Das große Fest der kurzen Filme

Das Filmfest in Dresden ist vorüber und damit, so könnte man spitzfindig argumentieren, eines der wenigen Festivals in diesem Jahr. Doch mit einem lauten Musikspektakel, an das viele beim Stichwort Festival wahrscheinlich denken, hat das Kurzfilmfest wenig zu tun.

Es lässt sich eher als Kinomarathon beschreiben, bei dem hunderte Kurzfilme gezeigt werden und es am Ende Preise oder, besser gesagt, Goldene Reiter regnet. Das Filmfest verlieh in diesem Jahr neun Goldene Reiter und fünf Sonderpreise im Wert von insgesamt etwa 68.000 Euro.

Seit 1989 gibt es das Filmfest Dresden schon. Aufgrund der Pandemie war es dieses Jahr allerdings ein besonderes. Nicht nur musste das eigentlich für April geplante Kurzfilmfestival in den September verschoben werden. Auch in den Kinos konnten wegen der anhaltenden Beschränkungen weniger Plätze besetzt werden als sonst. Dafür gab es erstmals große Teile des Fachprogramms sowie die Preisverleihung auch online zu sehen.

Die feierliche Eröffnung

Kurz nach halb acht wird es am 8. September still im Kinosaal der Schauburg. Über die Leinwand flimmert nach dem Trailer des Festivals der erste Kurzfilm. Die Kamera fährt auf einer mehrspurigen Autobahn rückwärts. Jenseits der Autobahn ziehen in schneller Abfolge realdystopische Symbole vorbei. Bankennamen thronen bedrohlich über der Silhouette dunkler Hochhäuser. Überdimensionierte Symbole der großen Weltreligionen sind in Schatten gehüllt. Donald Trump hält eine Rede vor dem Weißen Haus. Und etliches mehr. Den Schlussappell des französischen Kurzfilms „My Generation“ von Ludovic Houplain könnte man zusammenfassen mit: Die Menschen müssen mehr Toleranz lernen, um gemeinsam und in Frieden leben zu können. Sollte ihnen das nicht gelingen, werden sie irgendwann gemeinsam untergehen.

Erst als der Film verstummt, kommen die diesjährige Moderatorin Jenni Zylka sowie der/die erste Gebärdendolmetscher*in auf die Bühne. Mit viel Humor und gelegentlich eingestreutem Wortwitz führt Zylka die Zusehenden in der nächsten Stunde durch das Programm. Das Filmfest verleiht direkt zu Beginn einen Bastelaward, der für die kreativste, während des Shutdowns selbst entworfene Preisstatue vergeben wurde. Um teilzunehmen, musste ein Bild der selbst gebastelten Statue zwischen dem 21. und 26. April per Mail eingereicht oder unter den Hashtags #FFDDathome und #sofascreening auf Social Media gepostet werden.

Immer wieder lockert der eine oder andere Kurzfilm in der Folge den Ablauf auf. Darunter zum Beispiel „Brave Little Army“ von Michelle D’Alessandro Hatt, der sich unter anderem mit Mädchenfreundschaften und dem Anderssein in der Schulzeit sowie dessen Hintergründen auseinandersetzt. Auch der Musikfilm „Zombies“ des Künstlers Baloji wird gezeigt. Mit futuristischen Kostümen, mehreren Songs, die die Handlung vorantreiben, und verschiedenen Tänzen greift er unter anderem Smartphone-Abhängigkeit als Thema auf.  Als besonders schön fällt während des ganzen Programms dessen Barrierefreiheit auf, denn neben den eingangs genannten Gebärdendolmetscher*innen gibt es für sehgeschädigte Menschen auch eine zusätzliche Audiobeschreibung zu den Filmen. Eine wichtige Art der Inklusion, die nach wie vor zu selten bei den meisten Veranstaltungen ist. Gegen 21 Uhr endet das Programm im großen Kinosaal schließlich. Das 32. Filmfest in Dresden ist eröffnet.

