Campuskolumne

Lieber Lidl.

So hat wohl noch kein Text angefangen. Gut, vielleicht im Deutschunterricht, Thema Alliteration, oder, noch schlimmer, als pseudowitziger Anfang irgendeines Abgesangs auf diesen IKEA unter den Supermärkten. Hier aber, am Beginn dieses kleinen Textes, sind die beiden Worte in ihrer Kombination vollkommen ernst gemeint. Der Leser möge sich Inbrunst hinzudenken, wenn sie nun noch einmal wiederholt werden: Lieber Lidl. Lieber Lidl am Dresdner Hauptbahnhof, Du bist toll. Vor allem zum Sonntag, am frühen Abend, wenn von überallher die Pendler und Touristen und Verzweifelten kommen, die den Sonntagabend nicht ohne Brötchen und Brokkoli überleben. So wie ich. Andere gehen sonntags in die Kirche, ich geh in den Lidl.

Wie langweilig ist doch die Bahnhofshalle, in der ich mich frei bewegen und noch freier atmen kann. Dich hingegen, lieber Lidl, verehre ich schon bei den ersten Schritten in Deinen neonlichtdurchfluteten Hallen, wenn Du mich mit tropischer Schwüle und nicht näher zu beschreibendem Odeur empfängst. Nur noch die Security passieren, dann beginnt er, der Kampf um schnellste Wege durch engste Regalreihen, um die letzte noch nicht verschimmelte Pflaume, die Geiz-ist-geil-Schnäppchen und die VIP-Plätze in der Kassenschlange. Verflogen sind die Sorgen des Tages. Meine Stirnfalten glätten sich. Ich fahre die Ellenbogen aus.

Gleich rechts hinter dem Eingang lockt das Schokoladenregal. Hah, denke ich mir, lass die Sirenen rufen, der Einkauf bietet Endorphine genug. Also gleich durch zum Gemüse, beherzt den letzten Kohlrabi greifen. Selbstredend schmeiße ich das Grün zurück in die Kiste, damit das für die nächsten Kohlrabifans zur Fata Morgana wird. Für Schadenfreude aber bleibt keine Zeit, wächst doch die Menschentraube vor dem original deutschen Aufbackhandwerk bedrohlich. Wieder ist das Glück auf meiner Seite, Lidl-Kunden haben kein Herz für dunkle Brötchen. Guter Stil in diesem Etablissement: mit dem Frankenstein-Greifarm zwei Dinkelkrustis aus dem Brötchenknast befreien, eines liegen lassen. Noch vor der Kühltheke sind meine materiellen Wünsche erfüllt. Bin schließlich nicht zum Einkaufen hier. Ab in die hintersten Ecken des Ladens, wo an echten Lidlsonntagen die Kassenschlangen enden und die Warterei beginnt.

Schlangestehen im Lidl ist nicht irgendein Schlangestehen. Man vertreibt es sich nicht mit Kaffee (diese Woche nicht im Angebot), Lesen (alle Hände voll) oder Twitter (Handy sagt: E). Nein, Schlangenstehen im Lidl ist rauflustig und unterhaltsam und meditativ. Es beginnt – nur Spießer stellen sich ganz hinten an – mit einem Rempler: „Ey,“, raunze ich ein beliebiges Opfer im hinteren Teil der Schlange an: „Ich war eher hier!“ Der erfolgreich vom Zaun gebrochene Streit füllt die ersten fünf Minuten, wird aber jäh unterbrochen: grandioses Kreuzungschaos. Im Sekundentakt pöbeln sich Leute mit übervollen Einkaufs- oder dazu umfunktionierten Kinderwagen durch den Quergang, weil sie vom Bierregal noch mal ganz schnell zu den Keksen müssen oder, Pro-Level, wissen, dass die Schlange ganz rechts die kürzeste ist. Irgendwann, im finalen Tunnel zwischen Schnaps und Saft, wird das Warten puristisch: stehen und gucken. Im Geiste die Reisen der Touristen reisen. Das Essen der anderen kochen. Mit ihren Fünf-Euro-Gummistiefeln auf dem Drei-Euro-Kunstrasen stehen. Kurz vor der Kasse kredenzt mir eine Ablage wie beiläufig eine aufgefetzte Chipstüte. Es ist wie im Kino: gute Unterhaltung und was zum Knabbern.

Nur das Happy End suche ich vergebens. Nach 45 Minuten bin ich plötzlich dran und kann das Ende meines sonntäglichen Rituals nur noch durch Kramen im Portemonnaie hinauszögern. 3,67 Euro bringen eine halbe Bonusminute. Das „Schön’ Tag noch!“ des Kassierers – in meinen Ohren ist es, dank Dir, lieber Lidl, nur noch eines: Ironie.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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