Akt in sieben Emotionen

„Also, ich bin jetzt total für Sex ohne Gefühle!“, skandierte Tom-Christoph, während wir den zweiten Ipanema inhalierten. Tom-Christoph wurde nach sieben Jahren von seiner Freundin aus dem gemeinsamen Leben entfernt; eine Zeit, in der auch seine einst so stolze Nordmanntanne zu einem jämmerlichen Zweig verkümmert war. Tom-Christoph lag der Damenwelt zu Füßen und war entschlossen, sein Schicksal mit der entsprechenden Härte zu tragen. Zwei Monate später saß er vor einem Glas Apfelsaft und weinte sich die Augen aus. Er hatte „Sex“ gewählt, aber letztlich „Liebe“ genommen, seine Partnerin leider das Gegenteil. Und so konstatierte er betreten: „Nix ist’s gewesen!“ Und ich fragte mich: Sex ohne Liebe, Verliebtsein oder Gefühle – geht das?

Die einfache Antwort: Natürlich nicht! Die komplizierte: Kommt auf die Definition an.

Wie viel Bindung braucht ein Akt?

Es gibt die Business-Prinzessin in mir, die an die große Liebe glaubt und nur mit dieser verkehren möchte. Die im mit Glitzersteinchen besetztem Blazer und Brille auf der Nase vor dem Objekt der Begierde sitzt und auf einen 100-seitigen Vertrag pocht, bevor Sex in greifbare Nähe kommt. Eine Vereinbarung, die unter Androhung sämtlicher altertümlicher und neumodischer Foltermethoden Blicke auf sexuell anziehende Körperteile anderer Menschen außer mir verbietet. Die Gespräche über heiße Arbeitskolleg:innen auf ein Minimum reduzieren und den Kontakt zu hübschen Freund:innen untersagen würde. Einfach gesagt: Gib mir Liebe, Treue und deine Freiheit, dann bekommst du meinen Körper!

Und dann schlurft der lässige Teil in mir um die Ecke, in Riesen-Hoody, Shorts und Digimon-Socken, wischt das Papier vom Tisch und sagt: „Meine Lust, meine Regeln, meine Verantwortung.“ Ich bin keine Bittstellerin, weil ich Sex möchte. Ich bin eine gute Zutat für eine tolle Explosion. Aber ich will am Ende zufrieden sein. Und das kann bedeuten, dass ich meine Lust nicht an einem festen Partner und dessen Einstellung zur Treue festmache, sondern an der Verbindung, die wir beide gerade fühlen. Dabei kann es (fast) egal sein, in welcher Beziehung wir gerade stehen. Ich mag Menschen, ich mag Sex – aber es ist keine Einbahnstraße. Es muss nicht funktionieren, wenn ich Liebe empfinde. Es darf auch funktionieren, wenn ich keine Liebe empfinde.

Gefühlsliste

Nachdem ich das Thema ausführlich durchdacht hatte, kam ich weg vom Gedanken an Liebe und hin zur Frage, was ich tatsächlich fühle, wenn ich mit jemandem schlafe. Wenn sich Lust und Zuneigung zu einem Gemisch konzentrieren, das nur auf den Funken wartet, der es entzündet.

Ja, ich bin dann auf eine Art verliebt. So wie sich Kunstschaffende in ihr Objekt verlieben, es besitzen und vereinnahmen möchten, möchte ich diesen Menschen fühlen. Aber nur, wenn er mir emotional etwas bedeutet. Wenn ich seine Geschichte, seinen Charakter mag. Wenn es mich reizt, tiefer zu tauchen. Erst dann kann ich seinen Körper mögen.