Das Festival auf dem Neumarkt

Bis Sonntagabend liefen nun fast ununterbrochen Kurzfilme in den verschiedenen Spielstätten. In der Schauburg zum Beispiel wurden die meisten der Wettbewerbsfilme und große Teile des Sonderprogramms vorgeführt. Auch Teile des Fachprogramms liefen in dem Neustädter Filmtheater. Im Thalia-Kino und dem Programmkino Ost hingegen wurden viele der restlichen Sondervorstellungen und ein Großteil des Kinderprogramms gezeigt. Den Open-Air-Spielort vor der Frauenkirche dürften einige in der Filmfestwoche selbst gesehen haben. Von Dienstag, den 8. September, bis Sonntag, den 13. September, flimmerte dort eine bunte Mischung an Kurzfilmen über die Leinwand, viele kinder- und familientauglich. Die Geschichte über „Herr Böseguck“ von Agnieszka Jurek zum Beispiel handelt von einer Person, die in ihrer Grimmigkeit immer nur auf den Boden sieht und dadurch schlussendlich gegen eine Wand läuft und sich eine große Beule einfängt.

Die Filme selbst konnten sich Interessierte entspannt von einem der Sonnenstühle aus ansehen, die rund um die Leinwand und knapp vor den Getränkeständen aufgestellt waren. Beim genauerem Umsehen fiel auf: Einige der Stühle waren belegt, aber überfüllt war der Sitzbereich nicht – eine angenehme Atmosphäre, fast ohne störende Hintergrundgeräusche. Besonders schön daran: Das Programm auf dem Neumarkt war kostenlos. Die zum Teil fast eine Viertelstunde andauernden Werbepausen konnten allerdings trotzdem für ein wenig Ernüchterung sorgen.

Das Fachprogramm – zwischen Austausch und Unterhaltung

Jenseits der Filmspielorte beschäftigte sich aber auch das Fachprogramm mit sehr diversen Schwerpunkten. Diese umfassten zum Beispiel Fachgespräche über die Wettbewerbe, eine gemeinsame Fahrradtour oder eine Diskussionsrunde über das Thema Gender. Viele dieser Veranstaltungen fanden in der Phase IV auf der Königsbrücker Straße oder in der Schauburg statt. Es bestand auch die Möglichkeit, einige davon von zu Hause aus über einen Livestream anzusehen, oder diese über den YouTube-Kanal des Filmfests im Nachhinein abzurufen. Die Teilnahme an einigen Programmpunkten war jedoch akkreditierten Gäste vorbehalten oder erst nach einer Voranmeldung möglich.

Der Wettbewerb der kurzen Filme

Das Herzstück des Filmfestes bestand aber ganz klar aus dem Internationalen und dem Nationalen Wettbewerb. Häufig war das Gezeigte aufwühlend, entlarvend oder gnadenlos ehrlich in der Darstellung. Schlussendlich hatte jeder Abschnitt dieser Wettbewerbsvorführungen wohl seine eigenen Höhepunkte. Besonders spannend waren Filme, die mit unerwarteten Elementen spielten.

So beispielsweise „Uzi“ von Diana Velikovskaya. Eine junge Frau zieht von zu Hause aus. Sie umarmt ihre Eltern zum Abschied. Setzt sich noch einmal auf die Schaukel vor dem Haus. Dann steigt sie in ein Taxi, merkt jedoch nicht, dass sich ein Faden ihres Hemdes an der Schaukel verfangen hat. Zwischen ihr und der Schaukel entsteht ein festes Band und als sich das Taxi bewegt, zieht sie dieses Band hinter sich her. Die Schaukel dröselt sich innerhalb kurzer Zeit vollständig auf und der Faden beginnt, die Konturen des nahen Baumes auseinanderzuziehen. Je weiter sie sich von ihrem Elternhaus entfernt, desto mehr Umrisse des elterlichen Grundstücks lösen sich auf, bis die Zerfallserscheinungen schließlich auch ihre Eltern erreichen. Diana Velikovskaya nutzte dieses Stilmittel möglicherweise, um das „Zerreißen“ oder „Zerfallen“ des engen Bandes zwischen Eltern und ihrem erwachsenen Kind bei dessen Auszug möglichst unverblümt darzustellen. Schließlich heißt „Uzi“ ins Englische übersetzt „Ties“.

Unerwartet kann jedoch auch die Figurenkonstellation sein. „Der Ruf“ von Karl-Friedrich König bedient sich des Gegensatzes zwischen einem extrovertierten jugendlichen Prediger einer christlich-religiösen Gruppe und einem Ex-Häftling, der seine Taten bereut und „Buße“ tun möchte. Das Problem ist allerdings, dass Letzterer alles andere als wortgewandt oder empathisch ist und den Ansprüchen seines jungen Mentors nicht gerecht werden kann.

