Brüste, Nippel und Geschlechternormen

„Boah, ist das ekelig, zieh dir mal einen BH an!“, schallte es mir aus dem Mund eines betrunkenen Dynamo-Fans letztens entgegen. Er störte sich daran, dass man unter meinem relativ engen T-Shirt meine wippenden Brüste inklusive stolzer Nippel durchahnen konnte. „Für dich bin ich gerne ekelig“, polterte ich mindestens genauso laut entgegen, woraufhin er schnell weiterzog. Eine so laute Reaktion hatte er nicht erwartet. Zurück blieb trotzdem das Gefühl, mit meinem Körper schutzlos den Verurteilungen der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein. Es kostete mich viel Mut und Anstrengung, so ohne BH weiterzugehen. Was blieb mir auch anderes übrig, während irgendeine männlich gelesene Person oberkörperfrei, ohne sich Gedanken machen zu müssen, auf seinem Skateboard an mir vorbeicruiste?

Doch nicht nur in dem Moment, sondern auf den Straßen, im Park und in der Uni überall präsent: Menschen, die oberkörperfrei (okf) rumlaufen. „Geil“, könnte man jetzt denken, „T-Shirt aus ist doch entspannt! Ein Gefühl von Freiheit, Wohlfühlen und ein bisschen das Lebensgefühl des ungezügelten Sommers!“ Ja, geil, dass manche Menschen diese Freiheit demonstrieren können. Genauso viele können es aber nicht. Denn T-Shirt aus geht nur bei Personen, die als männlich wahrgenommen werden. Weiblich wahrgenommene Brüste, objektifiziert und sexualisiert, gehören für die meisten nicht in die Öffentlichkeit. „Häh, wäre doch geil, die im Park zu sehen“, mag jetzt mancher denken und sexualisiert so gleich die nächste weiblich wahrgenommene Brust zum Objekt seiner Lust. „Also mich stört es nicht, zieh dich doch auch einfach aus!“, haben viel zu viele der betroffenen Menschen schon gehört und mussten dann daran denken, wie sie selber dadurch gestört werden würden: mit ihren weiblich wahrgenommenen Brüsten denjenigen ausgesetzt, die das „geil“ finden. Was diese dann auch durch Blicke, Sprüche und im schlimmsten Fall körperliche Handlungen zeigen würden. Und wie oft sie sich schon dagegen gewehrt haben. T-Shirt ausziehen und Nippel zeigen ist also ein Privileg, welches nur einem Teil der Menschen zukommt und massenhaft von diesen ausgenutzt und zur Schau gestellt wird.

Geschlecht und Brüste

In der Öffentlichkeit gehört die weiblich wahrgenommene Brust mindestens in einen Bikini gesperrt, während die männlich wahrgenommene ein Ausdruck der Freiheit ist. Wer seine Brust zeigen kann und wer nicht, liegt aber nicht nur an dem bisschen Drüsen- und Fettgewebe, das die eine Brust mehr und die andere weniger hat. Ausschlaggebend ist, wie die Person mit der Brust ansonsten wahrgenommen wird. Die binären Kategorien „männlich“ und „weiblich“ werden dabei der ganzen Person zugeschrieben und entscheiden so über den Luftzug rund um den Nippel. Dabei beeinflusst die Größe der Brust auch dieses Urteil, ist aber als ein sozial konstruiertes Geschlechtsmerkmal selbst für diese binären Kategorien ein schlechtes Indiz.

