Campuskolumne

„Ein Cupcake, das ist wie ein Muffin, aber mit Creamcheese-Frosting! Das ist doch ganz einfach. Und der Laden ist gleich um die Ecke! Auch das ist sehr einfach!“, rufe ich, während ich meinen Freund über den Gehweg schleife. Wir befinden uns in Berlin, irgendwo zwischen Hundehaufen, U-Bahn-Stationen und bewährter Motzigkeit. Gerade haben wir das übliche Kulturprogramm beendet und gehen zum angenehmen Teil über: Essen. Mein Freund, seit ein paar Tagen stolzer Besitzer eines Smartphones, klappt das glänzende Leder-Etui auf und besieht fachmännisch das digitale Schätzchen, das glänzt, als hätte man es noch nie benutzt. „Also, also wir müssen … also erst mal muss es unseren Standort finden!“, stellt er so gelassen wie möglich fest. „Und wie lange dauert das?“, ningele ich und ignoriere, dass wir bereits eine halbe Stunde durch das Viertel schlurfen, weil ich dachte, ich hätte die Straßenkarte richtig gelesen.

Nun ja, ich bin im Kartenlesen besonders schlecht. Beim Anblick einer digitalen Map verwandelt sich meine sonst gute Auffassungsgabe in einen pixeligen Haufen im 8-Bit-Format. Seit wann ist ein Kreis voller Tarngrün ein Wald? Warum steht dort, wo einst eine beige-weiße Fläche war, eine 50 Meter hohe Kirche? Und wieso erscheinen Straßennamen erst dann, wenn man weit genug hinein zoomt? Sind sie vorher nur Feldwege, verwandeln sie sich in echte Straßen, wenn man sie von Nahem sieht. Und warum ist Süden nicht immer unten?!

Während ich darauf warte, dass unsere Position durch die binären Welten gewandert ist, stelle ich fest: Ich liebe sein Smartphone – ich kann damit Fahrpläne abrufen, weil ich zu ungeduldig bin zu warten. Ich kann in Frankreich deutsche Zeitungen lesen und vermeide es damit, meine vergrabenen Schulfranzösisch-Kenntnisse zu suchen. Ich kann in der S-Bahn Musikvideos gucken, weil sich Berlin mit THE SMITHS noch besser genießen lässt. Nur selbst eines haben, das will ich nicht. Ein Touchdisplay ist für mich erst echt, wenn man die Schrift wie auf einer Magnettafel löschen kann. Woran soll ich herumspielen, wenn es keine Knöpfe gibt? Und behauptet man nicht, der Akku mancher Handys sei schon nach ein paar Monaten hinüber, während man das gute alte Nokia nach Jahren einfach einschalten könne und es würde funktionieren? Smartphones sind nicht kurvig, sie sind eckig, kühl und mir fremd.

Auch wenn ich dadurch einige Nachteile habe: Wenn ich mich mit jemandem schriftlich in Rage diskutiere, weil anrufen zu einfach wäre, dann muss ich morgens unterbrechen, weil ich zur Arbeit fahre. Manche Eskalationsstufe ist mir dadurch leider entgangen. Schwieriger ist die Kommunikation in der Gruppe: Während die anderen im Laufe des Tages diskutieren, was sie machen wollen, bekomme ich abends eine kurze Zusammenfassung. Manchmal auch erst, wenn die Party schon im Gange ist und ich am anderen Ende der Stadt bin. Kürzlich wollte ich einen Termin vereinbaren und bekam morgens per Mail die Frage, ob ich mittags Zeit hätte. Mit Smartphone und Push-Nachrichten hätte ich schnell absagen können, aber so blieb mir doch nur das ungeliebte Telefon.

Manchmal frage ich mich, ob das wirklich sein muss. Dass Menschen auf mich Rücksicht nehmen. Dass sie auf ein anderes Kommunikationsmittel ausweichen. Dass ich mich fühle, als würde ich ein normales Fahrrad fahren, während die anderen auf ihren E-Bikes mühelos jeden Hügel nehmen. Dass ich sie bremse. Oder ständig aufpassen muss, dass ich nicht den Anschluss verliere. Als die ersten E-Mails unsere Welt eroberten, wurde Briefeschreiben als neue Art der Muße betrachtet. Mittlerweile haben E-Mails diese Position eingenommen. Eine mehrzeilige Nachricht zu schreiben, das fühlt sich wie Arbeit an. Einem Chat zu folgen, dem ständigen Pendeln zwischen Stille und Aufmerksamkeit, zwischen Fragen, Einwürfen und Antworten, das ist stressig. Sich entscheiden zu müssen, ob ich im Hotel lieber deutschen Klatsch lese oder die Menschen auf der Straße beobachte, auch. Und mein Frühstücksei wird dabei kalt.

Zurück nach Berlin, zum Cupcake-Laden: Wir lösen die Situation. Aber nicht durch Suchen oder das Internet, sondern indem wir Leute fragen. Dennoch habe ich beschlossen, mich beim nächsten Mal nicht auf andere zu verlassen, sondern auf das, was ich gut kann: Ich notiere mir die Wegbeschreibung und zeichne eine Skizze mit den wichtigsten Punkten. Immerhin kann ich mit dem Smartphone Musik hören, während ich suche.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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