Verstörendes künstlerisch umgesetzt

Zu verstören kann schlussendlich in einem Film sehr wichtig, aber auch spannend sein – gerade, wenn das Ziel Kritik oder Aufklärung ist:

Ein Mann läuft durch die Straßen seiner Heimatstadt und sieht in die Gesichter der anderen Passant*innen. Die meisten davon sind ihm bekannt. Doch empfindet er die Menschen dahinter als kalt und fremd. Er kommt nach Hause. Bricht auf seinem Sofa zusammen. Er sieht gedankenverloren seinen Hund an. Nach einiger Zeit ist das Geräusch von Explosionen zu hören, die Wände erzittern. So beginnt der Kurzfilm „Have a nice dog!“ von Jalal Maghout. Der Regisseur bedient sich dabei eines sehr düsteren Zeichenstils, der mit vielen Schatten und verzerrten Proportionen spielt. Der Mann scheint eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten zu haben und mit seinem Hund mitten in einem Kriegsgebiet gefangen zu sein. Dabei fällt er nach und nach dem Wahnsinn des Krieges zum Opfer.

Wegen der bunten Mischung der Einreichungen bargen die Wettbewerbe ebenso die Gefahr, auf einen Film zu stoßen, der jemandem persönlich wegen seiner Machart, der Vertonung oder anderen eher subjektiven Aspekten weniger gefällt. Einige Stilmittel wie die häufige Wiederholung der immergleichen Worte oder eine umfangreiche Nutzung schriller Geräusche sind dabei gewöhnungsbedürftiger als andere. Gina Kamentskys Film „Trauma Chameleon“ spielt beispielsweise mit diesen Elementen. Umso wichtiger waren die Zusammensetzung der einzelnen Wettbewerbe und die Arbeit der verschiedenen Jurys für die Preisverleihung.

Musik, Jurys und Videobotschaften – die Preisverleihung

Am 12. September war es endlich soweit. Die Verleihung der Goldenen Reiter stand an. Kurz nach 20 Uhr verdunkelte sich der Kinosaal, der bereits aus der Eröffnung bekannte Trailer des Festivals flimmerte über die Leinwand. Der Raum hellte sich danach ein wenig auf und Scheinwerfer strahlten die Bühne orange an. Ein Sänger setzte ein und wurde dabei von einem E-Piano begleitet. In dem Song, den die Band GÖTTERSCHEIßE spielte, fiel immer wieder der Satz: „Ihr Hass kann uns nicht lähmen und ihre Angst kann uns nicht zähmen“, der sich auf die zurzeit häufig demonstrierenden Verschwörungstheoretiker*innen und Rechtspopulist*innen beziehen könnte.

Dann trat Moderatorin Jenni Zylka wieder gemeinsam mit einem/r Gebärdendolmetscher*in auf die Bühne und eröffnete offiziell die Preisverleihung. Nacheinander wurden die Jurys aufgerufen, ihre Entscheidungen zu verkünden. Über die Leinwand lief im Anschluss ein Ausschnitt des jeweiligen Preisträger*innenfilms. Die thematische Ausrichtung der einzelnen Ausschnitte war dabei ebenso vielfältig wie zuvor bereits die Wettbewerbe: Es ging um den Umgang mit mangelndem Selbstvertrauen, die Beziehung als Erwachsene*r zu den eigenen Eltern sowie Kindheitserinnerungen bis hin zu der Zeit unmittelbar nach einer Schwangerschaft, um nur einige zu nennen. Schließlich kamen auch die Preisträger*innen selbst auf die Bühne und nahmen ihre Preise entgegen. Nach und nach bekam das Publikum einen Überblick über die Filme, von denen es einige vielleicht wegen des straffen Zeitplans verpasst hatte. Der vorletzte Tag des 32. Filmfest Dresden klang so nach etwa zwei Stunden und etlichen Danksagungen aus. Und wer einen der preisgekrönten Filme verpasst hatte, konnte ihn sich schließlich ohne schlechtes Gewissen am Sonntag noch ansehen.

Text: Johannes Knop

Foto: Amac Garbe

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