Dass auch sich als Männer identifizierende Personen Brüste mit mehr Fett- und Drüsengewebe und größeren Nippeln haben können, ist nicht nur bei Transpersonen der Fall. Auch seit der Geburt als Mann eingeordnete und sich so identifizierende Menschen (d. h. Cis-Männer als ein Gegenstück zu Transmännern, die bei der Geburt als Frau eingeordnet wurden) können z. B. durch ihren angeborenen Hormonhaushalt größere Brüste entwickeln. Dies ist nicht unbedingt pathologisch, also durch eine Krankheit verursacht, sondern häufig physiologisch, also eine der vielfältigen, nichtschädlichen Ausprägungen des menschlichen Körpers. Meist leiden diese Menschen durch diese physiologische Ausprägung unter den Schönheitsidealen und Geschlechternormen unserer Gesellschaft. Es ist momentan leider unvorstellbar, dass von den Werbeplakaten der Stadt eine sich lasziv räkelnde, männlich gelesene Person mit großen Brüsten das neue Boxershortsmodell verkaufen möchte. Und so kann bei entsprechendem Leidensdruck dieses als Gynäkomastie benannte Phänomen medikamentös oder operativ behandelt werden. Das wird sogar von Krankenkassen übernommen. Abgesehen von Körper bewertenden Kommentaren würde aber niemand diesen Männern per se absprechen, dass sie ihr T-Shirt ausziehen. Oder sie als Sexobjekt behandeln.

Transpersonen, also Menschen, die bei der Geburt nicht in das Geschlecht eingeordnet wurden, mit dem sie sich identifizieren, und so mit ihrem Körper und ihrem Auftreten meist ohnehin schon gesellschaftliche Ver- und Beurteilung erfahren, haben es schwerer. Viele wollen öffentlich in dem Geschlecht wahrgenommen werden, mit dem sie sich identifizieren. Die Wahrnehmung geschieht auch aufgrund der Brust. Das heißt, dass Frauen eine große Brust und Männer eine kleine Brust vorweisen müssen. Ist das (noch) nicht der Fall, kann es für diese Personen unmöglich sein, ihr T-Shirt auszuziehen. Andere (Trans-)Frauen fühlen sich aber auch wohl mit ihrer Brust, die als Männerbrust wahrgenommen wird, während (Trans-)Männer sich wohl fühlen können mit einer Brust, die als Frauenbrust gesehen wird. So kann es passieren, dass es für eine Person, die als Frau gelesen wird und sich auch so identifiziert, verpönt ist, ihr T-Shirt auszuziehen, obwohl sich darunter nur kleine Brustwarzen ohne viel Fett- und Drüsengewebe befinden.

Bei Personen, die sich gar keinem der binären Geschlechter zuordnen, sich also als nonbinary identifizieren, sagt die Ausprägung der Brust überhaupt nichts über ihr Geschlecht aus. Sie können durch eine binäre Einordnung, auch aufgrund der Brustform, nur falsch wahrgenommen werden. Am besten wäre es also, Menschen gar nicht mehr aufgrund ihres Körpers und ihrer Brust einem Geschlecht zuzuordnen und sie dadurch unterschiedlich zu behandeln. Das dies aber nicht der Realität entspricht, ist eine schmerzliche Erfahrung aller Personen, die durch das hetero-cis-normative System unterdrückt werden. Die Entscheidung über die Freiheit der Nippel basiert also auf binär konstruierten Geschlechternormen. Dabei können alle Personen, die als weiblich eingeordnet werden, unabhängig von der Form und Größe ihre Brüste, sowie Personen, dessen Brüste nicht in die hetero-cis-normativen Geschlechternormen passen, ihr T-Shirt nicht oder nur schwer ausziehen. Einzig schönheitsnormideale Cis-Männer können in der Öffentlichkeit im Gefühl der Freiheit von luftigen Nippeln schwelgen.

Der rechtliche Status von Nippeln

Auch die rechtliche Lage entscheidet nach diesen Geschlechternormen. Anders als in den USA, wo die „weibliche Brust“ ebenso wie die Genitalien nicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden dürfen, ist in Deutschland Nacktheit zunächst nicht verboten. Unter den Paragrafen §183a im Strafgesetzbuch, der Erregung öffentlichen Ärgernisses verbietet, fallen nur öffentliche sexuelle Handlungen. Und unter §183 wird Exhibitionismus also das Entblößen zum sexuellen Lustgewinn verboten. In diesem Paragrafen ist übrigens nur von Männern die Rede, was einiges zu der öffentlich wahrgenommen Sexualität von Frauen aussagt.

