#Dorfkinder

„Ihr Dorfkinder vertragt doch sowieso viel mehr Alkohol!“ „Haha, vom Dorf? Da musst Du ja aufpassen, dass Dein Stammbaum kein Kreis ist!“

Bist Du Dorfkind und hast mindestens einen der Sätze schon mal gehört? Dann geht es Dir wie mir. Am Anfang lacht man noch darüber, aber je häufiger die Sprüche kommen und umso abfälliger sie werden, desto mehr fragt man sich, ob die Kritiker*innen denn nicht nachvollziehen können, was das Leben auf dem Dorf für Sonnenseiten hat. Ich spreche von den idyllischen Kindheitserinnerungen, die ich liebevoll in meinem Herzen trage: Baumhäuser und Buden bauen mit Freund*innen im Wald; Schlittschuhlaufen und Rodelausflüge; ein Nachbar, der an Heiligabend als Weihnachtsmann verkleidet durch das Dorf läuft und an jeder Tür klopft; niedliche Kühe und Ponys, die ausreißen und dann von sämtlichen Dorfkindern wieder eingefangen werden; hilfsbereite Anwohner*innen, die mitten in der Nacht Sandsäcke schleppen, wenn das Hochwasser in den Keller läuft; traumhafte Nachmittage am Steinbruch; sternenklare Sommernächte am Badesee … und so weiter.

Kaum hat man über den Tellerrand geschaut, ist zum Studieren in eine größere Stadt gezogen (zumindest größer als Niesky) und hat sich mit den ersten Kommiliton*innen angefreundet, schon hört man jedoch diese Sprüche. Nach der genaueren Herkunft („Aus der Nähe von Bautzen? Da wo sie die Flüchtlinge durch die Stadt gejagt haben?“) folgt die Frage nach den letzten Medienberichten zu rechten Übergriffen, und man versucht sich so klar wie möglich davon zu distanzieren. Und wer über die Bautzner Nazis entsetzt ist, hat noch nicht die Dorfnazis gesehen. Jungen, die mal mit mir im Konfirmandenunterricht saßen, sind nun Mitglieder bei der Arischen Bruderschaft und Securitys beim Schild-und-Schwert-Festival. Ein Mädchen aus meiner Grundschulklasse postet während ihrer Schwangerschaft stolz ein Bild des Buches „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, das von der überzeugten nationalsozialistischen Ärztin Johanna Haarer stammt. Zirka die Hälfte meiner ehemaligen Grundschulklassenkamerad*innen hat bei Facebook die AfD oder NPD geliked. Das Lieblingshobby der allermeisten #Dorfkinder scheint „Saufen“ zu sein, denn genau davon handeln die Gespräche der Personen in der Regel – egal ob im Fußballverein oder am Badesee. Hauptsache Bier und Schnaps sind am Start und dann werden Stammtischparolen gegrölt, so meine Wahrnehmung. Währenddessen sitze ich in Dresden und diskutiere progressive Drogenpolitik, das neue sächsische Polizeigesetz und kritische Männlichkeit. Es scheinen zwei völlig gegenläufige Welten zu sein, obwohl der geografische Abstand wirklich klein ist. Warum?

Im Lauf des Studiums beginnen mich die Sprüche zum Thema #Dorfkinder und die ständigen Nachfragen zu rechtsextremen Vergehen in ländlichen Regionen zu stören. Nicht etwa, weil ich sie unzutreffend oder voreilig finde, sondern weil sie ein erschreckend wahres Bild von dem zeichnen, was tatsächlich dort stattfindet. Und weil es einen entsetzlichen Kontrast zu meiner schönen und unbeschwerten Kindheit bildet. Auch die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, möchte dieses Bild der verlorenen Idylle nicht wahrhaben, weswegen sie eine Kampagne startet, in der sie Menschen motiviert, unter dem Hashtag #Dorfkinder inspirierende Geschichten über engagierte Menschen auf dem Dorf zu teilen. Als Impuls postet sie Sharepics, die den Fokus auf erneuerbare Energien, Jobmöglichkeiten, die Freiwillige Feuerwehr und ähnliches lenken. Die Resonanz auf diese Kampagne zeigt mir, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin. Und sie zeigt einige Gründe auf, warum das Gefälle zwischen Stadt und Land so drastisch ist. Das Twitter-Profil Union Watch reagiert auf Klöckners Aktion:

„#Dorfkinder haben häufig keine Grundschule im Dorf.“

„#Dorfkinder sind oftmals von der digitalen Welt abgeschnitten.“

„#Dorfkinder sind auf #Elterntaxis angewiesen, weil kein ausreichender #ÖPNV besteht.“

Ein anderer Nutzer schreibt, wovon auch Personen aus meinem Bekanntenkreis ein Klagelied singen können: „#Dorfkinder haben alle mindestens einen Kumpel verloren, der meistens besoffen, aber immer zu schnell in die Allee gekracht ist (meist auf dem Weg von|in die Disco, weil es auf dem Dorf nichts gibt).“ Eine weitere Person formuliert, was vielleicht einige aus dem eigenen familiären Umfeld kennen: „#Dorfkinder ertränken ihre eigene Perspektivlosigkeit so lange öffentlich in Aggression, Gewalt und Alkohol, bis sie endlich alt genug sind, um sich ein Haus zu kaufen und das ganz privat an ihrer Familie auszulassen.“ Die Autorin Sophie Passmann äußert den absoluten Klassiker: „Bei mir auf dem Dorf gab es einen, der immer, wenn er besoffen war, ‚Deutschland den Deutschen‘ gerufen und den Hitler-Gruß gemacht hat.“ Besonders scharf fasst ein anderer Nutzer die Situation zusammen: „#Dorfkinder ziehen in die Stadt, weil aufm Dorf niemand was gegen die Faschos macht, im Fußballverein und in der Feuerwehr nur gesoffen wird und ‚schwul‘ das beliebteste Schimpfwort ist, ohne Ende geklüngelt wird und sich nicht mal die Jungen für besseren Netzausbau interessieren.“ Und schließlich eröffnet der Twitter-Account von Fridays for Future Germany noch eine andere Perspektive der Debatte: „#Dorfkinder werden zwangsumgesiedelt, weil für Kohle weiter ihre Heimat vernichtet wird.“

So viele Gründe, warum das Leben auf dem Land eine andere Welt zu sein scheint als das Leben in der Stadt. Ist Euch was aufgefallen? Die meisten genannten Probleme haben nicht die „Dörfler“ erschaffen, sondern sie sind Symptomträger einer Politik, die das Land jahrelang vernachlässigt hat. Die Kategorisierung in „Dorfkinder“ und „Stadtmenschen“ erschafft zusätzlich eine Distanz zwischen zwei konstruierten Gruppen, die sicherlich beide durch Klischees und strukturelle Probleme völlig unterschiedlicher Art geprägt sind.

Dennoch übertraten am Morgen des 17. Januars Landwirte diese künstliche Grenze in Dresden mit einem „ländlichen“ Anliegen, um Aufmerksamkeit von der Politik und den „Städtern“ zu bekommen. Ironischerweise richtet sich ihre Botschaft insbesondere an die Person, die durch ihre Sharepic-Kampagne ein attraktives Dorfleben sichtbar machen will: Julia Klöckner. Die Landwirte fordern „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“, wünschen sich eine nachhaltige Landwirtschaft, sind gegen die neue Düngemittelverordnung und für faire Preise. Sie riefen zur gemeinsamen Demo auf.

Wir als „Städter“ haben die Chance, Solidarität mit ausgebeuteten oder strukturell benachteiligten Menschen auf dem Land zu zeigen, ins Gespräch zu kommen und gemeinsam für eine bessere, fairere und nachhaltige Welt zu demonstrieren. Und möglicherweise ist das, was uns in solchen Kampagnen wie der von Julia Klöckner zu Werbezwecken trennt, das, was uns verbindet: der Wunsch nach einer Politik, die etwas für die Menschen tut. Dass dieser Wunsch von „Stadtmenschen“ und „Dorfkindern“ besteht, dass ein Diskurs belebt und der Blick auf Probleme und Bedürfnisse unserer Mitmenschen klarer wurde, hat die Kampagne gezeigt, wenn auch unbeabsichtigt. Es heißt nicht ‚Wir gegen die‘ , sondern ‚Wir gemeinsam für uns‘. Also lasst die Klischees mal unter den Tisch rutschen, hört einander zu, vernetzt Euch und steht zusammen gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen die Ausbeutung von Erde und Mensch!

Text: Emilie Herrmann

Foto: Amac Garbe

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