Campuskolumne

„Was ist Zeit?“, denke ich und blicke nach vorn. Im Springbrunnen vor mir plätschert das Wasser, im Park dahinter spielen Vögel, ein Pärchen liest zweisam gemeinsam in ihrem E-Book-Reader. An diesem Sonntagnachmittag scheint die Zeit stillzustehen. Oder vielmehr: ich. Gerade hat mir die Mitarbeiterin im Kundencenter erklärt, dass mein Zug nicht im Dreiländereck verschollen ist, sondern nur umgeleitet wurde. Eine Baustelle, spontan errichtet, mit Verspätung an die Bahn weitergegeben, gar nicht weitergegeben an die Kunden, denn was können Kunden ausrichten? Das Ende meines zehnminütigen Gesprächs mit der Dame am Schalter: zweimal umsteigen, eine Stunde später ankommen. Und ich fühle mich – vorläufig – nicht betrogen, ich bin nicht traurig. Nein, ich fühle mich erleichtert. Es ist, als hätte man mir eine Stunde Zeit geschenkt. Mit mir selbst.

Zeit ist wohl wie Energie, denke ich. Sie kann nicht entstehen und verschwinden, sie kann nur umgewandelt werden. Die Zeit, die ich damit verbracht hätte, aus dem Fenster zu starren, mich über verlassene Bahnhöfe aufzuregen, mich nach einem Kaffee zu sehnen und festzustellen, dass drei Bücher für eine Zwei-Tages-Reise nicht genug sind, wird umgewandelt in eine andere Form – die Muse. Zeit, endlich Sonnencreme aufzutragen, weil jeder Strahl zählt. Zeit, die Büsche am Wegesrand zu zählen und sich zu fragen, ob 300 km/h ein erstrebenswertes Ziel sind oder ob 80 km/h reichen. Zu versuchen, dabei ein schickes Foto von den Windrädern zu schießen. Und Zeitungsartikel zu lesen, die ich „nur“ interessant finde. Anstatt dass ich filtere, welche am spannendsten sind und unbedingt binnen meiner Fahrt gelesen werden müssen. Zeit, den Nachbarn unfreiwillig zuzuhören. Endlich mal Zeit, genüsslich mit einem Stift Kreise aufs Papier zu malen, ohne es als neue Anti-Stress-Technik zu betrachten. „Du solltest Dich mit Dingen abfinden, die Du nicht ändern kannst“, sagte mir ein Freund. Vielleicht ist das die Lösung – ich kann die Baustelle nicht abbauen. Und laufen ist keine Option – wenn ich die 100 km zu Fuß laufe, komme ich am nächsten Tag zu spät zur Arbeit. Auch wenn ich es wohl als gesundheitsfördernde Maßnahme geltend machen könnte.

Zwei Stunden später ist meine Ruhe dahin. Mit anderen Gestrandeten habe ich mich an verschlossenen Klotüren gerieben, bin über Kopfsteinpflaster gerobbt, habe mich und andere ein- und wieder ausgeladen. Und gemeinsam haben wir den Anschlusszug verpasst. Plötzlich dehnt sich die Zeit. In Slow Motion kriecht der Zug von Dorf zu Dorf, gönnt sich ein kleines Päuschen im Wald, weil er auf den Gegenzug warten muss, und verbringt einen entspannten Nachmittag. Wir Passagiere sitzen allein, wir vertreiben uns die Zeit damit, Kindergeschrei zu interpretieren, oder wir schlafen. Wir quetschen Themen aus, bis nur noch Schweigen übrig ist, oder übertreffen uns darin, andere zum Fremdschämen zu bringen. Gern hätte ich den Zug angeschoben, den Turbo-Knopf gedrückt oder jemanden angeschrien, aber es war keiner da, der sich zuständig fühlte. Die Stunde ist aufgebraucht und meine gute Laune hat sich nach dem Marathon ins Gras gelegt und protestiert. Denn jetzt wird mir bewusst: Ich komme wirklich zu spät. Ich verpasse ein Treffen mit guten Freunden, weil mein Puffer weg ist. Die Prioritäten verschieben sich. Was vorher ein Plus war, ist jetzt Teil eines Minus. Negatives hat immer mehr Gewicht, das weiß auch die Mathematik. Nur, wenn etwas schlimm genug ist, wenn sich Negatives mit sich selbst multipliziert, dann verkehrt es sich ins Positive. Wenn wir noch später ankommen, ärgere ich mich wohl nicht mehr über das nicht stattgefundene Treffen, sondern darüber, dass ich hungrig und erschöpft bin. Ein Ärger ist verpufft, der nächste wächst.

Zeit ist ein komisches Ding. Sie beschleunigt sich, wenn wir es unbedingt vermeiden wollen, und dehnt sich, wenn wir sie nicht brauchen. Was ich jetzt brauche? Schlaf. Und den Geruch von Sonnencreme.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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