Dann: Freude, Aufregung. Sich auf ein bekanntes oder unbekanntes Feld zu wagen. Sich einzulassen auf den Geruch eines Menschen, das Gefühl auf der Haut. Zonen zu entdecken, die besonders empfindsam sind, und solche, die man selbst gern anfasst. Die Reaktionen des anderen zu hören, das Zittern der Erregung zu spüren. Davon mitgetragen zu werden und in einen Rausch zu geraten, in dem viele Zahnräder ineinandergreifen. Aber auch die Freude, Dinge geschehen zu lassen, sich berühren zu lassen. Zu entdecken, wie man mit einem anderen Menschen funktioniert, körperlich und emotional. Ein sinnlicher Tanz um Grenzen herum.

In der Tiefe

Irgendwo ist da auch Dankbarkeit. Dass ich diesen Menschen getroffen habe und wir uns geeinigt haben, dass wir miteinander spielen, wie ein körperliches Konzert.

Respekt. Miteinander zu schlafen und (beinahe) das Intimste zu teilen, was man teilen kann, das bedeutet auch Verantwortung. Grenzen zu sehen und anzuerkennen. Einander weder emotional noch körperlich wehzutun, es sei denn, es wurde ein Konsens gefunden. Sich um den anderen zu kümmern, auch in den Minuten danach. Sich versprechen, dass man, auch wenn’s nicht erfüllend war, wertschätzend agiert. Das Bewusstsein, dass man sich auch später nicht willentlich wehtut, weil es ein Geschenk ist, jemandem so nah zu kommen.

Aber auch: Angst und Unsicherheit. Nicht gut genug zu sein. Nicht zu wissen, was man gerade will. Sich dafür zu schämen. Das nicht ausdrücken zu können, weil man Angst vor der Reaktion hat. Weil man enttäuscht von sich ist. Weil man doch cool sein wollte. Es gibt Phasen, in denen diese Unsicherheit alles auslöscht. Weil ich mich verkrieche anstatt auszusprechen, was ich gerade brauche – oder mir sogar eine Auszeit zu nehmen. Manchmal wünsche ich mir, ich würde den Respekt, den ich anderen zolle, auch mir zollen. Es gibt aber auch Momente, in denen ich es beendet habe. In denen ich gemerkt habe, dass sowohl ich als auch mein Partner nicht mit der Situation zufrieden waren. Anstatt das auszuhalten, habe ich gesagt, dass ich das nicht möchte. Und das wurde akzeptiert.

Und am Ende meistens: Erfüllung. Ob Orgasmus oder nicht, das Gefühl, jemandem nahe zu sein, auf Wolken zu schweben, alles intensiver wahrzunehmen, für einen Moment die Welt zu vergessen. Alle Probleme auszusperren. Glücklich sein. „Augenblick, verweile doch“ – so lange, wie man das möchte.

Schlussakt

Verliebt bin ich auch danach nicht. Ich bin zufrieden. Froh. Aber ich fühle mich danach nicht an jemanden gebunden. Nicht, weil wir Sex hatten. Sondern weil wir beide uns das Gefühl gaben, wichtig zu sein. Einen Teil unseres Lebens einzunehmen. Vielleicht liegt das daran, dass ich nie einen klassischen One-Night-Stand hatte, sondern die Menschen vorher immer kannte oder dass wir zumindest klar kommuniziert haben, was wir möchten. In der Disco jemanden erobern und am nächsten Morgen in einer fremden Wohnung aufwachen? Eher nicht. Ich dachte manchmal, ich sei direkt nach dem Akt verliebt, aber eigentlich wollte ich nur das Gefühl konservieren. Ich wollte nicht hinaus in die Kälte, den Alltag.

Wenn ich mit jemandem schlafe, dann lebe ich für den Moment und versuche, ihn zu genießen. Aber danach sieht die Welt bunter aus, ein paar Gedanken wurden angestoßen und mancher emotionaler Knoten gelöst. Aber ich bin immer noch ich. Und die Beziehung meistens auch.

Daher: Sex geht für mich nicht ohne Gefühle. Ohne ein gewisses Maß an Zuneigung und Faszination. Aber wenn ich den Menschen danach begehre, dann habe ich das davor schon getan.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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