Weder bloßes Nacktsein noch „oben ohne“ fällt unter diese Paragrafen. Dafür greift §118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes. Hier wird jemand mit einer Geldbuße belegt, der eine „grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen“. Als sogenannter Gummiparagraf, der bewusst so schwammig formuliert ist, obliegt es der Polizei oder den Ordnungsämtern zu interpretieren, wer eine solch grob ungehörige Handlung vornimmt.

Doch gerade bei Regeln durchsetzenden Behörden ist eine Reflexion und kritische Betrachtung von ungeschriebenen sozialen Regeln wie Geschlechternormen eher selten zu erwarten. Und so haben und werden zahlreiche Ordnungshüter*innen das Zeigen der als weiblich wahrgenommenen Brust als Belästigung der Allgemeinheit bewerten. Zu einer Handlung wie das Verlassen des öffentlichen Ortes oder Anziehen von Kleidungsstücken darf einen übrigens nur die Polizei zwingen, es sei denn man befindet sich an einem Ort wie einen Park, wo das Hausrecht einer privaten Sicherheitsfirma überschrieben wurde. Hier obliegt es diesen Personen, im Rahmen des Hausrechts oder der Ordnungswidrigkeitsparagrafen zu handeln.

Kampf dem Patriarchat!

Doch was kann man nun dagegen tun? Hetero-cis-normative Geschlechternormen überwinden! Aber wer und wie? Das können durch die Geschlechternormen unterdrückte Personen nicht allein. Cis-Männer haben die Pflicht mitzuhelfen, die Strukturen abzuschaffen, von denen sie profitieren. Auch wenn das heißt, zunächst einige der eigenen Privilegien aufzugeben. Gleiches gilt übrigens auch für heteronormative Paare. Nicht alle Beziehungen können so selbstverständlich in der Öffentlichkeit inszeniert werden. So wird das T-Shirt-Anbehalten zu einem Akt der Solidarität mit allen, die dies tun müssen, da sie sonst durch rechtliche, normative oder sexualisierte Übergriffe bedroht werden. Die Erkenntnis, nicht allen die eigene Nippelfreiheit unter die schwitzende Nase binden zu müssen, ist ein erster Schritt, die eigenen Privilegien zu reflektieren.

Aktives Einstehen für Geschlechtergerechtigkeit geht aber noch weiter. Dazu gehört zum Beispiel auch die eigenen Kumpels mal zu kritisieren und gemeinsam zu überlegen, ob oberkörperfrei (okf) wirklich sein muss. Es kann aber auch heißen, FLINT-Personen (Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinary-, Transpersonen) dabei zu supporten, okf rumlaufen zu können, zum Beispiel indem die Hintergrundarbeit bei einer FLINT-okf-Parade gemacht wird oder ein „safe space“ ohne Cis-Männer anerkannt und unterstützt wird. Das Ziel ist nicht, dass alle nur noch mit T-Shirt rumlaufen müssen, sondern dass alle die luftige Freiheit genießen können. Dafür muss jede Brustform unabhängig vom Geschlecht zur öffentlichen Normalität werden. Die Kapazitäten, die beim Echauffieren darüber draufgehen, dass nun auch Cis-Männer ihre T-Shirts anlassen sollen, kann also besser darin investiert werden, das Patriarchat mit den hetero-cis-normativen Geschlechternomen abzuschaffen. Und da haben wir leider noch einen ziemlich langen Weg vor uns. Wer aber auf keinen Fall den Sommer überlebt, ohne das T-Shirt auszuziehen, könnte sich ja mal Gedanken über die Anschaffung eines Bikinis machen. Auch Cis-Männer können aus den Geschlechternormen ausbrechen.

Text: WHAT

Foto: Amac Garbe

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