Im Rahmen von Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026 gibt es auch Filmisches zu sehen.
Dima hat die Nase voll. Ständig wird er aufs Jüdischsein reduziert und auf diverse Klischees, die damit verbunden sind. Von seinem Mitschüler Tobi wird er antisemitisch beleidigt. Doch als Dima sich wehrt, steht er plötzlich am Pranger.
Der Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, zu dem dieser Plot gehört, ist Teil des Kurzfilmprogramms zum Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen, das der Filmverband Sachsen anlässlich dieses Tacheles-Jahres konzipiert hat. Dabei ist es nur eine von voraussichtlich 1.000 Veranstaltungen, die bis zum 12. Dezember 2026 stattfinden sollen. „Kultureinrichtungen können jederzeit in das Themenjahr einsteigen und Veranstaltungen eintragen. So werden auch viele Projekte, die die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen im Rahmen des Themenjahres fördert, erst ab September durchgeführt“, berichtet Dr. Christian Landrock, verantwortlich für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Tacheles 2026.
Das Jahr der jüdischen Kultur entstand vor allem durch die Diskussion um ein jüdisches Museum in Leipzig und Dresden. Daraus wurde die Idee einer inhaltlichen Auseinandersetzung in Form einer Landesausstellung in ganz Sachsen geboren, woraus das Themenjahr entstand. Für die Umsetzung zeichnet das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus verantwortlich, angesiedelt ist es am Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz. Dr. Landrock erklärt: „Das Programm von Tacheles 2026 wird aber nicht vom Team kuratiert, stattdessen handelt es sich um eine Graswurzelbewegung der sächsischen Kulturszene. Kultureinrichtungen, wissenschaftliche Institutionen, Vereine und Religionsgemeinschaften können selbstständig mit ihren Angeboten zum Themenjahr beitragen. Auf der Homepage von Tacheles 2026 werden diese Angebote dann gebündelt und präsentiert.“
Das Jahr 2026 wurde dabei nicht zufällig gewählt. „Vor 100 Jahren, im September 1926, wurde mit dem Sächsischen Israelitischen Gemeindeverband der erste Landesverband der jüdischen Gemeinden im Land gegründet“, verrät Dr. Christian Landrock. Am 13. September 2026 soll speziell dieses Jubiläum gefeiert werden.
Jüdisches Leben im Hier und Jetzt
Bis dahin stehen viele Veranstaltungen auf dem Programm, von Angeboten für Kinder und Familien über Buchvorstellungen und Gottesdiensten bis hin zu Musik, Podiumsdiskussionen oder Tanz. Auch Daphna Dreifuss vom Filmverband Sachsen, die selbst jüdisch ist, war bei der Auswahl des Kurzfilmprogramms eine gewisse Vielfalt wichtig, zusätzlich zu den Themen Geschichte, Shoa und Zweiter Weltkrieg. „Für mich ist Judentum auch Streitkultur; Humor; wahnsinnig gutes Essen; sehr enthusiastisch gefeierte Feiertage. Es gibt so viele jüdische Geschichten fernab der Vergangenheit, die man erzählen kann.“
Die jüdische Streitkultur war schließlich auch namensgebend für das ganze Themenjahr. So sagte Alexander Dierks, Präsident des Sächsischen Landtags und Co-Vorsitzender des Kuratoriums, zur Auftaktpressekonferenz im Dezember 2025: „Wir sollten in unserer heutigen Zeit viel häufiger Tacheles reden – also direkt, offen und ehrlich miteinander sprechen. Das gilt für die Politik genauso wie für uns als Gesellschaft. Tacheles steht für Klarheit und Haltung. Beides brauchen wir, um jüdisches Leben sichtbar und selbstverständlich zu machen. Das Jahr der jüdischen Kultur 2026 erinnert uns daran, dass jüdische Kultur nicht ferne Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart ist – und dass Respekt, Mut und Dialog die Grundlage unseres demokratischen Miteinanders bilden.“
Wie schwierig die Kommunikation aber gerade in Zeiten des Kriegs in Israel und Gaza seit dem Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 ist, betont Daphna Dreifuss: „Mir fehlt sehr oft die gegenseitige Empathie. Die Fronten sind so verhärtet, dass man sich kaum noch sachlich und konstruktiv austauschen kann. Die wenigsten versuchen ernsthaft, die jeweilige Gegenperspektive zu verstehen.“ Ihr liegt deswegen der kurze Animationsfilm „Feels Forever“ von Ariel Elbert und Maximiliam Neudeck besonders am Herzen, da er Fragen der Sicherheit, des Zugehörigkeitsgefühls und der Retraumatisierung nach dem 7. Oktober thematisiert.
