Campuskolumne

Hätte sie geschwiegen, wäre sie vielleicht nicht Philosophin geblieben, aber immerhin nicht um mindestens 7.000 Euro ärmer. Da sie sich jedoch öffentlich gegen sexuell erniedrigende Nachrichten wehrte, wird die Grünen-Politikerin Sigrid Maurer nun wegen „übler Nachrede“ verurteilt. Der Täter bleibt nicht nur unbehelligt, er wird auch mit einer Entschädigungszahlung von 4.000 Euro von seinem Opfer belohnt.

Zu recht sorgt der Fall Maurer nicht nur aus feministischer Sicht für Empörung. Die Ungerechtigkeit der Sachlage ist schwer zu ertragen: Der mutmaßliche Täter lüge zwar, davon sei der Richter überzeugt, wie in einem Artikel zum Fall zu lesen ist, aber nachweisen konnte man es ihm nicht. Maurer selbst schreibt bei Twitter: „Ich wehre mich gegen extrem sexistische, erniedrigende Nachrichten und werde dafür verklagt. Der Richter befindet, Herr L. lügt, und er glaubt alles, was ich sage. Trotzdem werde ich verurteilt.“ Tja, sich als Frau öffentlich gegen sexuelle Belästigung zu wehren, muss man sich erst mal leisten können – also am besten schon mal ein Sparkonto anlegen? Oder eben, wie ein Anwalt des Herrn L. es Maurer empfahl, „die Straßenseite wechseln“, wenn sie doch wisse, dass sie vorm Geschäft des Mannes sexuell belästigt werde.

Mit anderen Worten: Selbst Schuld! Vielleicht hätte ja auch eine Armlänge Abstand gereicht. Die Öffentlichkeit (ob nun real oder online) gehört immer noch den Männern. Eine Frau, die diese patriarchalische Ordnung stört, muss bezahlen. Und da Maurer es versäumt hat, eine schriftliche Stellungnahme des Täters darüber einzuholen, dass die Nachrichten tatsächlich von ihm stammen, sei ihre Veröffentlichung der Belästigung strafbar – schließlich schadet es dem Ruf des Täters. Maurers Anwältin sieht darin eine Opfer-Täter-Umkehr. Tatsächlich ist victim blaming ein trauriger Bestandteil öffentlich gewordener Vorwürfe von Fällen sexueller Belästigung. Harvey Weinstein, Cristiano Ronaldo oder Brett Kavanaugh – es ist immer wieder erstaunlich, wie viele besorgt sind, dass der Ruf oder die Karriere des Täters beschädigt werden könnte, und dabei vergessen, dass das Leben der Frau längst beschädigt wurde. Doch die gesellschaftliche Stabilität von etablierten weißen Männern scheint – im Gegensatz zur Würde und Integrität einer Frau – tatsächlich unantastbar zu sein.

Text: Tanja Rudert

Foto: Amac Garbe

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