Wie viel Stadt macht einen Menschen?

„Aber Sie kommen nicht aus Sachsen, oder?“ Diese Frage stellen mir Kunden oft. Sie ist eine Alternative zum Smalltalk über das Wetter, Homeoffice oder eine knarzende Telefonleitung, die eines von beidem zur Ursache hat. Meist wird die Frage vorgetragen in mehr oder weniger breitem Sächsisch, das mich ein bisschen an Ilse Bähnert erinnert. Es sind also eher die Einheimischen, die mich gar nicht hier verorten. Obwohl das Gegenteil der Fall ist: Ich habe in Johannstadt-Süd meine Kindheit verbracht, bin in Johannstadt-Nord erwachsen geworden, habe Schulen im Osten besucht und die meisten meiner Freunde leben heute im Westen, nämlich in Löbtau.

Als Kind in Dresden aufzuwachsen war nervig. Ich habe in der Grundschule so viele Legenden über August den Starken gehört, dass er der wichtigste Mann nach meinem Papa und meinem ersten Freund war. Ich habe die Brühlsche Terrasse so oft betreten, dass ich jeden Stein beim Namen nennen kann. Der Wiederaufbau der Frauenkirche war für mich ein Großereignis, das erst das Robbie-Williams-Konzert in der Messe übertroffen hat – obwohl ich erst später von den Hintergründen und dem Konflikt um den Wiederaufbau erfahren habe. Es gibt so vieles, das ich als Kind nicht verstanden habe, z. B. dass die Stadt nur durch viele Entscheidungen so aufgebaut wurde, wie sie ist. Meine Stadt hat mir gezeigt, dass es nicht EINEN Plan gibt, etwas zu verändern, sondern viele.

Ich habe Dresden lange Zeit gehasst. Dresden war nicht so bunt, so laut wie Berlin. Dresden kam mir immer schwermütig vor. Eine Stadt, die ächzt unter der Last der alten und der jüngsten Vergangenheit. Ein Ort, der stolz ist auf das, was vor zweihundert Jahren passierte, der aber nicht weiß, was man mit den politischen Strömungen anfängt. Und auch nicht, wie man die verfallenen Flächen, die nach dem Krieg entstanden sind oder die nach der Wende neu entstehen, sinnvoll und ästhetisch füllt. Ich habe mich gefragt, was all das mit mir zu tun hat, wenn ich doch gar kein Interesse habe, mit einem alten Mann Tee zu trinken, der eine Perücke auf dem Kopf trägt und für den seine Mätressen wohl einen ähnlichen Wert hatten wie die Juwelen im Grünen Gewölbe – schön, aber verkannt in ihren anderen Eigenschaften.

Was dieser Ort mit mir zu tun hat, abgesehen davon, dass ich all die wichtigsten Schreie meines Lebens hier gemacht habe, das habe ich erst verstanden, als ich mich in die Kunst gestürzt habe. Als ich anfing, mich und meine Fähigkeiten ernst zu nehmen und vor anderen aufzutreten. Anfangs noch gut getarnt mit dunkler Mütze, Rucksack und Mantel, später im Glitzerkostüm. Als ich andere Leute kennenlernte und merkte, dass hier sehr viel geht, wenn man genau hinguckt. Dass unsere Hochschulen Kunst, Technik und Geisteswissenschaften lehren und viele junge Leute anziehen, die Energie und Lust haben, etwas zu verändern. Dass so viele Menschen neben ihrem Brotberuf jammen oder schreiben oder zeichnen oder dafür sorgen, dass Menschen zusammenkommen und das tun. Dresden ist vielleicht nicht die Keimzelle des Jazz und auch die Comedy-Szene ist ein kleines Pflänzchen – aber es ist eine Stadt, in der zu den Ölgemälden der Alten Meister viel neue Kunst hinzukommt. Es ist dieses Leben, das dafür sorgt, dass ich mich hier geborgen fühle.

Ich bin nie aus Dresden weggekommen, ich habe die Stadt nie von außen betrachtet. Ich habe nie die Freude empfunden, die ein Tourist beim Anblick der Hofkirche verspürt, abgesehen davon, dass ich erst vor einem Jahr das erste Mal drin war. In Dresden haben fast alle schönen und traurigen Ereignisse meines Lebens stattgefunden. Es gibt Tage, an denen ich durch die Stadt gehe und ständig an Orten vorbeikomme, die mir etwas bedeuten. Der Stein, auf dem ich mit einem Freund gesessen und über das Leben philosophiert habe, der später gestorben ist. Das Bahngleis, auf dem ich in der Winterkälte gestanden und darauf gewartet habe, dass mein Freund aus dem Zug steigt und mich verlässt. Die dritte Eiche auf der Neustädter Seite der Augustusbrücke, unter der ich das erste Date nach dieser Trennung hatte. Der Mosaikbrunnen, vor dem ich an einem Sommernachtsmorgen getanzt habe, während der Mond auf uns schien.

Ich weiß nicht, was mir diese Stadt insgesamt bedeutet. Aber ich bin stolz darauf, schon so lange ein Teil von ihr zu sein. So viel über sie erzählen zu können, so viele Gesichter zu kennen. Und die Fähigkeit zu haben, sie irgendwie voranzubringen.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

2 Gedanken zu “Wie viel Stadt macht einen Menschen?

  1. Liebe Vivian,
    es ist für mich eine Freude gewesen diesen Artikel zu lesen und zu merken, dass auch (vielleicht sogar viele) andere Menschen über das Leben in der Stadt usw. intensiv nachdenken und sowohl die positiven aber auch die nicht so guten Lebensabschnitte mit einbeziehen und viel Zuversicht haben.
    Danke für diese Betrachtung “deiner Stadt”.

    1. Danke für die Rückmeldung – es ist ein laufender Prozess, sich mit der Stadt zu beschäftigen. Aber … es schlummert sehr viel in ihr!

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