Jüdisches Leben im deutschen Film nach 1945
Das komplette Kurzfilmprogramm wurde auch in die Filmreihe „Verdrängtes und gelebtes Gedächtnis. Jüdisches Leben im deutschen Film nach 1945“ integriert (22.4., 19.30 Uhr, Lingnerschloss), das bis Mitte Mai im Museumskino Ernemann VII B sowie im Clubkino im Lingnerschloss Dresden zu sehen ist. Der Medienpädagoge Dr. Karsten Fritz und Kommunikationsmanager Markus Jüngling haben ehrenamtlich ein Programm aus Einführungsvortrag sowie acht Filmvorführungen zusammengestellt, das die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, in den beiden deutschen Staaten und nach der Wiedervereinigung abbildet. „Jüdische Lebenswelten werden ja durchaus ambivalent in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Wir sind nicht selbst Menschen jüdischen Glaubens, nähern uns dem Thema aber mit filmhistorischem Engagement und versuchen, eine eigene Perspektive einzubringen“, erzählt Dr. Karsten Fritz und erläutert bereitwillig die unterschiedlichen Herangehensweisen und vor allem auch die Rezeptionsgeschichte, die zunächst vor allem die Aufarbeitung der Shoa, aber auch jüdische Themen in audiovisuellen Medien generell erfahren haben.
In Bezug auf „Alles auf Zucker!“ von Dani Levy (13.5., 19.30 Uhr, Lingnerschloss) und den Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ betont Dr. Karsten Fritz: „Das hat dann nichts mehr mit dem Schuldkomplex Völkermord zu tun, sondern nimmt eine eigene Perspektive ein. Juden sind ganz normale Menschen wie du und ich und anders wollen sie sich auch nicht sehen. Sie wollen abseits der Auseinandersetzung mit dem Holocaust auch wieder eine eigene Normalität leben.“
Daphna Dreifuss etwa möchte im Rahmen von Tacheles Podiumsdiskussionen und Konzerte in Leipzig besuchen. Das Ariowitsch-Haus sei da immer eine gute Anlaufstelle. Dr. Christian Landrock wiederum sagt: „Ich freue mich z. B. sehr, dass das Barockschloss Delitzsch eine Ausstellung zum jüdischen Leben in Delitzsch kuratiert und ein beeindruckendes Rahmenprogramm auf die Beine gestellt hat. So vertont dort am 27. Mai die Sängerin Dota Kehr Gedichte von Mascha Kaléko. Im selben Monat spinnen auch mehrere Chemnitzer Museen eine Ausstellungsreihe zum einstigen jüdischen Leben in der Stadt unter dem Titel ‚Threads‘.“ Und er fügt hinzu: „Am besten wählt man seine persönlichen Höhepunkte selbst aus.“
Extratipp
Im Rahmen der Ausstellung „UNIVERSUM Dresden. Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch“, die vom 9. Mai bis 25. Oktober 2026 in den Technischen Sammlungen Dresden zu sehen ist, sollen auch erstmals Aufnahmen von Gesprächen mit ehemaligen Dresdner Jüdinnen und Juden zu sehen sein, die Hirsch 1997 in Israel geführt hat.
Text: Nadine Faust
Foto: Filmstill „Masel Tov Cocktail“ © Arkadij Khaet/Mickey Paatzsch/Filmakademie Baden Württemberg