„Wir würden gern mehr Grundständige einstellen“

Schulen ohne Seiteneinsteiger wären Schulen mit Unterrichtsausfall. Zum zweiten Schulhalbjahr 2017/18 hat Sachsen sogar mehr Seiteneinsteiger eingestellt als grundständig ausgebildete Lehrer. Im Juli haben wir dieses Thema aufgegriffen. In Plötzlich Lehrer kommt eine Seiteneinsteigerin zu Wort, die Sprecherin des sächsischen Staatsministeriums für Kultus (SMK), ein Dozent – sie alle sagen: Die Neuen im Klassenzimmer machen sich gut. Eine Perspektive aber fehlt: die der Lehramtsstudierenden. Also haben wir uns mit zwei Experten aus dem SMK getroffen, um sie mit der Sicht der Studierenden zu konfrontieren: Béla Bélafi, Leiter der Abteilung für Lehrer und Ressourcen, und Petra Zeller, die das Referat für Lehrerbildung und allgemeine Weiterbildung leitet. Fragen und Kritik kommen von den Fachschaftsräten für Allgemeinbildende Schulen und Berufspädagogik der TU Dresden – die nämlich sehen Seiteneinsteiger nicht rosig.

Seiteneinsteiger genießen eine gute Ausbildung und die Kritik an ihnen ist unberechtigt – dieses Bild hat das SMK kommuniziert. Die Studierenden entgegnen: Man kann sich kaum für eine Notmaßnahme loben, die durch die eigene Politik, Stichwort fehlende Investitionen und Rückbau der Studienplätze, verschuldet ist.

Bélafi: Was ich zu Beginn betonen möchte: Unser Ziel ist es, so viele grundständige Lehrkräfte zu binden wie möglich, 100 Prozent. All unsere Einstellungsregelungen zielen vorrangig darauf ab. Jetzt müssen wir aber feststellen, dass der Markt so viele Lehrkräfte nicht hergibt. Deshalb hat das SMK Programme für Seiteneinsteiger entwickelt – das heißt nicht, dass Seiteneinsteiger von der Ausbildung her gleichwertig wären. Aber wir haben den Anspruch, dass sie guten Unterricht leisten. Daher müssen wir für die Seiteneinsteiger besondere Qualifizierungsprogramme auflegen. Die Ressourcen, die wir in die Seiteneinsteiger stecken, sollten an anderer Stelle nicht fehlen.

Die Studierenden bestreiten gar nicht, dass die Alternative zu Seiteneinsteigern Unterrichtsausfall wäre. Aber besteht nicht die Gefahr, dass die Attraktivität des Lehramtsstudiums sinkt, wenn in der Öffentlichkeit ankommt „Mit zwei Jahren Weiterbildung kann man auch Lehrer werden.“?

Zeller: Die Rechnung geht anders: Alle Seiteneinsteiger haben ja schon studiert. Sie müssen einen Master, Magister oder ein Diplom von einer Universität, Kunst- oder Fachhochschule mitbringen. Wer zum Beispiel einen Master in Germanistik hat, hat schon fünf Jahre Studium absolviert – und dann studiert er noch zwei Jahre berufsbegleitend. Das ist nicht kürzer.

Diese Weiterbildung aber könnte laut den Studierenden effektiver sein. Sie könnte als Masterstudiengang institutionalisiert werden, der Menschen mit gleich welchem Studienabschluss vor allem pädagogische und didaktische Fähigkeiten vermittelt. Eine Masterarbeit würde tiefere und komplexere Kenntnisse abfordern als das Zertifikat, das die Seiteneinsteiger nach dem Bestehen aller Module erhalten.

Zeller: Ich sehe keine Notwendigkeit für eine Formalisierung hinsichtlich des Abschlusses. Wir haben hohe Qualifikationsanforderungen an Seiteneinsteiger. Die Qualifikationsmaßnahmen sind genau auf das ausgerichtet, was nachgeholt werden muss. Masterabsolventen haben doch bereits unter Beweis gestellt, dass sie wissenschaftlich arbeiten können. Zudem: Die Generation von Lehramtsstudierenden im Bachelor-Master-System hat in Frage gestellt, warum sie zweimal eine wissenschaftliche Arbeit schreiben muss. Und jetzt fordern sie von Menschen, die bereits einen Master haben, eine zweite Masterarbeit?

Der Masterstudiengang würde aber auch dafür sorgen, dass die Weiterbildung in das System zum Qualitätsmanagement der Unis eingebunden wird.

Zeller: Unsere Ausbildung zählt als Weiterbildungsstudiengang. Mir ist nicht bekannt, dass der aus dem Qualitätsmanagement der Universitäten herausgenommen ist. Wir schweben ja nicht im freien Orbit. Auch die schulpraktische Ausbildung lassen wir gerade extern evaluieren, davon sind die Seiteneinsteiger nicht ausgenommen.

Dem halten die Studierenden entgegen: Die Weiterbildung kommt dem grundständigen Studium weder in Niveau noch Tiefe gleich.

Zeller: Diese These der Studierenden würde ich anzweifeln. Wir haben, wie gesagt, sehr hohe Anforderungen an die Seiteneinsteiger. Ein Master in Germanistik zum Beispiel hat 300 Leistungspunkte nachgewiesen, während der Studierende für das Lehramt an Gymnasien im Fach Deutsch 95 Leistungspunkte erwirbt. Was sie nicht mitbringen können, ist der pädagogische Bereich. Aber da greift unsere Nachqualifizierung.

Welche Rolle nimmt die bildungswissenschaftliche Ausbildung bei der Qualifikation ein?

