schon immer so aus?

Auch in der Liebe kann die große Leidenschaft plötzlich versiegen. Sie geht verloren, wird schwächer. Es gibt viele und keine Gründe, warum eine Beziehung endet. Die eigenen Emotionen ändern sich, man wird ein bisschen erwachsener, ein anderer Mensch scheint viel anziehender als der jetzige zu sein. Oder man verliert die Liebe beim Umzug in eine neue Stadt.

Ob man schon bereit ist loszulassen oder nicht, der Verlust schmerzt. Alte Fotos erinnern einen an die verlorene Liebe, eine kleine melancholische Sehnsucht macht sich breit. Sieht man den einstigen Lieblingsmenschen mit einer anderen Person, gesteht man sich ein, dass er oder sie jetzt vielleicht viel glücklicher ist.

Denselben Pullover oder Menschen wird man wohl nie wiederfinden, er war schließlich ein Einzelstück. Ob dieser nun einer anderen Person viel besser steht, man ein neues Herzstück findet oder nicht, ist ungewiss. Aber das Schöne an Secondhandläden ist ja, dass man zwar nicht immer das findet, was man sucht, aber immer aufs Neue überrascht wird. Ob mit Pailletten oder ohne.

Text: Anika Radewald

Foto: Amac Garbe

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