Animation und Dokus aus Leipzig auf der Couch

Das 63. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK Leipzig) ist vorüber – zumindest als Präsenzveranstaltung. Ende Oktober war es eines der letzten vor dem „Lockdown Light“, das noch Filme in den Kinos zeigen konnte. Das 30. Filmfestival Cottbus wurde derweil hoffnungsvoll auf Dezember verlegt, das 16. Internationale Filmfestival für Menschenrechte und Entwicklung in Dresden, kurz MOVE IT!, unlängst abgesagt. Doch möchte man an dieser Krise auch irgendetwas Gutes finden, so sind es sicherlich die Streamingangebote, die viele Festivals machen und sich damit nicht nur neue Zuschauer:innengruppen erschließen, sondern mitunter sogar die Umwelt schonen. Klar fressen die Onlineangebote Strom und verbrauchen so Ressourcen, emissionsintensive Reisen von Filmemacher:innen und Publikum schwinden aber.

Das DOK Leipzig etwa hält einen Großteil seiner Filme bis 14. November für das deutsche Publikum online bereit. Fünf Euro kostet das Einzelticket, mit dem jeder Film zwei Tage verfügbar ist, 20 Euro das Gruppenticket, wenn man mit der ganzen Familie schaut – ohne dass das natürlich jemand kontrollieren würde, aber Solidarität hat noch niemandem geschadet. Ob sich das investierte Geld lohnt und der Filmgenuss schmecken könnte, das verraten bei mehr als 40 Filmen die Director’s Short Cuts, maximal dreiminütige Teaser für den jeweiligen kurzen oder langen Dokumentar- oder Animationsfilm, die mitunter selbst kleine Kunstwerke geworden sind.

„Family Affairs“

Einen dieser Teaser hat Rocco Di Mento erschaffen, der eigentlich aus Norditalien stammt, seit 2016 aber Dokumentarfilmregie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf studiert. Sein 84-minütiger Dokumentarfilm „The Blunder of Love“ seziert die Beziehungen in der eigenen Familie, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben oder in Gossip abzudriften. Ausgehend von der großen Liebesgeschichte seiner Großeltern, die wie ein Mythos über der Familie schwebt, erkundet Rocco die Wahrheit hinter solchen Verklärungen und entdeckt eine Härte, die Zuschauer:innen mitunter die Kehle zuschnürt. Nicht nur, weil es schwerfällt, dabei zuzuschauen, sondern vor allem, weil man manchmal Parallelen zur eigenen Familiengeschichte zu erkennen vermag.

Di Mentos Film ist im Rahmen des Goldenen Schnitts – Wettbewerb um den Publikumspreis langer Dokumentar- und Animationsfilm zu sehen, den allerdings der tschechische Beitrag „A New Shift“ von Jindřich Andrš gewonnen hat – ein Film über einen Bergmann, der sich nach 21 Jahren Arbeit in einer Mine umorientieren muss.

Dem Anspruch Nachdruck verleihen

Die Goldene Taube im Internationalen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm und damit 10.000 Euro konnte der Film „Downstream to Kinshasa“ von Dieudo Hamadi für sich verbuchen. Der Kongolese kehrt dabei zurück in seine Heimatstadt Kisangani im Osten der Demokratischen Republik, in der vor 20 Jahren in einer Schlacht um Rohstoffe tausende Zivilist:innen getötet oder verwundet wurden. Der Internationale Gerichtshof hat Uganda bereits vor Jahren zu einer Zahlung von einer Milliarde US-Dollar an die Opfer verurteilt, passiert ist seitdem nichts. Doch das wollen sich diese nicht gefallen lassen und nehmen die tausende Kilometer lange, einen Monat andauernde Reise in die Hauptstadt auf sich, um bei der Politik Unterstützung einzufordern.

Um Verwundungen anderer Art geht es im Wettbewerbskonkurrenten „Vicenta“, der als AnimaDok Dokumentar- und Animationsfilm auf eindrucksvolle Weise verbindet, um Unzeigbares doch auf die Leinwand zu bringen. Denn es geht um ein geistig und körperlich behindertes Mädchen in Argentinien, das 2006 von ihrem Onkel missbraucht wurde. Einer legalen Abtreibung des Kindes, das dabei entstanden war, stellten sich aber Jurist:innen und Ärzt:innen entgegen. Einem behördlichen Spießrutenlauf der Mutter Vicenta, die zu diesem Zeitpunkt Analphabetin war, folgt ein Urteil der Vereinten Nationen, das dem argentinischen Staat vorwirft, „das anerkannte Recht auf Freiheit von unmenschlicher, grausamer oder erniedrigender Behandlung im Fall von Laura und ihrer Mutter Vicenta fundamental missachtet zu haben.“ Darío Doria konnte damit die Filmkritik überzeugen und hat den International Critics Preis (Preis der FIPRESCI) gewonnen.

Große Geschichten im kurzen Format

Eindrucksvoll sind auch die kurzen Formate, die im Deutschen und Internationalen Wettbewerb gegeneinander konkurrierten. Während im Deutschen der Chemnitzer Filmemacher und Grenzgänger Jan Soldat mit seinem Porträt über „Erwin“ überzeugen konnte, gehört im Internationalen Wettbewerb kurzer Dokumentar- und Animationsfilm der polnische Beitrag „I’m Here“ von Julia Orlik zu den Gewinnern. Ebenfalls als AnimaDok angelegt, begleiten wir hier 15 Minuten lang eine ältere Frau beim Sterben. Durch eine Krankheit ans Bett gefesselt und ihr Gesicht in Schmerzen und Sprachlosigkeit modelliert, sind es hier die Dinge, die nicht gesagt werden, die am meisten wehtun.

Eher eine Collage bildet der Kurzfilm „Play Me, I’m Yours“ von Julia Palmieri Mattison. In einer Art Buch versammelt sie intime Versatzstücke ihrer Familie und verbindet sie mit Fotos von Fremden, um diese „familiäre Nacktheit“ auch anderen zugänglich zu machen. Die Künstlerin war folgerichtig auch Teil des Panels „Nackte Wahrheiten – Intimität im Dokumentarfilm“, das auf Facebook oder in der Mediathek des Festivals neben anderen frei zugänglich ist. In letzterer ist auch die Meisterklasse mit der belgischen Filmemacherin Annik Leroy zu finden, vier ihrer Filme können zudem gestreamt werden. Animationsfilmfreund:innen können sich darüber hinaus mit 25 Jahren animiertem Kurzfilm bei DOK Leipzig auseinandersetzen sowie mit dem Schaffen von Patrick Buhr und Aaron Jablonski.

Aber Achtung, nicht jeder Film ist bis zum 14. November zu sehen! Die Filme verschwinden in der Reihenfolge aus dem Onlineprogramm, wie sie Ende Oktober in die Kinos gekommen sind. Die Infos dazu samt Link zum Stream auf CultureBase findet Ihr beim jeweiligen Film unter dem Punkt Termine und Tickets (mit Klick aufs Ticket-Icon).

Text: Nadine Faust

Foto: Amac Garbe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.