Zeller: Das hängt davon ab, was die Seiteneinsteiger mitbringen. Wenn sich aus einem Abschluss zwei Fächer ableiten lassen, kann der- oder diejenige direkt in den Vorbereitungsdienst zugelassen werden. Seiteneinsteiger an Grundschulen hingegen müssen immer zuerst ein wissenschaftliches Studium der Grundschuldidaktik belegen. Hier sind die Unterschiede im Vergleich zu den grundständig Studierenden gering. Da kommt auch noch Selbststudium dazu. Von den Dozenten bekommen wir das Feedback: Seiteneinsteiger studieren anders. Die bringen Berufserfahrung, methodische Kenntnisse und Kompetenzen mit – daran können sie andocken. Aber natürlich sind die Anforderungen der berufsbegleitenden Weiterbildung und der parallelen Tätigkeit in der Schule sehr hoch.

Lehramtsstudierende sind fünf Tage an der Uni, Seiteneinsteiger zwei. Da muss der Anteil der Theorie doch geringer sein.

Zeller: In Bezug auf Bildungswissenschaften: ja.

Darin sehen die Studierenden einen ihrer wesentlichen Vorzüge gegenüber Seiteneinsteigern: Ihr Studium ist mehr auf die Theorie fokussiert, sie arbeiten mit aktuellen Forschungsergebnissen – und bringen so einen kritischen Geist und Innovationen an die Schule.

Zeller: Es ist doch gut, wenn die Studierenden den Mehrwert ihrer Ausbildung sehen. Sie können froh sein, sich zum richtigen Zeitpunkt für den richtigen Beruf entschieden zu haben.

Bélafi: Man muss aber auch sehen: Um wissenschaftlich denken zu können, muss man nicht unbedingt Bildungswissenschaft studiert haben. Wir wünschen uns außerdem eine beständige berufsbegleitende Fortbildung aller Lehrer. Weder der Seiteneinsteiger noch der grundständige Lehrer ist „fertig“, wenn er alle Qualifikationsmaßnahmen durchlaufen hat. Auch ein grundständiges Lehramtsstudium reicht nicht für 40 Jahre Lehrtätigkeit.

Welchen Mehrwert haben grundständige Lehrer dann für sie?

Bélafi: Die Kombination aus Fach- und Bildungswissenschaft, in genau der Mischung, ist für den Einstieg in den Lehrerberuf ideal und wird den Bedürfnissen der Schule am gerechtesten. Wir würden gern mehr Lehrkräfte einstellen, aber da stimmen oft Fach und Schulart nicht: Das Angebot an Lehrkräften für Ballungsräume und Gymnasien übersteigt die Nachfrage, während an Ober-, Grund- oder Förderschulen, in MINT-Fächern und auf dem Land größere Lücken sind. Die Studierenden müssen deshalb auch schauen: Wie sind meine Chancen später auf dem Arbeitsmarkt?

Kommunizieren sie Ihre Wertschätzung für grundständige Lehrer in der Öffentlichkeit ausreichend?

Bélafi: Das ist eine Frage der medialen Vermittlung von Themen, nicht der Steuerung aus dem SMK. Wir ergreifen jede sich bietende Gelegenheit, um die hervorragende Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer wertzuschätzen und ihnen dafür zu danken. Doch was von den Medien davon kommuniziert wird, liegt nicht in unserer Hand. Da konzentriert man sich medial lieber auf Neues, Interessantes und auch Streitbares wie die Seiteneinsteiger.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um den Grundständigen zu zeigen Wir wollen Euch!?

Bélafi: Wir sprechen Einstellungsgarantien aus, wenn jemand Lehramt für Grund-, Ober- oder Förderschule studiert oder ein MINT-Fach im Gymnasiallehramt sowie Studium und Referendariat erfolgreich abgeschlossen hat. Das haben Studierende sonst kaum. Außerdem haben wir mit der Zahl der Studienplätze die Chancen auf einen Platz im Vorbereitungsdienst erhöht und einen Anwärtersonderzuschlag von 390 Euro für Referendare eingeführt, die nicht verbeamtet werden können. So wird die Nettolücke zwischen der Vergütung im öffentlich-rechtlichen Ausbildungs- und dem Beamtenverhältnis auf Widerruf geschlossen. Oder nehmen sie das Gehalt unserer Referendare, das ist demnächst bundesweit das höchste, wenn der Anwärtersonderzuschlag bei Vorliegen der Voraussetzungen bis auf 1.000 Euro ansteigt. Die genauen Regelungen dafür werden derzeit noch entwickelt und intern abgestimmt.

Zeller: Wir haben außerdem die Verbeamtung durchgesetzt. Das wurde stets als Gleichbehandlung zu anderen Bundesländern gefordert. Grundständige Lehrer können sofort nach ihrem Eintritt in den Schuldienst verbeamtet werden und in die höchste Entgeltgruppe kommen.

Wie sieht das bei Seiteneinsteigern aus?

Zeller: Die können erst verbeamtet werden, wenn sie über alle Qualifikationsschritte die Lehrbefähigung erreicht haben – und auch nur bis 42 Jahren. Sie haben auch nicht die Chance, sofort in die höchste Entgeltgruppe zu kommen.

Von den Studierenden kam der Wunsch nach mehr Verzahnung ihrer Ausbildung mit der Weiterbildung der Seiteneinsteiger. Können Sie sich das vorstellen?

Zeller: Grundsätzlich ist das gut vorstellbar, das ist auch der Ansatz der Hochschulen. Es ist nur häufig ein logistisches und zeitliches Problem, weil die Seiteneinsteiger parallel in den Schulen sind und wir für ihr Studium extra Freistellungen organisieren müssen. Aber wenn es inhaltlich passt und wir dann nicht in ein Seminar 25 Seiteneinsteiger und zusätzlich dazu noch 30 Studierende setzen, ist das möglich.

Interview: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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